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22.05.2026
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Sozialismus auf zwei Rädern
Frischauf: Vor 130 Jahren wurde der Arbeiter-Radfahrer-Bund »Solidarität« gegründet
Zu Pfingsten vor 130 Jahren gründete sich in Offenbach eine der bedeutendsten Organisationen der deutschen Arbeitersportbewegung: der Arbeiter-Radfahrerbund »Solidarität«. Der Anfang war nicht leicht. Einem ersten Versuch, einen Radfahrerbund für Arbeiter zu gründen, schoben die Behörden 1893 einen Riegel vor. Zwar waren die Sozialistengesetze offiziell schon aufgehoben, doch sozialistische Radfahrer waren den Machthabern suspekt. Nachdem sich jedoch im selben Jahr der Arbeiter-Turnerbund allen Widerständen zum Trotz formierte, fiel es ähnlich gesinnten Organisationen in den kommenden Jahren leichter.
Das Fahrrad war für die Arbeiterklasse Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts von großer Bedeutung. Es steigerte die Mobilität der Arbeiterschaft enorm. Den Idealen des Arbeitersports entsprechend, standen im ARB Solidarität gemeinschaftliche Radtouren und der Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur im Vordergrund, keine Radrennen. 1913 zählte der Verband 150.000 Mitglieder und galt als größter Radsportverband der Welt. Er hatte nicht nur eigene Werkstätten, Fahrradläden und Versicherungen für Diebstahl und Unfall, sondern sogar eine eigene Fahrradfabrik, benannt nach dem im Verband gebräuchlichen Gruß: Frischauf. Bis zu 20.000 Räder wurden dort von 1.000 Mitarbeitern produziert.
Aufgrund der Propagandatourneen, die Mitglieder des ARB Solidarität immer wieder unternahmen, verdiente sich die Organisation eine stolze Etikette. Von einer »Roten Kavallerie« war die Rede, gar von »Roten Husaren des Klassenkampfes«.
Die Motorisierung lief freilich auch an der Arbeiterklasse nicht vorbei. 1928 wurde der Verband in Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund Solidarität umbenannt. Kraftfahrzeuge waren in der Geschichte der Organisation nie zentral.
Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 ereilte den ARKB Solidarität das gleiche Schicksal wie alle Arbeitersportverbände: Er wurde verboten und der Besitz, die Fahrradfabrik Frischauf inklusive, enteignet. Gegen die sozialen Netzwerke, die sich im Schoße des Verbandes gebildet hatten, konnten allerdings auch die Nazis nichts ausrichten. Fahrradkuriere wurden regelmäßig im Widerstand gegen das Naziregime genutzt. Ehemaligen Mitgliedern des ARB Solidarität kam dabei eine wesentliche Rolle zu.
Der ARKB Solidarität wurde nach dem Krieg wiedergegründet, doch der Arbeitersport erreichte nie mehr die Stärke, die er zu Beginn des Jahrhunderts hatte. 1963 wurde »Arbeiter« aus dem Namen des Verbandes gestrichen, 1977 erklagte der nunmehrige RKB Solidarität vor Gericht erfolgreich eine Mitgliedschaft im Deutschen Sportbund. Dort ist er heute an der Seite von Makkabi Deutschland oder dem Deutschen Polizeisportkuratorium ein »Verband mit besonderen Aufgaben«. Das bedeutet nicht, dass die Ideale des Arbeitersports aufgegeben wurden.
Als junge Welt den heutigen Präsidenten des Verbandes, Tobias Köck, anlässlich des bevorstehenden Jubiläums erreicht, spricht Köck von einem »Generationenwechsel«, zu dem es in den letzten Jahren im Verband gekommen sei. Mit 47 Jahren sieht er sich als vergleichsweise jungen Präsidenten eines Sportverbandes, ähnlich sehe es im Vorstand aus.
Köck lebt in Berlin-Kreuzberg, wuchs jedoch in Oberbayern auf, wo der RKB Solidarität historisch stark verankert ist. Er kam als Jugendlicher über den Kunstradsport mit dem RKB Solidarität in Verbindung. Das ist kein Zufall. Es sind »Nischensportarten« (Köck) wie der Radball, das Rollkunstlaufen oder das Inline-Hockey, in denen Mitglieder des RKB Solidarität wettkampfmäßig hervorstechen. Hier können sie Mitgliedern der bürgerlichen Sportverbände durchaus Paroli bieten. Im Radrennsport sieht das anders aus. Erstens verteidigt der Bund Deutscher Radfahrer (seit 2024 »German Cycling«, man geht mit der Zeit) dieses Terrain eisern, und zweitens widerspricht eine zu starke Wettkampforientierung den Idealen des Arbeitsports.
Zu diesen zählt unter anderem die Verbindung sportlicher Aktivitäten mit sozialem und politischem Engagement. Eine besondere Bedeutung für die internationale Arbeit des RKB Solidarität spielt die 1954 gegründete Solidaritätsjugend (meist liebevoll Solijugend gerufen). Der eigenständige Jugendverband veranstaltet jährliche Sommercamps mit Gästen aus zahlreichen Ländern.
Auch innerhalb Deutschlands zeigt sich der RKB Solidarität für Zusammenarbeit offen. So veranstalteten die linken Roter-Stern-Sportvereine im Rahmen des Sportopia-Festivals 2025 ein eigenes Fußballturnier. Das Festival war eine Initiative des RKB Solidarität zur Feier des hundertjährigen Jubiläums der Frankfurter Arbeiterolympiade.
Die historische Nähe des Verbandes zur SPD steht laut Präsident Köck einer breiteren Zusammenarbeit »auf der Basis gleicher Werte« nicht im Wege. »Das hat sich ein bisschen erledigt.« Das Vermächtnis der Arbeitersportbewegung sieht Köck im Breitensport. »Der Arbeitersport ist der eigentliche Breitensport, weil zu der Zeit, als die ersten Sportverbände in Deutschland gegründet wurden, der bürgerliche Sport nur für gesellschaftliche Eliten zugänglich war.« Dem Leistungsprinzip stünde das nicht zwangsläufig entgegen. »Auch im RKB Solidarität werden Spitzenleistungen erbracht, aber wertebasiert aus einer Breite heraus.«
Mit knapp 38.000 Mitgliedern, die in über 200 Vereinen organisiert sind, bleibt der RKB Solidarität ein Faktor.
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