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11.05.2026
- → Leserbriefe
Aus Leserbriefen an die Redaktion
Update: Eva Maria Michelmann
→ Zu jW vom 7.5.: »Weshalb zieht sich Evas Freilassung so lange hin?«
Vielen Dank für Ihren Artikel. Es hat vor circa zwei Wochen tatsächlich einen kurzen Besuch einer Konsulatsbeamtin bei Eva stattgefunden. Ein Gespräch konnte wegen der Anwesenheit zweier »Sicherheitskräfte« nicht stattfinden. Seither wird laut Auswärtigem Amt wieder jeder weitere Kontakt verwehrt. Gründe? Werden nicht genannt. Wir fordern die Freilassung von Eva-Maria Michelmann und Ahmet Polat. Beide befinden sich in Incommunicado-Haft, weil sie ihre Arbeit gemacht haben.
Rotraut Hake-Michelmann (Mutter von Eva), Bonn
Kritik der Kritik der Kritik IV
→ Zu jW vom 27.4.: »Kein blinder Fleck«
Ich glaube, dass man die heutigen Erscheinungen des Kapitalismus mit Marxschen Begriffen gut analysieren kann, ohne neue Grundkategorien einer politischen Ökonomie der Digitalisierung. Deine Definition der Warenproduktion ist mindestens unscharf: »Arbeit« gilt im Kapitalismus eben nur dann als gesellschaftlich notwendig im spezifischen Sinn abstrakter Arbeit, wenn sie zum Wachstum von Privateigentum beiträgt. Für Carearbeit schlage ich also den Begriff der unmittelbar gesellschaftlichen Arbeit vor.
Marx definiert den Wert als das Quantum abstrakter Arbeit, das dem Tauschwert der Ware zugrunde liegt. Waren wurden schon in biblischen Zeiten produziert, aber erst in den Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint ihr Reichtum als ungeheure Warensammlung (so der erste Satz im Kapital). Wie schon zu Marx’ Zeiten bestehen auch heute in den kapitalistischen Ländern neben der kapitalistischen Produktionsweise andere Produktionsweisen, die aber von ersterer geprägt sind: Es wird alles zur Ware gemacht, um daraus Profit schlagen zu können – oder um sich über Wasser zu halten. Nicht entscheidend ist, ob das Produkt materiell oder immateriell ist oder ob es sich um eine Dienstleistung handelt. Marx unterscheidet aber produktive und unproduktive wertschaffende Arbeit. Carearbeit wird auf ganz verschiedene Art verrichtet: Wird die Arbeit in der Familie für die eigenen Angehörigen geleistet, wurde kein Tauschwert produziert. Wird ein kommerzieller Pflegedienst engagiert, wird Lohnarbeit verrichtet, also produktive Arbeit. Ist der Pflegedienst nonprofit, handelt es sich um unproduktive Lohnarbeit, die Lohnarbeiter gehören zur neuen Mittelklasse. Ist die Pflegekraft selbständig, gehört sie wahrscheinlich zum Prekariat oder zur traditionellen Mittelklasse (wie Handwerker, Landwirte oder Freiberufler). Oft ist es nur ein Zuverdienst zum Einzel- oder Familieneinkommen.
Wie verhält es sich mit den Produkten der Digitalisierung? Daten fallen oft als Abfall oder Beiprodukt von diversen Prozessen an, wenn sie nicht gezielt produziert werden. Wenn sie als Waren gehandelt werden, bemisst sich ihr Wert nach dem Aufwand für ihre Erzeugung bzw. ihr Schürfen, ihre Aufbereitung, Speicherung und Übermittlung. Da die Kosten ihrer Reproduktion sehr gering sind, nimmt ihr Anteil am Warenwert stark ab, je mehr verkauft werden. Die Verwendung des Begriffs »moralischer Verschleiß« halte ich hier für irreführend. Marx verwendet ihn bei der Analyse des fixen Kapitals, dessen Wert u. a. durch den Fortschritt der Wissenschaft vorzeitig gemindert wird, im Unterschied zum körperlichen Verschleiß. Die Wissenschaft selbst zählt er zu den gesellschaftlichen Produktivkräften »als das allgemeine geistige Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung (…) In der Maschine erscheint die realisierte Wissenschaft als Kapital den Arbeitern gegenüber.« (In: Marx, »Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses«, Frankfurt am Main 1969, S. 79 ff.) Wissenschaft lässt sich schwer zur Ware machen, das ist ein Widerspruch in sich. Immaterielle Produkte benötigen jedenfalls neue Vertriebswege. Die Digitalisierung stellt eine Entwicklung der Produktivkräfte dar wie der Fordismus mit der Fließbandfertigung. Ob dies dem Kapitalismus aus seiner systemimmanenten Krise heraushilft, ist die Frage.
Ulrich Memmler, per E-Mail
Kompromiss als Verrat
→ Zu jW vom 6.5.: »Pflichtoptimismus bei ›Schwarz-Rot‹«
Ist der Ruf erst mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert, sagt der Volksmund. Die SPD als selbsternannte Volkspartei könnte die Weisheit des Volkes nicht besser vorleben. Im Wissen darum, was von einer so stolzen Arbeiterpartei, einer Partei der Ausgebeuteten und der von zunehmendem Sozialabbau direkt betroffenen Millionen im Lande, noch geblieben ist, was diese Partei sich noch anmaßt sein zu wollen, in wessen Interesse sie vorgibt, Politik zu machen, ist es längst nicht nur Schamlosigkeit, Ungeniertheit, die von den Bas und Klingbeils neben Merz und Co. in solidarischer Eintracht sicht- und hörbar sind. Der Verrat ist seit mehr als 100 Jahren ein kennzeichnendes Substantiv für die Führer dieser Partei. Wenn sie behauptet, eine Reihe Kompromisse bereits gemacht zu haben, dann sind das keine Kompromisse, sondern dann ist das eben Verrat an den Interessen der arbeitenden Klasse.
Die führenden Köpfe der SPD in ihrem politischen Zustand erkennen und begreifen scheinbar gar nicht mehr, wie sie sich benutzen lassen gegen die Interessen ihrer Klientel. Wer den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Arm und Reich, zwischen Nichtbesitzenden und Besitzenden, zwischen Ausgebeuteten und Profiteuren nicht mehr wahrhaben will, sich damit versöhnen will, dem bleibt nur der schlichte Verrat, der weiter getrieben werden soll und Kompromiss genannt wird. (…)
Roland Winkler, Aue
Ist der Ruf erst mal ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert, sagt der Volksmund. Die SPD als selbsternannte Volkspartei könnte die Weisheit nicht besser vorleben.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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