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Dichten und vernichten
Über das Sein in Todtnauberg: Am 26. Mai jährt sich der Todestag des Philosophen Martin Heidegger
In »Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie« beargwöhnt Theodor W. Adorno das Aufkommen einer neuen philosophischen Formation in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Weite Teile des akademischen Betriebs hätten sich vom bislang dominanten Deutschen Idealismus abgewandt und nach einer fundamental anderen Ausrichtung gesucht. Die Anhänger der dazumal noch neuen Denkrichtung zeichneten sich durch ein eigentümliches Idiom aus, das Zuflucht im Weihevollen und Pathetischen suche. Der Jargon, der sie verbinde, sei verdinglichend und mythologisierend zugleich. Das, was Adorno als Sprache der »Eigentlichen« bezeichnet, sei »praktikabel auf der ganzen Skala von der Predigt bis zur Reklame«.¹ Die Begriffe brachten neue Gewohnheiten – und damit auch Wahlverwandtschaften – mit sich: »Jargonworte und solche wie Jägermeister, Alte Klosterfrau und Schänke bilden eine Reihe.«
Die Sprache der Eigentlichen, so Adorno, erweitere den Reklameton der Warenwelt ins Sakrale. Wo die Klosterfrau den Kräutergeist annonciert, hüllen die Eigentlichen ihre philosophischen Begriffe in hohle Phrasen. Man trinkt keinen Lebertran, sondern das Sein in vollen Zügen; man schluckt keine bitteren Pillen, statt dessen wappnet man sich mit letzten Gewissheiten. Die Eigentlichen, von der Weimarer Republik und anderen Zumutungen der Moderne schier überfordert, waren angetreten, um das philosophische Denken der Uneigentlichkeit des unpersönlichen und verobjektivierenden »man« zu entreißen und wieder sakrosankt zu machen. Den Katheder hatten sie zu ihrer Kanzel erhoben.
Der 1889 im baden-württembergischen Meßkirch geborene Philosoph Martin Heidegger galt als einer der Begründer jener neuen Lehre vom »Seyn«, die in den 1920er Jahren zunehmend Verbreitung fand. Dabei bediente er sich einer Sprache, in der jedes gewöhnliche Wort metaphysisch überfrachtet wirkt. Aus Leben wurde »Dasein«, aus Gebrauch »Zuhandenheit«, aus Existenz »In-der-Welt-sein« und aus Angst ein welterschütterndes Grundgefühl. Diese numinose Terminologie schuf einen Denkraum, der sich modern genug gab, um nicht mehr Theologie genannt zu werden; radikal immanent war daran nichts.
Zuhause im Sein
Die Ontologie gilt innerhalb der Philosophie als Lehre vom Sein. Sie fragt nicht nach den Eigenschaften der Dinge, sondern nach der Art und Weise, wie Seiendes überhaupt sein kann: danach, was es bedeutet, dass etwas ist und nicht etwa nichts. Ein Stuhl, ein Baum, ein Hammer, eine Universität: All das sind Elemente des Seienden. Heidegger greift sie auf – und verschiebt die Ebenen: Die traditionelle Philosophie habe sich bislang zu sehr mit dem Seienden beschäftigt und dabei die Frage nach dem Sein selbst vergessen. Von Interesse sei deshalb nicht länger das Ontische, sondern die Ontologie. In ihrem Zentrum soll fortan ein Wesen stehen, dessen Existenz Heidegger »Dasein« nennt.
Mit einer möglichen Hinwendung zum Materialismus hat dieser neuartige Blick auf die Dinge nichts zu tun. Heideggers Neuerung besteht lediglich darin, den Unterschied zwischen Sein und Seiendem nicht als bloße Unterscheidung zwischen Gegenstand und Begriff zu behandeln, sondern als Schicksal. Sein und Welt sollen fortan nicht länger getrennt erscheinen: Doch gerade diese scheinbare Einheit ermöglicht eine Distanzierung von den wahren Verhältnissen: Man muss nicht erst in die Welt hinein, um sich in ihr wichtig zu nehmen. Das klingt zunächst nach einer Entzauberung transzendenter Größen und überkommener metaphysischer Gesten, erweist sich jedoch als perfider Taschenspielertrick: Bis zuletzt bleibt Heideggers Seinsbegriff Blut und Boden, Nation und Vaterland verhaftet.
