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Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto: ZUMA Press/imago/Montage jW
Beim Einüben seiner Rolle für »Titanic«: Leo DiCaprio

Ideologisches Gegenkonzept

→ Zu jW vom 26.5.: »Eine ›KI-Sozialenzyklika‹?«

Leider wird die Enzyklika »Rerum novarum« Leos XIII., die der Namensvorgänger Leos XIV. 1891 verkündete, auch in diesem Artikel wieder mit »Geist der Neuerung« übersetzt und damit die »KI-Enzyklika« des jetzigen Papstes in einen falschen Zusammenhang gestellt. Leo XIII. wird traditionell als Erfinder der »katholischen Soziallehre« bezeichnet; mit diesem Begriff wird aber dessen Motivation verschleiert. »Rerum novarum (cupidum esse)« bedeutete im klassischen Latein Ciceros »eine revolutionäre Gesinnung (haben)«. Leo XIII. wird – zumal als Italiener – diesen Sprachgebrauch gekannt und bewusst benutzt haben. Mit der »katholischen Soziallehre« versuchte er folglich, dem damals erstarkenden Sozialismus bzw. Kommunismus ein ideologisches Konzept entgegenzustellen.

Lothar Zieske, Hamburg

»Position des liberalen Kleinbürgertums«

→ Zu jW vom 28.5.: »›Ist Schwerdtners Ansatz der richtige?‹«

Die letzten vier Sätze des Interviews sollten uns sehr nachdenklich machen, entspringen sie doch einer sehr nüchternen Vorausschau auf das zu Erwartende. Dass die Spitze der Linkspartei das anders sieht, war zu erwarten. Sie vertritt die Positionen des liberalen Kleinbürgertums: Um sich vor der Reaktion zu retten, muss man sich mit der Reaktion verbünden. Dass das in der Geschichte schon oft genug gescheitert ist, schert keinen. Um geschichtliche Erfahrungen kümmert man sich dort nicht.

Joachim Seider, Berlin

Solidarität gefühlt

→ Zu jW vom 23./24.5.: »Solidarität mit Castro«

Wer Kuba besucht hat – ich war Anfang der 90er Jahre für einen Monat auf der Insel –, der hat erlebt, wie sich Menschlichkeit und Solidarität anfühlen. Und wer danach wieder in die BRD zurückgereist ist, der versteht und erlebt, was Alltagsfaschismus ist. Der beginnt an der Grenzabfertigung am Flughafen.

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Manni Guerth, Hamburg

Kernig

→ Zu jW vom 26.5.: »Zeche und Zeichen«

Die legendäre DKP-nahe Literaturzeitschrift Kürbiskern aus dem Damnitz-Verlag München mit dem Untertitel »Literatur, Kritik, Klassenkampf« erschien von 1965 bis 1987 zeitweise mit bis zu ca. 10.000 Exemplaren und wurde von Christian Geissler, Friedrich Hitzer, Yaak Karsunke, Hannes Stütz und Manfred Vosz herausgegeben. Ab 1968 waren die Herausgeber auch, bedingt durch einen teilweisen Wechsel, Walter Fritzsche, Klaus Konjetzky, Oscar Neumann und Conrad Schuhler. Sie haben sich große Verdienste bei der Veröffentlichung der Werke von Max von der Grün und den vielfältigsten literarischen Formen der Autoren des »Werkkreises Literatur der Arbeitswelt« aus Deutschland, Österreich sowie der Schweiz erworben.

