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20.05.2026
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Die Schrift an der Wand
Von Karl Marx zu Karl May: Kai Degenhardts neues Album »Zwischen Tellerrand und Horizont«
Der Liedermacher Kai Degenhardt blickt auf ein so umfangreiches Schaffen zurück, dass man sich fragt: Wo bleibt eigentlich die Werkschau? Sein erstes Album »Brot und Kuchen« erschien 1997. Damals regierte noch Helmut Kohl. Kaum absehbar und irgendwie doch, dass zwei Jahre später eine rot-grüne deutsche Regierung erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg führen würde. Kaum absehbar und irgendwie doch, dass es dieselbe Regierung sein würde, die mit der Agenda 2010 auch die Kettensäge an den Sozialstaat legen würde, lange bevor jemand den Namen Javier Milei kannte.
Von Kai Degenhardt sind seither sieben weitere Alben erschienen: »Dekoholic« (1999), »Briefe aus der Ebene« (2002), »Weiter draußen« (2008), »Näher als sie scheinen« (2012), »Auf anderen Routen« (2018), »Arbeiterlieder« (2023) und nun »Zwischen Tellerrand und Horizont«. Bis heute seine Themen: der Klassenkampf – nicht immer bloß von oben, sondern auch mal wieder von unten – und »Krieg dem Kriege«. Aber die Welt ändert sich und darum auch der Singer-Songwriter mit seinen zeitkritischen Liedern. So wie das Werk von Kais Vater Franz Josef Degenhardt eine Chronik der postfaschistischen BRD im Systemgegensatz war, so ließe sich anhand von Kai Degenhardts Alben eine Geschichte der größer gewordenen Bundesrepublik, ihrer sozialen Verheerungen und imperialen Ambitionen schreiben.
Natürlich geschieht dies mit ästhetischen Mitteln. Da ist zum einen die Musik. Degenhardt geht auf »Zwischen Tellerrand und Horizont« seinen Weg zum vielschichtigen Wohlklang der letzten anderthalb Jahrzehnte konsequent weiter. Melancholisch, ohne dabei wut- oder gar mutlos zu werden. Lyrisch sind die zehn neuen Lieder gewohnt cinematisch, mit Texten wie Filmszenen, die von soziologischer Beobachtungsgabe zeugen. Und dabei in einer Weise intertextuell und subtextreich sind, dass sich mit jedem Hören mehr Ebenen erschließen.
Degenhardt macht Kunst und die ist nicht klein. Aber er ist kein Formalist, niemand, der sich in Symbolismen, Manierismen, Ambivalenzen gefällt und verliert. Sein Album ist politisch. Ja, antisystemisch. Da treiben die Opfer von 500 Jahren Feudalismus und Kapitalismus an den Strand, so wie einst in Franz Josef Degenhardts »Am Fluß«. Aber keine Klassenherrschaft währt ewig. Eine unsichtbare Schnur verbindet die am meisten klassenbewusste Kunst der letzten 150 Jahre: Die Erwähnung der »Kirschenzeit« ist eine Reminiszenz an die Pariser Kommune von 1871 und ein spätes Album des Vaters, die der »Sache, die so einfach, aber schwer zu machen« eine Verneigung vor dem Kommunisten Bertolt Brecht, das Lied »Lizzy der Vertrauensmann« grüßt still den im vergangenen Jahr plötzlich verstorbenen DDR-Liedermacher Reinhold Andert, der ein Freund der Familie war. Und bei so viel Karl Marx darf auch Karl May nicht fehlen, dem Degenhardt »Durch die Wüste und das wilde Kurdistan« folgt und den er mit Lenin im »verplompten Laderaum« noch durch die »Schluchten des Balkans« schickt, dabei aber eigentlich nur eine Geschichte der »Verdammten dieser Erde« erzählt, die sich im Land am Horn auf den Weg machen, im Glauben, »etwas Besseres als den Tod« finde man zwischen Bremen und Brebach. Stattdessen wartet aber auf die Flüchtenden der »Zeitarbeiterstrich« zwischen Fischfabrik und Hafenterminal.
Und dann die Militarisierung: Wir fühlen das Unbehagen einer inneren »Zeitenwende« mit »Fahnenschwur« und »Patrioten-Zirkus«, wo es scheint, dass die Kriegstreiber gewonnen haben, die zwar »demokratisch« bomben, aber bei denen kein Tarnfleck verhüllt, dass sich hinter ihrer Behauptung, wieder zurückzuschießen, die eigene Angriffslust verbirgt. Wir schauen in den Spiegel eines postliberalen Kapitalismus, wo jeder, der nicht »ja« zu Milliardenhochrüstung und zum »Belegschaften entlassen« sagt, jeder, der nicht aus Staatsräson »ja« zu einem genozidal geführten Krieg der extrem rechten Regierung eines befreundeten Staates sagt, jeder, der nicht »ja« zum ewigen »Rattenrennen« in der Klassengesellschaft sagt, gleich als Agent, als »Autokratentroll aus Moskau, Beijing, Teheran« unter Hochverratsverdacht steht.
Degenhardt bleibt im Bett, begeht »ganz privat Landesverrat«. »Kriegstüchtig«? Kriegssüchtig wie die anderen? Nein, »friedenstüchtig«! Und er schließt mit dem Weckruf »An alle, die noch bei Verstand, / erkennt die Schrift doch an der Wand«. Fluchtgedanken kann man dem Songwriter angesichts des deutschen Miserere nicht verdenken. Schon 2002 ging er »Desertieren«. Auch diesmal zieht es ihn südwärts unter französische Sonne: »Große Straßen bringen« ihn »weg von hier«. Und zum Meer, das wieder das Cover ziert. Der Blick über den Tellerrand: Horizont, wolkenverhangen.
Aber wo bleibt da das Positive, Herr Degenhardt? Aus Prinzip keine Hoffnung? Weit gefehlt: Der Hörer merkt, dass Degenhardts Ausflug zum Arbeiterlied und das kollektive Besingen der Kraft der Klasse bei Kommunistinnen und Gewerkschaftern Spuren hinterlassen haben. Soviel Proletariat war nie auf einem Degenhardt-Album. Und am Ende bleibt es nicht nur Traum, nicht nur Flucht, widersetzen sich viele im Kollektiv: Denn im Hafen gibt’s »den großen Stillstand am Kai«.
Kai Degenhardt: »Zwischen Tellerrand und Horizont« (Plattenbau)
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