Für den katholisch geprägten Philosophen Martin Heidegger war zunächst das Priesterleben vorgesehen, mit seiner Lehre vom Sein sollte er später akademisch Karriere machen. Seine Philosophie wird mithin als deutsche Variante des Existentialismus missverstanden – eine Einordnung, die nicht aufgeht: Während diese philosophische Strömung in der Satreschen Ausprägung von Momenten der Revolte und des Aufbegehrens lebt, vollzog Heideggers Weg zur Existenz sich entlang von Holzwegen. Bei Sartre ist der Mensch dazu verurteilt, frei zu sein; Heideggers Daseinsritter hingegen bleibt dazu angehalten, »bodenständig« zu werden. Statt Kleidern haben seine Urmenschen »Zeug« am Leib, statt Geschichte nur Geschichtlichkeit.
Von 1921 an lebte Heidegger in einem selbstgezimmerten Rückzugsort, umgeben von Tannen und Hügeln. Wohnen war für ihn nicht einfach ein Hausen – und das Leben kein stetes Umherziehen. Wer wohnt, muss auch besitzen; was »für sich« sein soll, entpuppt sich als angestammtes Eigentum. Heideggers von einem Bauern errichtete Hütte befand sich in den Höhen des Schwarzwaldes, 800 Meter über dem Meeresspiegel. In Todtnauberg schrieb er seine bedeutungsschwangere philosophische Lyrik und lauschte dem, was die Dinge ihm ansonsten noch zu sagen hatten. Souverän präsentierte er sich als Selfmademan des Daseins, der durch sein scheinbar erkanntes Verhältnis zum Sein auch schon sich selbst gemacht zu haben glaubte. Der Philosoph Günther Anders nannte ihn einen »solipsistischen Imperialisten«.²
Doch die Inszenierung enthält Risse: Niemand schöpft aus sich selbst allein. Den philosophischen Kontrahenten, der sich mit seiner Frau Hannah Arendt in einer offenen Liaison befand, bezeichnete Günther Anders nicht nur aus diesem Grund immer wieder als »Münchhausen«. In »Über Heidegger« schreibt er: »Daß der Mensch glaubt, von etwas anderem, etwas Mächtigerem, von Gott in einen anderen Stand, ›instand‹ gesetzt werden zu können, das ist völlig begreiflich. Aber wie es das an das ›man‹ verfallene Dasein zustande bringen soll, sich wie Münchhausen am eigenen Schopfe aus dem Straßengraben der Alltäglichkeit in die dünne Luft des ›Selbst‹ herauszuziehen, das ist schlechthin unbegreiflich.«³
Günther Anders hat Heideggers philosophisches Heimwerkertum auch in politischer Hinsicht nicht für harmlos gehalten. Es sei, so schreibt er in »Über Heidegger«, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um noch vergesellschaftet zu sein: Es hämmere und schustere, selbstzufrieden und fernab von den Verhältnissen, an den eigenen Leisten herum. Anders erkannte in diesem Typus auch eine Sozialfigur: der philosophische Kleinunternehmer im hauseigenen Handwerksbetrieb, der keine Fabrik, keinen Hunger und keine Klasse kennt, wohl aber Werkzeug, Sorge und Bestand. An anderer Stelle spricht Anders von »Mittelstandsdefaitismus«⁴. Seine gesellschaftlichen Vertreter kennen keine Geschichte und kein Klassenbewusstsein, das gemacht, erkämpft und organisiert werden muss. Statt dessen wird historisches Geschehen erlitten, angenommen und als »Schickung« verbucht. Der Hausmeister des Seins löscht den Weltbrand nicht; er stellt nur den Besen zurück an den Ort seiner Bestimmung – ein Prepper avant la lettre, der sich mit Vorräten aus Holz, Sprache und griechischen Mythen gegen die Zumutungen der modernen Welt eindeckt. In Heideggers abgelegener Hütte gab es erst ab 1931 einen Stromanschluss.
Dasein und Mensur
Rüdiger Safranskis Heidegger-Biographie trägt nicht zufällig den Titel »Ein Meister aus Deutschland«⁵ – eine Formulierung, in der die gefährliche Doppelbödigkeit von Heideggers Denken aufscheint: Meisterschaft und Meistertum, Denken und Herkunft, Werk und Boden. Safranski plaziert den Denker aus Dunkeldeutschland inmitten eines Panoramas, in dem Provinz, Universität und katholische Herkunft den philosophischen Ehrgeiz entfachen. 1928 wurde Martin Heidegger als Nachfolger Edmund Husserls auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Freiburg berufen. Der Boden, auf dem er hockte, blieb zutiefst deutsch. Er will bei sich daheim sein; und genau darin beweist sich, dass hier nichts mehr fremd sein darf.
