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Im Berg
Richard Sorge wurde 1944 als sowjetischer Spion in Japan hingerichtet. In den frühen 1920er Jahren arbeitete er für kurze Zeit als Bergmann, bevor er seine journalistische Tätigkeit aufnahm. Eine neue Biographie beleuchtet diese Zeit
In diesen Tagen erscheint im Kölner Papyrossa-Verlag die Biographie »Der spätere Spion. Richard Sorge 1918–1924« von Jörg Becker, die auch zahlreiche Schriften Sorges enthält. Wir dokumentieren daraus mit freundlicher Genehmigung des Verlags einen Artikel Sorges aus der Bergischen Arbeiterstimme, in dem dieser seine Erlebnisse unter Tage schildert. Jörg Becker hat dazu eigens einen einleitenden Text verfasst. (jW)
Der »große« Meisterspion Richard Sorge (1895–1944) ist als Kundschafter des Friedens bekannt für seine Arbeit für den Geheimdienst der sowjetischen Armee, seine getarnte Mitarbeit in der deutschen faschistischen Botschaft in Tokio, seine Entlarvung durch die japanische Geheimpolizei und seine Hinrichtung durch den Strick im November 1944. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, in dem Richard Sorge dreimal verwundet wurde, und vor seiner Übersiedlung in die Sowjetunion 1924 arbeitete er als promovierter Sozialwissenschaftler und Journalist in Kiel, Hamburg, Aachen, Remscheid, Solingen und Frankfurt am Main. Als Mitarbeiter des in Frankfurt neu gegründeten Instituts für Sozialforschung (IfS) hatte er von dort im Mai 1923 zusammen mit Felix Weil zur Ersten Marxistischen Arbeitswoche (EMA) nach Geraberg in Thüringen eingeladen.
Nachdem Sorge seine Assistentenstelle bei dem Sozialwissenschaftler Kurt Albert Gerlach an der Technischen Hochschule in Aachen aufgrund der Teilnahme an einer Demonstration gegen den Kapp-Putsch am 15. März 1920 verloren hatte, arbeitete er bis zum Oktober 1920 als Bergmann in einem niederländischen Bergwerk. Dieses Steinkohlebergwerk muss in Süd-Limburg sehr dicht bei Aachen gewesen sein, da Sorge täglich mit dem Rad zur Arbeit fuhr. Im Bergwerk agitierte er die Bergleute. Infolgedessen wurde Sorge aus den Niederlanden ausgewiesen. In einem Lebenslauf, der 1941/42 in Tokio entstand, erinnerte er sich:
»Nach Rücksprache mit der Partei entschied ich mich, meine Aktivitäten bei den Bergarbeitern zu verstärken und mit ihnen gemeinsam im Aachener Bergwerksrevier zu arbeiten, so dass ich damit meinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Ich erhielt eine Anstellung als ungelernter Arbeiter in einer Mine in der Nähe von Aachen, ohne dass man mich enttarnte. Das Leben war hart, und bei meiner Arbeit litt ich erheblich an meinen schweren Verwundungen von der Front. Doch ich bereute meine Entscheidung nie. Meine Erfahrungen, die ich als Bergmann machte, waren für mich genauso wertvoll wie die auf dem Schlachtfeld. Meine neue Berufung war gleichermaßen wichtig für die Partei. Schon bald zeitigte meine Arbeit bei den Bergarbeitern einige Erfolge. Ich organisierte in der ersten Mine, in der ich angestellt war, eine kommunistische Gruppe. Als ich sah, dass diese Gruppe sich gut entwickelte, wechselte ich in eine andere Mine in der Nähe von Aachen. In diesem Jahr wechselte ich die Minen mehrfach. Der Versuch, ähnliche Parteiarbeit im Kohlerevier in Holland zu machen, schlug fehl. Ich wurde sofort entdeckt, aus dem Bergwerk entlassen und außer Landes verwiesen.
