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Fußball

Bitte gib mir nur ein Tor …

Oder fünf: In einem dramatischen Saisonfinale verteidigt der 1. FC Lokomotive Leipzig den Meistertitel in der Regionalliga Nordost. Nun warten wieder mal die Aufstiegsspiele

Foto: Picture Point LE/imago
Gelbblauer Jubel im Bruno-Plache-Stadion (Leipzig, 16.5.2026)

Das Saisonfinale in der Regionalliga Nordost war an Dramatik kaum zu toppen. Titelverteidiger 1. FC Lokomotive Leipzig, seit dem elften Spieltag ununterbrochen Tabellenführer, hatte aufgrund einer beispiellosen Verletzungsmisere in der Rückrunde nicht an die zum Teil überragenden Leistungen der ersten Halbserie anknüpfen können, und der einstmals komfortable zweistellige Punktevorsprung auf Verfolger FC Carl Zeiss Jena war nach dem vorletzten Spieltag komplett dahingeschmolzen wie der letzte Schnee in der Frühlingssonne. Lediglich die um vier Treffer bessere Tordifferenz hielt die Probstheidaer vor dem Saisonhalali noch auf Platz eins vor den Jenensern.

Im letzten Durchgang am Sonnabend schien Lok mit der U23 des 1. FC Magdeburg die auf dem Papier etwas leichtere Aufgabe zu haben, doch gerade die Magdeburger hatten mit einem 4:1-Heimerfolg für die einzige Jenaer Pleite in den vorhergehenden acht Spielen gesorgt. Demgegenüber empfing der FC Carl Zeiss zum Thüringer Derby den FC Rot-Weiß Erfurt, der dem alten Rivalen nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln gönnt. Der 1. FC Lok begann vor 8.985 Zuschauern engagiert und war sofort feldüberlegen. Unter Dampf, doch Torgefahr ging einzig von Ayodele Adetula aus, der schon zuletzt in Greifswald für den 1:1-­Ausgleich gesorgt hatte. Der verletzte Toptorjäger Stefan Maderer wurde schmerzlich vermisst, und auch der 34jährige Kapitän Djamal Ziane ging nur deshalb angeschlagen in die Partie, weil im Sturm kein adäquater Ersatz verfügbar war.

14.10 Uhr: In das Lok-Powerplay platzt die Nachricht, dass Jena durch ein Tor von Timon Burmeister (10.) in Führung gegangen ist und dadurch den Druck auf Lok noch erhöht. Virtuell waren nun die Zeissstädter mit zwei Punkten Vorsprung auf Rang eins vorgestoßen.

14:23 Uhr: Während sich die Lok-Akteure Laurin von Piechowski und Malik McLemore gegenseitig behinderen, nutzt der Magdeburger Joonas Frenzel die Verwirrung, um mit einem satten Schuss Lok-Tormann ­Alexander Naumann zu düpieren und die Gäste in Führung zu bringen (23.). Nun sind es bereits drei Zähler Rückstand für den FCL.

14.29 Uhr: Moritz Fritz erhöht für den FC Carl Zeiss auf 2:0 (29.), und die Leipziger Hoffnung auf Schützenhilfe der befreundeten Erfurter zerstiebt genauso wie am Spieltag zuvor, als der Hallesche FC zu Hause den Jenensern 0:2 unterlag. Für den FCL trifft zwar kurz darauf Adetula, doch der erst 24jährige Schiedsrichter Marvin Tennes erkennt das Tor wegen vermeintlichen Foulspiels nicht an.

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14.50 Uhr: Pausentee. Klar ist: Der 1. FC Lok benötigt eine mächtig Leistungssteigerung.

15.05 Uhr: Die Ansprache von Lok-Coach Jochen Seitz schien ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Adetula – wer sonst – überwindet nach Kopfballvorlage von Ziane den Magdeburger Keeper Tjark Möbius. 1:1 (47.). Nun fehlt nur noch ein Tor …

15.07 Uhr: Das Stadion war plötzlich erwacht und peitscht die Loksche vehement nach vorn. Plötzlich Grabesstille: Lok spielte hinten Mann gegen Mann. Frenzel hängt Filip Kusić ab, umkurvt den kopflos herausgelaufenen Naumann und vollendet zum 1:2 (49.). Jena liegt erneut mit drei Punkten vorn.

15.16 Uhr: Tausendsassa Adetula weckt die Lebensgeister neu: Mit einem sehenswerten Linksschuss ins rechte untere Eck aus etwa 20 Metern Entfernung sorgt er für das 2:2 (58.). Jena verwaltet derweil gegen Erfurt die Führung.

15.21 Uhr: Ziane geht im Strafraum umklammert zu Boden. Referee Tennes entscheidet: Elfmeter. Eine 50:50-Entscheidung. Farid Abderrahmane versenkt das Leder im rechten unteren Eck (63.). Grenzenloser Jubel.

15.28 Uhr: Dorian Cevis nutzte einen Konter zu einem schönen Treffer – 4:2 (70.). Die Vorentscheidung ist gefallen.

15.48 Uhr: Cevis profitiert von einem Slapstickmissverständnis in der Magdeburger Abwehr und muss die Kugel nur noch ins leere Gehäuse schieben – 5:2 (90.). Das Spiel wird nicht wieder angepfiffen. Das Bruno-Plache-Stadion feiert, im Ernst-Abbe-Sportfeld herrscht bodenlose Frustration – noch eine halbe Stunde zuvor wähnte sich der FCC als Meister.

Der 1. FC Lokomotive darf dennoch erneu nicht direkt in die dritte Liga aufsteigen, sondern muss sich am 28. Mai in Leipzig und am 1. Juni in Würzburg mit den dortigen Kickers um einen Aufstiegsplatz duellieren. Zum dritten Mal nach 2020 und 2025 steht Lok in den Aufstiegs-Playoffs. Dabei wurde Würzburg in Bayern nicht einmal Meister, sondern tritt an die Stelle der verzichtenden U23 des 1. FC Nürnberg – ein so unsäglicher Vorgang wie die gesamten Aufstiegsspiele, bei denen der Freistaat Bayern den gleichen Status erhält wie die sechs ostdeutschen Bundesländer zusammen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.05.2026, Seite 16, Sport

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