Die Hinwendung zum »Nationalsozialismus« kündigt sich bei Heidegger nicht erst mit seiner Rektoratsrede vom Mai 1933 an, sondern schon mitten im Gemenge eines Rathauskellers in einer Mischung aus Bier, Blut und Stahlgerede. Günther Anders hat ein Fragment seiner vor Burschenschaften gehaltenen Rede unter dem Titel »Moral. Mensur« kommentiert.⁶ Anders zitiert darin einen Ausschnitt aus der Freiburger Zeitung vom März 1933: In einer Kneipe feiern die Mitglieder einer schlagenden Verbindung die Aufhebung des Mensurverbots und preisen diese Praxis als Schule männlicher, ritterlicher Eigenschaften. Der Pauker soll stehenbleiben, auch wenn die Hiebe auf ihn niederprasseln. Mut, Angriffslust, Freude am Waffenhandwerk und die Wehrhaftigkeit des Vaterlandes werden als neue »Tugenden« verbucht. Danach ergreift Heidegger das Wort und geht, wie der Bericht meldet, auf den moralischen Wert der Mensur ein.
Anders’ Kommentar ist vernichtend: Wenn der »Appell ans Sein« und der »Ruf des Gewissens« in dieser Szene enden, sollte man »Sein und Zeit«, erstmals 1927 erschienen, niemals lesen. Sechs Jahre später hält Heidegger als Rektor der Freiburger Universität seine berüchtigte Rede. Die Dinge waren keineswegs verworren, sondern außerordentlich klar. »Die drei Bindungen – durch das Volk an das Geschick des Staates im geistigen Auftrag – sind dem deutschen Wesen gleichursprünglich«, heißt es dort. Aus ihnen erwächst die Pflicht zu »Arbeitsdienst, Wehrdienst und Wissensdienst«, allesamt »gleich notwendig und gleichen Ranges«. Das ist keine missverständliche Floskel, sondern die philosophische Dienstanweisung des Rektors einer Universität, die sich dem Nazistaat nicht nur unterstellt, sondern sich als geistige Mobilmachungsbehörde anbietet. Der Wissensdienst sollte nicht gegen Arbeits- und Wehrdienst stehen, sondern deren eigentliche Denkform liefern.
Heideggers Naziagitation war kein Betriebsunfall eines weltfremden Denkers, der sich im historischen Nebel verlief. Sie war die politische Aktualisierung jener Eigentlichkeitsfigur, die den Vereinzelten in eine höhere »Schickung« einspannt. In den posthum veröffentlichten »Schwarzen Heften« tritt später offen hervor, was in der Rektoratsrede latent vorhanden war: Antisemitismus, Ressentiment, Kulturkritik, Weltverfallsdiagnose – ein Antimodernismus, der die Moderne nicht kritisiert, um ihre Herrschaftsverhältnisse zu begreifen, sondern um hinter sie zurückzufallen. Heidegger wollte nicht Faschist sein wie ein Parteifunktionär; er wollte der Denker der »geschichtlichen Sendung« selbst werden. Seine Philosophie war nicht Opfer einer Gleichschaltung, sie brachte ihr eigenes Verlängerungskabel mit.
Bestellen und Ge-stell
In »Die Frage nach der Technik«⁷ wendet Heidegger sich der Technikphilosophie zu. Nicht das Politische, nicht die Ökonomie, nicht die Produktionsverhältnisse stehen im Zentrum dieses Vortrags, sondern erneut ein ganz bestimmtes Wesen. Der griechische Begriff téchne bezeichnet ursprünglich Kunst, Handwerk, Können, List und Hervorbringen. Bei Heidegger wird daraus eine Wahrheitspraxis. Technik ist für ihn nicht bloß Mittel zum Zweck, sondern eine Weise des »Entbergens«. Das klingt, als würde ein Apparat aus dem Maschinenraum ins Museum der Aletheia getragen: Aus Werkzeugen werden Erscheinungsweisen, aus Produktionsverhältnissen Objekte der Ontologie.
In »Sein und Zeit« hatte Heidegger bereits den Hammer entdeckt, dessen Sein sich im Hämmern zeige: Je weniger man das Hammerding begaffe, desto ursprünglicher begegne es einem als »Zeug«. Für Heidegger sind Hammer und Sichel nicht einfach Objekte, die sich benutzen lassen. Im Gebrauch zeigen sie sich in ihrer »Zuhandenheit«⁸; zerbrechen sie, dann sind sie nur mehr »Vorhandenes«. Für Heidegger bestimmt Technik sich nicht über die Arbeitsmittel, sondern als aktiver Vollzug an ihnen. In seiner Interpretation bezieht Heidegger sich auf Aristoteles’ Lehre von den vier Ursachen – causa materialis, causa formalis, causa finalis und causa efficiens⁹ – und stilisiert, ausgehend von Platons téchne-Begriff, das Artefakt zum sinnlich-übersinnlichen Ding. Wem aber gehört der Hammer? Wer bezahlt die Hand, die ihn führt? Und wer erklärt dem Arbeiter, dass seine Arbeit eine Weise des »Entbergens« sei?