In der Zwischenzeit war ich im Aachener Kohlerevier bekannt geworden, so dass ich keine Anstellung mehr bekam. Die Behörden drohten mir, mich der Alliierten Gerichtsbarkeit zu übergeben (kurz nach Kriegsende stand das Rheinland noch unter militärischer Besatzung und politischer Verwaltung seitens der siegreichen Alliierten, J. B.); so war ich gezwungen, Aachen und das Besatzungsgebiet zu verlassen.«
Ein Guldenmann
Aus der Fachliteratur über die Bergwerke dieser Zeit in Süd-Limburg lassen sich folgende Rahmenbedingungen ableiten, die auch für Richard Sorge gegolten haben dürften: 1. Da die ökonomischen Bedingungen in Deutschland viel schwieriger waren als in den Niederlanden, verdienten niederländische Bergleute damals mehr als deutsche Bergarbeiter. Deswegen wurden deutsche Bergleute oft auch als Lohndrücker eingesetzt. 2. Die katholische Gewerkschaft in den Niederlanden war gegenüber deutschen Grenzgängern, zumal Kommunisten, feindselig eingestellt; ihre Stärke und Macht verhinderten alle Versuche, kommunistische Gewerkschaften zu gründen. 3. Kommunisten wurden vom niederländischen Geheimdienst beobachtet.
Mit Hilfe des niederländischen Archivars Ronald Hamelink aus Amsterdam konnte Richard Sorges Arbeitsort in einem niederländischen Bergwerk ausgemacht werden. Zwar ließ sich kein deutscher Mann mit dem Namen Richard Sorge finden, wohl aber ein Reinholz Sorge, geboren am 19. Januar 1896. Nach Archivalien des Historischen Zentrums in Maastricht arbeitete Reinholz Sorge im Bergwerk Oranje-Nassau III in Heerlen in der Provinz Limburg. Diese Kohlemine wurde 1914 eröffnet und gehörte den Brüdern Friedrich und Carl Honigmann. Nicht nur der Nachname, sondern auch die überlieferten Daten für die Arbeit dieses Reinholz Sorge in Oranje-Nassau III sprechen dafür, dass es sich hier um Richard Sorge gehandelt hat, der als in Aachen gesuchter Kommunist auch im Grenzgebiet in den Niederlanden seine wahre Identität verstecken musste. Die angegebenen Daten lauten: 6. April 1920 bis 29. Mai 1920. Der 6. April 1920 als Arbeitsbeginn passt gut zu Sorges Teilnahme an der Aachener Demonstration gegen den Kapp-Putsch am 15. März 1920, in deren Folge er seine Anstellung an der Technischen Hochschule verlor.
Sowohl die Mine in Heerlen als auch eine andere in Eygelshoven lagen so nahe an der deutschen Grenze, dass sie gut im täglichen Grenzverkehr von deutschen Arbeitern per Fahrrad aufgesucht werden konnten. Für deutsche Arbeiter waren die Minen in Süd-Limburg auch deshalb attraktiv, weil die Gehälter in den Niederlanden dreimal so hoch wie in Deutschland waren. Diese Arbeiter wurden »Guldenmänner« genannt. 1920 waren mehr als 90 Prozent aller Bergleute in den Süd-Limburger Bergwerken Deutsche, und die niederländischen Kohleminen waren ein Ort heftigster kommunistischer Propaganda.
Linke Mehrheit
Die Tätigkeit in der Mine Oranje-Nassau III hat Richard Sorge tief und nachdrücklich beeindruckt und sein Verständnis von der Härte und Mühsal des Arbeiterlebens geprägt. Von 1920 bis 1922 war Sorge als politischer Redakteur der Bergischen Arbeiterstimme in der Metallarbeiterstadt Solingen tätig. Die Bergische Arbeiterstimme war damals eine der wichtigsten kommunistischen Tageszeitungen in Deutschland mit einer Auflage von 23.000 Stück und dürfte gut und gerne ihre 100.000 Leser gehabt haben. Bei der Reichstagswahl 1924 war die KPD mit 33,9 Prozent und damit weit vor der SPD (15,6 Prozent) in allen Solinger Stadtteilen zur Massenpartei geworden. Dieser hohe Wähleranteil für die Linke, die zusammen fast die Hälfte aller Stimmen auf sich vereinigen konnte, spiegelte sich auch in der Bergischen Arbeiterstimme, die einer Genossenschaft von Kommunisten und Sozialdemokraten gehörte. In seiner Solinger Zeit veröffentlichte Sorge darin insgesamt 43 Artikel. In einem Artikel vom 7. Februar 1921 verarbeitet er seine Zeit im Bergwerk.