Ich habe das Glück, alle Ausgaben der faszinierenden Zeitschrift zu besitzen, die uns viele wertvolle, hilfreiche, interessante, weiterführende Anregungen und Hinweise während unseres Studiums und für die spätere Tätigkeit im Buchhandel gegeben hat, aber auch für die Bibliotheken, wissenschaftlichen Einrichtungen, die Arbeit auf den Gebieten Kultur und Kunst, im abendlichen und nächtelangen Meinungsaustausch bei oftmals heißen, kontroversen Diskussionen und Debatten. So kamen wir dann auch in Berührung mit den verschiedenen Werken von Max von der Grün und waren nicht immer einer einhelligen Auffassung zu seinen Publikationen. Sie haben uns im Laufe der Jahrzehnte aber immer mehr oder weniger begleitet. Eine marxistische Kulturzeitschrift wie der Kürbiskern fehlt heute mit seiner damals erheblichen Wirkmächtigkeit in kulturell-künstlerischen Kreisen im linken Spektrum im gesamten deutschsprachigen Raum. (…)

Beate Meetz, Lund (Schweden)

Wir waren mal weiter

→ Zu jW vom 27.5.: »Ein offener Weg«

Danke für diese dialektische Analyse der Rede Ulbrichts und einiger ihrer Hintergründe. Auch einigen Linken muss man erläutern, dass Walter Ulbricht kein »Betonkopf« war, als der er immer wieder hingestellt wird. Man kann durchaus behaupten, dass die DDR der sechziger Jahre wirtschaftlich und gesellschaftlich sehr gut dastand. Das ist zu großen Teilen Walter Ulbricht zu verdanken. Er konnte vordenken, die Aufgaben von morgen und übermorgen erfassen, ohne dabei die gegenwärtigen Aufgaben zu vernachlässigen. Alles im Sinne einer sozialistischen Gesellschaft.

Besonders gefällt mir, wie der Autor die damalige Rede mit den heutigen Zuständen verknüpft. Es ist immer wieder frappierend zu sehen, wie weit man schon einmal war, und wie weit zurückgefallen man nun ist. Leider haben sich die meisten linken Gruppierungen von der Geschichte der Arbeiterbewegung und damit dem Marxismus maximal entfernt und glauben, so ohne historischen Ballast irgendwie was bewegen zu können. Ein fundamentaler Irrtum und damit auch eine intellektuelle Bankrotterklärung. Deshalb sind u. a. die reaktionären Einflüsse in der Gegenwart so stark, weil sie keinen ernsthaften Gegner mehr haben. Walter Ulbricht und die SED waren ernsthafte Gegner. Die Verteufelung gerade Walter Ulbrichts spricht Bände. Sie mussten ihn fürchten.

André Möller, Berlin

»Urteil im Namen der Staatsräson«

→ Zu jW vom 28.5.: »Ein Schauprozess«

Ich bin nicht der Auffassung, mit dem falschen Weg von RAF und Co. in einer Widerstandslinie zu stehen. Bei allem Verständnis für Motive: Der Weg war falsch, und er hat der linken und fortschrittlichen Bewegung geschadet. Allerdings teile ich uneingeschränkt die Meinung, dass dies eine Art Schauprozess war. Der Weg zum Urteil und das Urteil haben mit Wahrheitsfindung oder Rechtsfindung wenig zu tun. Das Urteil ist ein Urteil im Namen der Staatsräson. Es ist keines im Namen des Volkes, sondern – auch da stimme ich zu – selbigem werden hier die Werkzeuge gezeigt.

Stephan Krüger, Neumarkt in der Oberpfalz

Ich bin nicht der Auffassung, mit dem falschen Weg von RAF und Co. in einer Widerstandslinie zu stehen. Bei allem Verständnis für Motive: Der Weg war falsch, und er hat der linken und fortschrittlichen Bewegung geschadet.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.05.2026, Seite 14, Leserbriefe

