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Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto: ZUMA Press/imago/Montage jW
West-östliche Diva: Arundhati Roy

Grenzen gesetzt

→ Zu jW vom 18.5.: »Die Verkrempelung der Welt«

Es stimmt, dass viel Arbeit für immer mehr Produkte aufgewendet wird, die sich nicht positiv auf unsere Lebensqualität auswirken. Dass dieser Aufwand getrieben wird oder besser getrieben werden muss, hat einen ­systemischen Grund. Dem Kapitalismus geht es einzig und allein um Aneignung unbezahlter Arbeit, also Mehrwert bzw. Profit. Im Zuge der wissenschaftlich-technischen Entwicklung nimmt aber der Anteil der menschlichen Arbeit im Produktionsprozess ab, so auch der Mehrwert, um den die Kapitalisten konkurrieren. Mit immer mehr und immer neuen Produkten versuchen sie, dem zu begegnen, d. h., den Mehrwert und die Möglichkeiten seiner Realisierung auszuweiten. Das aber kann nicht unbegrenzt geschehen, wie wir von Karl Marx wissen.

Jürgen Haase, Leipzig

Nützlicher Griff?

→ Zu jW vom 15.5.: »Ein Griff, um die Dinge zu bewegen«

Wenn der Faschismus nicht vom Himmel fällt, wozu zumindest Marxistinnen und Marxisten keinen Gedanken verschwenden, so gehen einer Phase, die eventuell eine Faschisierungstendenz einleitet, Rechtstendenzen voraus. Da es in Klaus Webers Artikel um die Rolle der AfD geht, dürften die begünstigenden Entwicklungen auf den Gebieten staatlicher Repressionsapparat und Migration durch nahezu alle bürgerlichen Parteien unstrittig sein.

Verdienstvoll ist Webers Fortsetzung der Diskussion um die diese Entwicklung fassenden Begriffe, hier: Faschisierung und Formierung, letzteren findet er bei Reinhard Opitz. Faschisierung dient in der Regel als Beschreibung einer möglicherweise entsprechenden Entwicklung und wurde/wird von linksliberalen, linken und linksradikalen Gruppen bei autoritären Wenden bürgerlicher Politik oft inflationär benutzt.

Der Dimitroffsche Faschismusbegriff ist für Tendenzen gar nicht vorgesehen – hier irrt Weber. Dieser definiert den Faschismus »an der Macht« (Dimitroff). Davon zu unterscheiden ist die faschistische Bewegung. Wenn zentral in deren Konzeption »der Vernichtungskern« (Weber) sei, können wir gerade nicht wissen, dass »der Faschismus im 21. Jahrhundert eine andere Form haben wird«.

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Opitz’ Formierungsbegriff bezieht sich keineswegs nur auf die (Kanzler-)Zeit Ehrhards, sondern auf die ideologische Integration in die bürgerliche Gesellschaft mit dem Kern der Sicherung und Erhaltung »rentabilitätsgerechter Verhältnisse« (Opitz). Webers Frage nach der Wahrscheinlichkeit einer faschistischen Herrschaft, »wenn Formierung nicht mehr gelingt«, stellt sich selbstverständlich nur, wenn dann der Kapitalismus nicht kapituliert.

Klaus-Jürgen Hügel, Kehl

Ausgewichen

→ Zu jW vom 15.5.: »Ein Griff, um die Dinge zu bewegen«

Natürlich ist es eine außerordentlich wichtige Frage, auf welche Weise die faschistische Durchdringung der gesellschaftlichen Verhältnisse aktuell abläuft. Aber der Artikel trägt nun einmal auch den Untertitel »Faschismusdefinition«. Gerade dieser klaren Definition, was Faschismus eigentlich ist, weicht Klaus Weber leider rundherum aus. Dadurch bleibt er beim Beschreiben von Erscheinungen stecken, wo doch zunächst Klarheit über das Wesen geschaffen werden müsste.

Es ist der klare Vorteil der nur kurz gestreiften Definition von 1935, dass sie auf die ökonomischen Wurzeln des Faschismus verweist: die völlig entgrenzte Machtübernahme durch das Finanzkapital. Sie folgte damit der marxistischen Logik, dass es die ökonomischen Verhältnisse sind, die am nachhaltigsten die politischen Oberflächenerscheinungen prägen. Man kann viel über Faschisierung reden. Wenn dabei das Wort Finanzkapital und eine Analyse seiner aktuellen Entwicklungen fehlen, bleiben wir ähnlich ratlos wie ein Arzt, der zwar das Krebswachstum eines Patienten detailgenau beschreiben kann, aber nicht ahnt, woher es eigentlich kommt. Ein Blick auf das heutige Finanzkapital zeigt: Es ist erkennbar weitaus gefährlicher als jegliche Krebsart. Es frisst nicht einzelne. Es hat das Zeug, uns alle zu fressen.

Joachim Becker, Berlin

»Grund zum Fremdschämen«

→ Zu jW vom 20.5.: »Amtliche Geschichtsklitterung«

Am Verstand ist zu zweifeln. An dem, was in diesem Lande als Demokratie, Freiheit oder Menschenrechte verstanden wird, daran darf nicht erst seit heute gezweifelt werden. Es ist bei Lobpreisung der sogenannten freiheitlichen Werte immer die Frage zu stellen: Für wen gelten sie und gegen wen sind sie gerichtet? Mit alledem nicht genug: Es fehlt in diesem Lande, vornehmlich zunehmend an schlichtem, einfachstem Verstand für historische Tatsachen. Getragen von blindem, unbändigem Hass verbieten deutsche Ämter und Behörden das Zeigen sowjetischer Fahnen anlässlich des Gedenkens am 8. und 9. Mai.

Sind mit dem sogenannten russischen Angriffskrieg die Befreiung und der Sieg über den deutschen Faschismus nicht mehr existent, keine historische Leistung der Sowjetarmee mehr? Wie blöd müssen deutsche Behörden sein? Sollen mit solchen Blödheiten der deutsche Faschismus, der faschistische Krieg gegen die Sowjetunion und die halbe Welt gerechtfertigt, ins rechte deutsche Licht gerückt werden? Soll mit dem Verbot sowjetischer Fahnen – die 1945 den Sieg über den Faschismus symbolisierten – heute der Krieg Russlands gegen die Ukraine benutzt werden, um historische Ereignisse zu löschen?

Am Verstand in diesem Lande ist ernsthaft zu zweifeln, und an all denen, die sich für solchen Blödsinn auch noch hergeben. Millionen Deutsche haben allen Grund zum Fremdschämen, haben Grund, der Befreier zu gedenken, der vielen Millionen Opfer der Sowjetunion, des russischen Volkes, des Volkes, das die Wunden des verbrecherischen faschistischen Krieges bis heute in sich trägt.

Roland Winkler, Aue

Der Dimitroffsche Faschismusbegriff ist für Tendenzen gar nicht vorgesehen – hier irrt Klaus Weber. Dieser definiert den Faschismus ›an der Macht‹. Davon zu unterscheiden ist die faschistische Bewegung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.05.2026, Seite 14, Leserbriefe

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