Von allen Texten Sorges, die in der Bergischen Arbeiterstimme erschienen sind, ist dieser der stilistisch ausgefeilteste. Der Leser merkt, wie sorgfältig der Autor die Worte abwägt und wie er mit seinen im Dunklen schuftenden Kumpeln leidet. Der Artikel endet: »Zusammengedrängt in der kleinsten Spanne Zeit, da hatten sie mal wieder erlebt und in sich eingesogen mit selbst nicht geahnter, gewusster Kraft: Sonne, strahlende, leuchtende Sonne!« Doch Aurora, die aufgehende Morgensonne, ist nicht nur eine Fortschrittsmetapher des Kommunismus, sie ist gleichzeitig die zentrale Metapher aller Bergarbeiter. So hieß es in der 1.-Mai-Nummer 1920 der Zeitschrift Knappen-Jugend des Gewerkevereins christlicher Bergarbeiter Deutschlands auf der ersten Seite: »Eine Freundin will sie uns sein, die Sonne in unser Leben bringen will. Dürsten nicht gerade wir jungen Knappen nach lebenerweckendem Sonnenschein, der unser Innenleben erhellen soll? (…) Wenn wir (…) heimkehren, dann wollen wir dankbar wieder das Sonnenlicht des Firmaments schauen, aber auch Sonne, helle Sonne, in unsere Herzen einlassen.«
Die Sehnsucht nach Licht
Da hockten sie wie Klumpen zusammengeballt, stierten auf das Stück Brot in ihren Händen oder auf diese selbst, die schon wie Schaufeln geworden, unförmig, breit und hart. Und der schwarze Schmutz und Kohlenstaub ließ keinen Raum zwischen der Dunkelheit, in der sie hockten, und den Fingern, die lächerlich krampfhaft das Brot umspannten, die nicht einmal etwas aus der Formlosigkeit in einer endenden Bewegung ausruhten. In seltsam verschnörkelten Linien rannen die Schweißtropfen an ihren Körpern entlang, irgendwo versickernd an ihrem rußigen Leibe. Nur hin und wieder schüttelte sich ein spitz herausragendes Knie oder eine hängende nackte Schulter, so, als sollte schneller der in kalter, feuchter Kellerluft langsam verdampfende Schweiß loslassen den müden, klopfenden Körper.
Wie plump war plötzlich alles an ihnen, riesenhaft, hilflos und grob, jetzt, wo der Körper nichts mehr hatte, was er in rasenden Zuckungen zerschlagen oder greifen konnte, jetzt, wo er ruhen sollte und doch wusste, dass gleich derselbe Tanz begann, immer wieder. Das war ja nun allmählich sein Zweck geworden, immer von neuem in den Raum zu greifen und auszuhöhlen das Geheimnis des Dämons im Berg, der rächend diese Glieder zu seinem Sklaven machte, hilflos im Nichtstun und in der Ruhe.
Der Tod auf der Lauer
Nur eins war auch jetzt noch in Bewegung, irrend flackerten die weißen Augen verstört eckig aus der Maske, als suchten sie, warteten sie, heimtückisch gewitzt geworden, auf den, den sie mit jedem Schlag und jeder Schaufel immer wieder auf seinem Berg aufstörten. Er kam dann manchmal, löste irgendwo einen Stein aus dem Gehänge, der plötzlich klatschend irgendwen erschlug, wenn er nicht vorzog, mit brennender Fackel zu kommen. Immer wieder hatten sie ihn überlistet und hatten schon hinter verborgenster Furcht ein hämisches Lächeln oft für ihn, wenn leis es bröckelnd von seinem neuen Lauern sagte oder die Lampen seltsam zuckend leiser wurden. Dann kniffen sie etwas die Augen zu oder glotzten ins Dunkel, wenn nicht zu laut gerade des Hammers Atem ging.
Ein seltsam furchtbares Spiel, das sie nun schon so lange kannten, wie Zeit sich spannte von ihrem ersten Weinen als Knaben, als noch zu schwer der Wagen oder wund die schmalen nackten Arme gestoßen waren. Jetzt dachte ja keiner mehr daran, denn alles, was sich leis zum Bewusstsein drängte von diesen wehen Dingen, im Fluchen wurde es erstickt. Und es war schon recht viel, was sie so erst gar nicht aufkommen ließen. Fluchen nämlich, das war es, was sie ebenso konnten wie Schaufel schwingen und die Hacke. Und immer wieder hielt einer erstaunt inne in seinem Jagen, denn da war wieder einmal ein Fluch, den er noch nicht gehört. Oh, das war dann schön, Befreiung, aufatmende Erleichterung.