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 2. Juni 2026 um 11:31 Uhr
    »Und wer danach wieder in die BRD zurückgereist ist, der versteht und erlebt, was Alltagsfaschismus ist. Der beginnt an der Grenzabfertigung am Flughafen.« Manfred G. erklärt uns was Faschismus ist: Nicht etwa »die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals« mit beispiellosen Verbrechen wie der fabrikmäßigen Ermordung von Menschen in Konzentrationslagern (Auschwitz), nein, was Faschismus wirklich ist, erleben die Urlauber tagtäglich bei der Grenzabfertigung. Georgi Dimitroff wird sich im Grab umdrehen.
    • Onlineabonnent*in Manfred G. aus H. 3. Juni 2026 um 13:24 Uhr
      Weil Dimitroff ein Marxist ist, bleibt er ruhig im Grab liegen. Warum? Er versteht den Kernsatz von Marx: Wahrheit ist praxisbezogen. ist, was die realen gesellschaftlichen Verhältnisse korrekt erkennt. Dimitroff hat recht, aber der moderne Faschismus ist kein Widerspruch zu Dimitroff. Er ist heute neoliberal verpackt. Das bedeutet Faschismus in Nadelstreifen und nicht in Militärstiefeln: 1. Formale demokratische Institutionen bleiben, während politische und wirtschaftliche Macht zunehmend konzentriert wird. 2. Soziale Rechte werden geschwächt, während Eigentumsrechte und Marktinteressen Vorrang erhalten. 3. Gesellschaftliche Probleme werden individualisiert (»jeder ist selbst verantwortlich«). 4. Autoritäre Maßnahmen werden mit Effizienz, Sicherheit oder wirtschaftlicher Notwendigkeit begründet. 5. Medien, Kultur und Bildung fördern Anpassung an bestehende Machtverhältnisse. Es ist eine modernisierte Form der Stabilisierung der kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse in Krisenzeiten. Leute wie sie sagen, dass Faschismus einen sehr spezifischen historischen Begriff bezeichnet: Ultranationalistische Massenbewegung, Führerkult, politische Gewalt gegen Gegner, Abschaffung demokratischer Freiheiten und eine offene rassistische Ideologie. Das ist kein Widerspruch. Der moderne Faschismus berührt Gramscis Methode der Untersuchung, wie wirtschaftliche Eliten durch Medien, Bildung und Kultur Zustimmung organisieren. Autoritäre Entwicklungen würden für ihn mit einer Krise der gesellschaftlichen Hegemonie zusammenhängen. In »Der Pragmatismus eine Philosophie des Imperialismus« beschreibt Harry K. Wells 1954, wie der Faschismus entstanden ist. Pragmatismus bedeutet: Alles, was nützlich ist und Erfolg hat, ist gut. D.h., wenn ich Atombomben auf ein Land abwerfe und das Land erfüllt dann meine Forderungen, dann ist es gut. Damit haben die Engländer ihren weltweiten Kolonialismus begründet. Diese Denkweise ist die ideologische Wurzel des Faschismus. Manni Guerth
      • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 4. Juni 2026 um 11:47 Uhr
        Mit Ihrer Definition (sogar Marx wird bemüht, man könnte auch zu sagen, missbraucht) von Faschismus kann man praktisch alles als Faschismus bezeichnen. Dass Sie damit (»Alltagsfaschismus«; »Der beginnt an der Grenzabfertigung am Flughafen«) die beispiellosen Verbrechen des Hitlerfaschimus verharmlosen und relativieren, haben Sie wohl immer noch nicht begriffen. In der KAZ Nr. 367 antwortet der Autor auf einen Linkssektierer: »Verharmlosung des Faschismus ( …) Dass der Faschismus als offene terroristische Diktatur ein qualitativer Sprung in der Diktatur der Bourgeoisie ist gegenüber der bürgerlichen Demokratie, genau das wird damit unterschlagen. Natürlich wird in der bürgerlichen Demokratie die Arbeiterklasse niedergehalten, werden die Kommunisten unterdrückt, werden die Interessen der Ausbeuter letztlich mit Gewalt durchgesetzt. Aber macht es keinen Unterschied, wenn