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21.05.2026
- → Leserbriefe
Aus Leserbriefen an die Redaktion
Was tun? III
→ Zu jW vom 16./17.5.: »Aus Leserbriefen an die Redaktion«
Ich schließe mich der Meinung und Sorge der jW-Leserin Margitta Mattner in ihrem »Was tun? II« betitelten Leserbrief vom Wochenende an. Auch mich erschreckt zutiefst die Gleichgültigkeit der meisten Menschen in dieser kapitalistischen BRD. Ist ihnen wirklich egal, was um uns herum in der Welt passiert? Sind sie mittlerweile schon so abgestumpft? Interessiert sie wirklich nur noch der Konsum und das persönliche Wohlergehen?
Gerade der jüngeren Generation dürfte ihre Zukunft, soweit sie noch eine haben sollte, doch nicht gleichgültig sein. Ich, fast 70 Jahre alt, gehöre zu jener Generation, die in der DDR geboren wurde und damals schon den weiteren sozialistischen Aufbau vorantrieb. Unsere Generation wird die Welt sicherlich nicht mehr ändern. Das bleibt die dringende Aufgabe der nachfolgenden, wenn sie noch eine Zukunft haben wollen. Das bedeutet aber nicht, dass wir »Alten« uns nun ruhig zurücklehnen können, ich mache mir große Sorgen um meine/unsere Enkelkinder.
Joachim Becker, per E-Mail
Doch, doch: Burgfrieden
→ Zu jW vom 9./10.5.: »Der DGB-Bundeskongress ist eine Chance«
Die geschätzte Kollegin Ulrike Eifler beklagt zwar – und natürlich zu Recht – eine schwache Verankerung von Friedenskräften in Gewerkschaften, weswegen diese dann eben wie die Initiative »Sagt nein!« draußen vor dem Tagungsort des DGB-Bundeskongresses agieren müssen. Auch fehlen heute Sozialproteste. Sie stellt kategorisch das Einhalten eines Burgfriedens der Gewerkschaften mit der herrschenden Politik in Abrede und hält den DGB-Bundeskongress für eine Chance; politische Möglichkeiten würden, klaro, durch das Kräfteverhältnis bestimmt. Statt dessen kapriziert sie sich darauf, der vorgenannten Initiative eine fehlerhafte Analyse zu unterstellen.
Nun wissen kluge Leute, insbesondere kluge Linke, dass die Gegenwart und die Handlungsmöglichkeiten von Entscheidungen und Ergebnissen der Vergangenheit bestimmt werden. Alsdann: Hinsichtlich der heute brutalstmöglichen Sozialkahlschlagspolitik zwecks Aufrüstung zum Krieg (gegen Russland) reicht ein Blick zurück zur Deformpolitik der Regierung von SPD (Schröder) und Bündnis 90/Die Grünen. Die Gewerkschaften haben dazu damals mit den Unternehmern und besagter Politik ein »Bündnis für Arbeit« geschlossen – was sich für die »Arbeitnehmer« (davon circa drei Millionen erwerbslos) erst mal gut anhörte. Das war aber eigentlich ein Bündnis für »Wettbewerbsförderung«. Der Aspekt fiel (bewusst?) unter den Tisch, war jedoch des Pudels Kern: Der praktische Ausfluss dieses Bündnisses ist mit den Begriffen Hartz IV und Agenda 2010 allgemein bekannt und erfahren worden. Die Gewerkschaften (IGM mit Heinz-Peter Gasse und Verdi mit Isolde Kunkel-Weber) wirkten in der Hartz-Kommission mit. Davon, dass sie sich quergestellt oder widersprochen haben, ist mir nichts bekannt. Seither darf sich Deutschland eines großen Niedriglohnsektors, prekärer Beschäftigung und Abstrichen bei der Rente rühmen.
Damals gab es nachhaltige Sozialproteste (Montagsdemonstrationen) und unter gewerkschaftlicher Beteiligung Anfang April 2004 in drei Städten große Demonstrationen mit insgesamt circa 750.000 Teilnehmern. Erschrocken (offensichtlich) rief danach der damalige DGB-Vorsitzende eine »Sommer«-Pause für diese Sozialproteste aus. Ungestört wurden dann vorerwähnte Gesetze beschlossen. Wer also heute das (lausige) »reale Kräfteverhältnis« bedauert, muss auch konstatieren: selbstverschuldet! Wenn die klugen linken Gewerkschafter dann noch ein bisschen weiter in die Vergangenheit schauen, können sie auf eine Feststellung von Karl Marx stoßen (in »Lohn, Preis und Profit«): »3. Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals. (…) Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, (…) statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse (…)«. Kritik an anderen ist wohlfeil, Selbstkritik oft besser.
Joachim Glund, per E-Mail
Luxusdampfer am Ende
→ Zu jW vom 15.5.: »Der ewige Status quo«
Das ist Dialektik: Indem die Herrschenden versuchen, die alte Welt zu konservieren, treiben sie die Gesellschaft genau auf jenen Zustand zu, in dem es mit absoluter Sicherheit nicht mehr so weitergeht wie bisher. Das Kapital will und kann nicht wahrhaben, dass die Wände der von ihm ausgehobenen Grube immer instabiler werden, je tiefer sie ausgehoben wird. Obwohl doch jeder klar Denkende schon jetzt erkennen kann, wo das zwangsläufig irgendwann enden muss. Endzeitstimmung eben. Und wie auf der »Titanic« spielt die Kapelle weiter fröhliche Weisen, bis das Schiff endgültig untergeht.
Joachim Seider, Berlin
»Einmaliges Angebot«
→ Zu jW vom 16./17.5.: »An die Substanz«
Von 1968 bis 1971 war ich Chemiefacharbeiterlehrling in Bitterfeld. Unser Internat befand sich nur wenige Schritte vom Kupa, dem Kulturpalast, entfernt, und so haben wir dort manchen Abend verbracht. Ich erinnere mich gern daran, dass die großen Berliner Theater wie die Volksbühne, aber auch die Staatsoper und das Ballett der Staatsoper auf ihren Tourneen in Bitterfeld Station gemacht haben. Die Kultur kam zu den Werktätigen, und wir haben dieses einmalige Angebot angenommen, die Veranstaltungen waren immer ausverkauft. Als Lehrling diese Aufführungen gesehen zu haben, zählt heute zu meinen schönsten Erinnerungen.
K. Berner, per E-Mail
Gewerkschaften wirkten in der Hartz-Kommission mit. Davon, dass sie sich quergestellt haben, ist mir nichts bekannt. Seither darf sich Deutschland eines großen Niedriglohnsektors, prekärer Beschäftigung und Abstrichen bei der Rente rühmen.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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