Doch diesmal war das Hocken anders und auch das Irren ihrer Augen. Da war ein Neuer, einer, der erst ganz kurze Zeit im Kohlenpütt sich seine Glieder wund zerstieß und auch das Fluchen noch lange nicht so konnte, der erst alles das durchmachte, was hinter ihnen lag, und doch schon so alt war wie sie. Der kam irgendwoher, und wenn man ihn fragte, wo er zuletzt gesteckt, dann erzählte er jedem etwas anderes. Fast feindselig war die Neugier und das Staunen; er trug an sich ein Neues, Fremdes, das zu gern sie hätten auf einmal gewusst, denn hier unten etwas Neues, wenn’s nicht gerade ein hässliches Flöz war, das kam selten vor.
Und dann war es doch ein Deutscher, der den Krieg mitgemacht hatte und auch die Revolution, und der dabei etwas abbekommen hatte. Irgendwie war ihre Sicherheit und das Selbstbewusstsein leis erschüttert, bei diesen Menschen, die hart und so verschlossen sicher waren und auch stolz auf dieses Sein im Schacht. Ob dessen Brot auch anders war? Denn wer weiß, wer bei uns arbeitet, der musste Knochen haben und was dran, sonst konnte leicht der Akkord verdorben werden.
Du, Kumpel, was haste auf dem Brot? Bist ja ein verhungerter Deutscher. Der lange Holländer glotzte in das schweigend geöffnete Brot hinein, dann kicherte er: Verrückt! Rübenkraut! Mensch, in den Balg musste was bekommen; drei Tage sonst und kaputt gehst uns hier unten! Alle glotzten und kauten dann schweigend weiter. Seltsam. Du, sag, bist du nicht bei deiner Mutter? In Berlin ist die? Weshalb? Lass sie doch herkommen, wenn sie alleine ist. Die hungert wohl auch dort? Und langsam erzählte da der Deutsche von seiner Mutter, die müde geworden, denn sie hatte viele Söhne im Krieg und das Vorher war auch nicht leicht für sie.
Der Deutsche lief schneller durch den Schacht, wollte an den Tag, die Sonne sehen, wie sie spitz in den Schacht hineinstach, nur einen Augenblick, bevor der Förderkorb hält. Er hatte es eilig, denn es drückte hier unten doch vieles, das Gehänge und die Dunkelheit. Doch da brüllte es hinter ihm her. Weshalb nun schon wieder? Du, sagte da der lange Holländer, lauf doch nicht so schnell; sag mal, Kumpel, erzähl noch mal, wie war das doch mit deiner Mutter?
Doch noch einmal kamen die ausgepumpten Maschinen wieder in Gang, noch einmal war jeder Schritt und jede Bewegung ein wenig leichter und freier, nachdem das Gezähe (Handwerkszeug des Bergmanns, J. B.) beiseite gelegt worden war, so versteckt meistens, dass die andere Schicht diese oder jene liebgewordene Schaufel oder Hacke nicht finden konnte. Jeder hatte so schon sein Versteck. Und dann zog sich den geraden Hauptschacht entlang wieder dieselbe Zahl schwankender Lampen, huschend, irrend in der Dunkelheit, wie acht Stunden vorher, als sie heruntergestiegen waren.
Doch irgendwie war auch dieses Schwanken der Lampen und das Schreiten anders als vorher; ebenso anders wie die Menschen, die da vorher da langgingen, schwer gedrückt, so, ohne dass sie es selbst wussten und merkten. Waren ja schon zu sehr daran gewöhnt. Jeden Tag immer wieder denselben Weg zu gehen, hin so, zurück anders. Dann schwankten die Lampen und die kleinen Flammen zitterten, als wüssten auch sie, dass oben der Tag war und ihr trüber Schein dann ruhen konnte. Und es ging schneller, aufgeregter zu, und sogar nicht mehr so viel wurde geflucht, wenn man in eine große Wasserpfütze trat oder gar stolperte. Man hütete sich, seine Lampe voller Wut oder tiefster Empörung gegen den Stein zu schlagen, selbst wenn sie beim fünften oder sechsten Male nicht angehen wollte. Lieber ließ man sie so sein, tappte sich zurecht, es ging ja nach oben, und wozu da sich noch ärgern? Nur dann aber wurde noch recht geschimpft, wenn sich vor einem noch schon unzählige Lichter bewegten und man wusste, nun bist du der letzte, der verdammte Kumpel hat nicht früh genug aufgehört, der Drittelführer. Und der bekam es dann zu hören, wenn er hinter einem ging.