die durch die Sozialdemokratie vertretene Arbeiteraristokratie als soziale Hauptstütze ausgewechselt wird durch das Kleinbürgertum? Wenn frühere sozialdemokratische Würdenträger sich statt auf Ministerposten plötzlich im Kerker und KZ oder als Asylsuchende im Ausland wiederfinden? Macht es keinen Unterschied, wenn statt parlamentarisch-liberalem Geschwätz, bei dem auch mal Nein gesagt werden darf, im Faschismus Ja! Jawoll! gesagt werden muss, wo statt partiell zugelassener Vielfalt offene Gleichschaltung herrscht, wo statt formaler Gleichheit und bürgerlichem Recht Ungleichheit und Willkür zum Gesetz erhoben sind? Wo offener, ungeschminkter Terror zur Staatsräson erklärt wird (…).«
        • Onlineabonnent*in Manfred G. aus H. 4. Juni 2026 um 21:11 Uhr
          KAZ ist eine Kommunistische Arbeiter Zeitung ohne Arbeiter. Eine Gruppe von selbsternannten Kommunisten, die sich aus lächerlich politischen Gründen, wie z.B. die Einschätzung der deutschen Wiedervereinigung usw. von der KPD Wiederaufbau abgespalten hat (oder umgekehrt) und nicht in der Lage ist, ihren sektiererischen Sumpf zu verlassen, weil sie es sich in ihrer Welt der Theorien bequem gemacht haben. Diese als Fürsprecher ihres Gedankenguts zu benennen, ist langweilig. Hätten sie Marx, Mao, Lenin, Trotzki, Engels, Gramsci, Stalin, Bakunin, Kropotkin etc. mit Zitaten als ihre Fürsprecher benannt, wäre ich ins Nachdenken gekommen. Im übrigen gibt es keine bürgerliche Demokratie. Das ist bürgerliche Propaganda, um die Menschen in ein politisches Wachkoma zu versetzen. Es gibt nur bürgerliche Diktatur. Sie sollten mal darüber nachdenken, was die Begriffe Praxis und Vergangenheit bedeuten. Mao, Lenin, Trotzki, Engels usw. haben sich so »geeinigt«: Praxis ist der Prüfstein der Wahrheit. Es zeigt sich, ob eine Idee richtig ist, nicht im Kopf, sondern darin, ob sie im gesellschaftlichen Kampf funktioniert. Praxis ist dialektisch. Praxis verändert die Welt und diese veränderte Welt verändert wieder das Bewusstsein. Also kein starrer Plan, sondern: Aktion → Erfahrung → Analyse → neue Aktion Revolutionäre Politik ist deshalb ein lernender Prozess, kein Dogma. Zum Thema Vergangenheit: Geschichte ist ein dialektischer Prozess. Materielle Bedingungen ändern sich. Alte Formen können nicht einfach kopiert werden. Ungelöste Widersprüche verschwinden nicht: Klassenkampf, Ausbeutung, Krisen – sie tauchen neu auf, oft schärfer. Wenn man versucht, Geschichte mechanisch zu wiederholen, endet das in: Sektierertum, Dogmatismus und politischer Realitätsblindheit. Praxis muss immer von der konkreten Lage ausgehen. Manni Guerth
          • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 5. Juni 2026 um 14:06 Uhr
            Die Aufzählung der Persönlichkeiten – mit Trotzki und den Anarchisten Bakunin und Kropotkin – mutet an wie ein politischer Gemischtwarenladen. Kommt das daher, weil Sie phrasenhaft die »Praxis« so sehr betonen (gleich 4× hier) und damit die Theorie vernachlässigen? Mit der Behauptung, es gäbe keine bürgerliche Demokratie, sind Sie näher an Verschwörungstheorien als an Marx, Lenin und Stalin. Auch mit der Attacke auf die KAZ sind Sie dem Inhalt meines Beitrags geschickt ausgewichen. Aber die wichtigen Infos zum Faschismus sind auch in erster Linie für interessierte Leser geschrieben, die sich dadurch ein Bild machen können. Übrigens kann man von der KAZ immer etwas lernen, Trotzkisten und Anarchisten stiften nur Verwirrung. Zitat aus KAZ, Februar 2020: »Alles in Allem: Beschönigung der Konterrevolution und Desorientierung – das letzte Wort des Trotzkismus im Größer-Deutschland!«
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