téchne ergibt sich für Heidegger aus dem opportunen Zusammenspiel der vier Ursachen. Am Beispiel der silbernen Opferschale demonstriert er das Arrangement exemplarisch: Silber, Form, Silberschmied, Opferzweck. Die wohltemperierte Ordnung begrifflich differenzierter Ursachenforschung kollabiert vor dem Hintergrund industrieller Produktionsverhältnisse. Am Fließband triumphiert die bloße Funktionslogik über jede emphatische Version einer dingbezogenen vita activa. Nicht vier Ursachen versammeln sich dort, sondern Schichtplan, Lohnkosten, Zulieferkette, Maschinentakt, Absatzprognose und Mehrwert. Heidegger zieht sich angesichts dessen auf ein antikisierendes Ideal zurück.
Das »Ge-stell« dient Heidegger als Begriff für die moderne Weise des »Entbergens«, in der alles nur noch als »Bestand« erscheint. Die Welt wird seither nur mehr bestellt: Fluss, Wald, Acker, Mensch und Energie treten als abrufbare Reserve auf. Heidegger beschreibt den Vorgang des »Bestellens« als Seinsgeschick, nicht aber als Herrschaftsform in und durch bestimmte Produktionsverhältnisse. Darum kann er sagen, die moderne Technik bestelle bloß, ohne sagen zu müssen, wer dabei verschlissen wird. Ausgerechnet die silberne Opferschale wird für ihn zum Gegenbild einer Welt, in der keine Opferschalen mehr gefertigt werden. Parallel dazu stieg jene technische und administrative Elite auf, die Alfred Sohn-Rethel in seiner Analyse des deutschen Faschismus als neue Vermittlungsinstanz zwischen Industrie, Landwirtschaft, Staat und Armee bezeichnet hat: Verbände, Büros, Planer, Militärökonomen, Funktionäre. Nicht das Sein bestellte die Welt, sondern ein Klassenapparat, der die Interessen der Arbeiterklasse korrumpiert hat.
Nachträglich hat Alfred Sohn-Rethel aufgezeigt, dass der deutsche Faschismus nicht aus einem Volksmystizismus zu begreifen ist, sondern aus der Rekonstruktion des Monopolkapitals unter Krisenbedingungen.¹⁰ Die großen Verbände und Vermittlungsapparate waren keine Kulissen, sondern Zonen des Übergangs: Sie verbanden industrielle und militärische Interessen zu einer neuen Strategie. Demgegenüber wirkt Heideggers Technikphilosophie wie eine Betriebsanleitung für Bestelltes, aus der alle Zahlen entfernt wurden. Wo Sohn-Rethel die Fraktionen, die Krisen und die Bündnisse des Kapitals analysiert, spricht Heidegger von handwerklichem Geschick. Wo die Weltwirtschaftskrise politische Optionen vernichtet und neue Gewaltapparate ermöglicht hat, entdeckt er die Seinsvergessenheit. Sein »Ge-stell« kennt keinen Vorstand, keine Bilanz, keine Rüstungsabteilung – und vor allem keine Arbeiterklasse, die damit umgehen muss.
Münchhausens Nachleben
Dass Günther Anders einer der schärfsten Heidegger-Kritiker wurde, hat auch mit seiner philosophischen Herkunft zu tun. Er kannte die Existenzphilosophie von innen, hatte bei Heidegger gelernt, war mit ihren Gesten, ihrem Pathos, ihren Termini vertraut. Seine Kritik ist daher keine äußere Polemik, sondern ein Rückbau der Maschine durch einen, der jede ihrer Schrauben kannte. Anders erkannte, dass Heidegger den Skandal der »Geworfenheit« niemals im Hinblick auf ein Klasseninteresse beantwortet, sondern sie in Selbstaffirmation umgebogen hat: Das Dasein nimmt seine zufällige Faktizität auf sich, beschließt, so zu existieren, als wäre es aus freiem Willen dagewesen, nimmt seine Möglichkeiten in die Hand und wird, wie Anders spottet, gewissermaßen sein eigener Vater. Geburt und Tod verlieren bei Heidegger ihren Stachel nicht durch Solidarität oder kollektives Bewusstsein, sondern durch heroische Selbstbeglaubigung. Münchhausen zieht sich erneut am eigenen Schopf aus dem Straßengraben, wie Anders bemerkt.