Ein Knäuel
Doch endlich war es soweit, und sie klemmten die müden Knochen in den Käfig, den man Förderkorb nannte. Gekrümmt musste da noch einmal jedes Glied werden, dass sich der ganze Mann möglichst der gewölbten Form des Kastens anschloss. Die Knie wurden bis an die Nase herangezogen, die schweren Schultern bis zu den Ohren aufgewölbt. Nur besonders lange hilflose Arme oder ausgereckte Knie wussten nicht wohin; das war dann oft eine Qual für diese großen Menschen.
Doch es ging immer, es machte sich doch immer noch, dass die für die Wagen beste und rationellste Form auch noch für die Menschen benutzbar war. Es war wirklich gut, dass sich aus diesen ein geduldig Knäuel noch machen ließ. Und was für eine nicht geahnte Menge da hineinging, so zusammengepresst, dass man beim Spucken mindestens auf einen Stiefel traf. Doch das merkte ja keiner und war auch egal. Alle lauerten ungeduldig und fast ärgerlich auf das hässliche schrille Zeichen, nach dem dann jedes Mal der Korb sich in Bewegung setzte, kurz anruckend, dann immer schneller, bis grauenhaft schnell die Menschenmassen in die Höhe gerissen wurden, fliegend, dass der Atem manchem stockte.
An den triefenden Schachtwänden rast er vorbei, an hängendem Schlamm und glitschigen Massen, durch die das Wasser sickerte und troff, dann klatschend gegen den Fahrstuhl schlug, in seine offenen Seiten hineinspritzte und die dort hockenden Körper leis erschauern ließ, die nach der Hitze dort unten fröstelnd sich zusammenzogen, bei jedem Tropfen oder jedem Rinnsal, das oben bei den Schultern zu sickern begann und unten endete. Und dazu knirschte und schabte der Stuhl hin und wieder an den Wänden, schlenkerte nach rechts, dann nach links in dem schmalen Spielraum. Und unten, da öffnete sich mit derselben rasenden Geschwindigkeit der Sack, der dunkel nach dem Stuhle hässlich haschte. Hunderte von Metern tief. Doch es ging nach oben, und gleich musste er anfangen, sein Jagen aufzufangen in gedämpftem Steigen, noch hässlicher knirschend.
Irgendwo lag das Gefühl für diesen Augenblick in allen verankert, jetzt – jetzt musste es sein, und dann fing sich auch gleich die Schnelligkeit. Doch da war dieser oder jener, der wartete auf andere Zeichen des nahenden Tages, der wusste, dass er jetzt noch nicht oben war. Doch musste auch er jetzt anfangen, den Kopf zwischen den Knien und den Schultern herauszuziehen, ihn ganz weit nach hinten gegen die kalte, feuchte Eisenwand zu legen, bis er an die Stelle kam, auf die er angespannt die ganze Zeit schon gelauert hatte.
Spitz in den Schacht
Und aus all den anderen, die warteten, um hinauskriechen zu können aus dem stille stehenden Korb, aus all diesen löste sich irgendeiner in dumpfer, kaum selbst gewusster Spannung heraus, trennte sich von den anderen und ließ diese Spannung in Bruchteilen einer Sekunde wachsen und immer stärker werden, bis endlich der Augenblick da war, wo der erste Lichtstrahl ganz spitz in den Schacht hineinstach, irgendeinen der Schmutzklumpen an den Wänden traf und dann in breitem Kegel aufstieg, blitzschnell, und das Dunkel des triefenden Schachtes wie mit einem Heiligenscheine erleuchtete, dass nicht Schmutz, sondern Glanz, tiefer, leuchtender Glanz, die Augen blendete, die sich nun müde und fast lächelnd froh schlossen, mit einem leisen, tief erstaunten Ausruf, dann, wenn der blendende Kegel sich ausweitete in einen leuchtenden Himmel, der über allen Dingen sich spannte, auf alle Dinge schien, nur nicht auf die, von denen er kam. Nun war es gleich für diese, wann sie aussteigen konnten. Zusammengedrängt in der kleinsten Spanne Zeit, da hatten sie mal wieder erlebt und in sich eingesogen mit selbst nicht geahnter, gewusster Kraft: Sonne, strahlende, leuchtende Sonne!
Bergische Arbeiterstimme, 7. Februar 1921
Jörg Becker: Der spätere Spion. Richard Sorge 1918–1924. Papyrossa-Verlag, Köln 2026, 588 Seiten, 36 Euro
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Jörg Becker war Professor für Politikwissenschaft an der Universität Marburg. Von 1999 bis 2011 war er Gastprofessor für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 1. Juli 2024 über die NS-Filmdiva Thea von Harbou: »Faschistin mit Ehrengrab«.
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