Heideggers Einzelner konstituiert sich nicht durch Klassenbewusstsein, sondern in und durch sich selbst. Er emanzipiert sich nicht von Herrschaft, sondern vom Ärgernis, nicht selbst Ursprung seiner Existenz zu sein. Mit dieser Selbstwahl, notiert Anders, versucht Heidegger sich zu reparieren. Das ist eine quasireligiöse Operation ohne Gott – und somit Onto-Theologie: Erlösung als Selbstbesitz. Daraus resultiert eine ganz bestimmte politische Anschlussfähigkeit von Heideggers Philosophie: Wer bei ihm die Silberschale, den Bauernblick, die Hütte und das Wohnen wiederfindet, findet auch ein begriffliches Arsenal für neurechte Naturverklärung und Heimatpflege. »Eigentlich« ist man nur im angestammten Umfeld. Alles andere bedeutet Entwurzelung und Verfallenheit an die verobjektivierende Allgemeinheit des »man«.
Auf diese Suche nach der »Heimat« Heideggers hat sich in den Siebzigerjahren der Journalist Christian Schultz-Gerstein begeben. Seine Reportage »Ein Gerücht namens Heidegger. Über einen unsichtbaren greisen Grübler« wurde im Zeit-Magazin Nr. 50/1974 abgedruckt. Dort schreibt er: »Während Heidegger die Heimat als Symbol für das mysteriöse Reservat der Ursprünglichkeit anrief, übersetzten die philosophisch unbekümmerten Stadtväter das Symbol geradewegs in die Wirklichkeit. ›Er ist Meßkircher, und er wird es auch bleiben‹, verteidigt Julius Knittel, der stellvertretende Bürgermeister, die Eigentumsrechte Meßkirchs an der Berühmtheit, die sich als Objekt der Heimatpflege dennoch keineswegs mißverstanden fühlt, sondern im Gegenteil ›zutiefst ergriffen‹ ist über die Ehrfurcht der Heimat vor ihm, dem Kleinstädter, der es in der großen Welt zu etwas gebracht hat.«¹¹
Heidegger, der sich als Objekt der Heimatpflege keineswegs missverstanden fühlte, brüstete sich bis zuletzt mit dem Ort seiner Verwurzelung. In einer abgelegenen Hütte fand der Philosoph der Eigentlichkeiten und Wesenheiten zu sich. Dort, so will es die Legende, habe ihn der Blick eines Bauern einst davon abgehalten, als Professor nach Berlin zu gehen. Über diesen Gipfeln ist Ruh; darunter liegt das teutonische Wurzelwerk.
→ Anmerkungen
1 Theodor W. Adorno: Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie. Frankfurt am Main 1964, S. 39
2 Günther Anders: Über Heidegger. Herausgegeben von Gerhard Oberschlick in Verbindung mit Werner Reimann als Übersetzer. Mit einem Nachwort von Dieter Thomä. München 2001, S. 256
3 Ebd., S. 202
4 Ebd., S. 151
5 Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. Frankfurt am Main 1997
6 Ebd., S. 359
7 Martin Heidegger: Die Frage nach der Technik. In: Ders.: Vorträge und Aufsätze. Pfullingen 1978, S. 9–40
8 Dazu schreibt Heidegger in »Sein und Zeit«: »Je weniger das Hammerding nur begafft wird, je zugreifender es gebraucht wird, um so ursprünglicher wird das Verhältnis zu ihm, um so unverhüllter begegnet es als das, was es ist, als Zeug. Das Hämmern selbst entdeckt die spezifische ›Handlichkeit‹ des Hammers. Die Seinsart von Zeug, in der es sich von ihm selbst her offenbart, nennen wir die Zuhandenheit.« Martin Heidegger: Sein und Zeit. Tübingen 1967, S. 69
9 Heidegger: Die Frage nach der Technik (Anm. 7), S. 11
10 Vgl. Alfred Sohn-Rethel: The Economy and Class Structure of German Fascism. London 1987, S. 135
11 Christian Schultz-Gerstein: Ein Gerücht namens Heidegger. Über einen unsichtbaren greisen Grübler. In: Ders: Rasende Mitläufer, kritische Opportunisten. Porträts, Essays, Reportagen, Glossen. Berlin 2021, S. 243–254, hier: S. 251
→ Barbara Eder schrieb an dieser Stelle zuletzt am 24. Mai 2025 über den Utilitarismus: »Rösselsprünge des Glücks«
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