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Aus: Ausgabe vom 05.12.2025, Seite 12 / Thema
USA

Das Genie des Wahnsinns

Der US-Präsident lenkt durch außenpolitische Abenteuer von inneren Problemen seines Landes ab. Donald Trump und der »Jingoismus«
Von Ingar Solty
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Tanz den Trump. Soldaten auf dem US-Flugzeugträger »George Washington« müssen dem Präsidenten dabei zusehen, wie er sich zum Song Y.M.C.A. selbst feiert (28.10.2025)

Donald Trump scheint verliebt. In den in einer muslimischen Familie sozialisierten, in Uganda geborenen Sozialisten Zohran Mamdani. Der ist so radikal, dass er ankündigte, als Bürgermeister von New York City das Wohnen und die Kitabetreuung bezahlbar und das Benutzen der öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos zu machen. Der US-Präsident fand diese Aussicht zunächst so grauenerregend, dass er alles symbolische und ökonomische Kapital aufwendete, um Mamdani zu schlagen. In seiner Verachtung des Sozialisten war sich Trump sogar wieder mit Elon Musk, dem reichsten Mann der Welt, einig.

Musk war bekanntlich einige Monate in Trumps Regierung dafür zuständig gewesen, den Staatsapparat politisch von Liberalen zu säubern, die man – mittlerweile der dehnbarste Begriff aller Zeiten – des Marxismus verdächtigte. Aber im Streit um die Frage, ob man zur Gegenfinanzierung der enormen Steuersenkungen für Milliardäre und Konzerne den US-Arbeiterinnen und -Arbeitern nun beide Beine oder bloß ein Bein amputieren und den Rest mit Schulden finanzieren solle, gerieten die beiden Alphamännchen mit dem großen Ego, kleinen Geist und engem Herzen in Streit. Am Ende erklärte Trump, Musk – Großaktionär und CEO des Elektroautokonzerns Tesla – sei bloß sauer, dass er Joe Bidens Steuersubventionen für Elektroautos abgeschafft habe. Musk sei doch, großkotzte er, von ihm so abhängig, dass der Neubillionär sogar vor ihm auf die Knie gehen würde, Trump gewissermaßen die Hosen herunterlassen könnte und … Sie wissen schon. Musk retournierte: Die US-Weltraumbehörde NASA könne sich die Unterstützung seines privaten Weltraumreiseunternehmens, von dem die NASA abhängig ist, sparen, im übrigen sei Donald »You can grab them by the pussy« Trump auf der Kinderschänderliste Jeffrey Epsteins zu finden, was der eigentliche Grund sei, warum diese Liste, deren Veröffentlichung Trump im Wahlkampf noch lautstark gefordert hatte, von ihm nun doch nicht veröffentlicht werde.

Um sich wieder aus den Schlagzeilen herauszubekommen, sah Trump sich genötigt, den Iran zu bombardieren. Denn auch wenn Trump von sich selbst sagt, er lese keine Texte, die mehr als drei Seiten haben, so ist er doch bauernschlau genug, um die politische Praxis zu kennen, die der US-Historiker Charles Beard einst die »Ablenkungsstrategie« genannt hat: Wenn du zu Hause Probleme hast, dann lenke von ihnen durch die Außenpolitik, vielleicht sogar einen Krieg, ab. Auch Lenin kannte dieses Prinzip bürgerlich-nationalistischer Politik und nannte es Jingoismus. Es erfreut sich heute großer Beliebtheit, wo bürgerliche Politiker von Keir Starmer bis Friedrich Merz kein einziges der echten Probleme in den Griff bekommen – soziale Frage, Geschlechtergerechtigkeit, Klimafrage, Demokratiefrage, funktionierende Infrastruktur, ein kulturreiches Leben für alle – und sich also mit markigen Worten in Pose bringen, um die Wut über all den Mist gegen einen äußeren Feind zu lenken.

Daumenschrauben für die Ärmsten

Bei Trump funktionierte das tatsächlich für eine Weile. Von der Epstein-Liste war danach erst einmal nicht mehr die Rede – und auch nicht von Trumps »Big Beautiful Bill«. Dieses im Juli 2025 verabschiedete Gesetzespaket sieht unter anderem Sozialkürzungen im Umfang von 1,2 Billionen US-Dollar vor, die harte Einschnitte für die weißen Arbeiter mit sich bringen, die zuvor noch mehrheitlich Donald Trump gewählt hatten. Denn sie betreffen insbesondere »Medicaid«, die von Lyndon B. Johnson in seinem »War on Poverty« in den 1960er Jahren eingeführte öffentliche Krankenversicherung für die arbeitenden Armen, und das Ernährungsprogramm SNAP (ehemals »Food Stamps«). Die Ausgaben für Medicaid werden nun um zwölf Prozent gekürzt. Das Congressional Budget Office, die Haushaltsbehörde im US-Parlament, hat berechnet, dass die »Big Beautiful Bill« dazu führen wird, dass bis 2034 10,9 Millionen US-Amerikaner ihre Krankenversicherung verlieren werden. Andere Rechnungen gehen sogar von 17 Millionen aus. Unzählige Menschen werden an eigentlich leicht heilbaren Krankheiten sterben, weil sie sich die Behandlung nicht mehr werden leisten können. Zugleich werden den Armen die Daumenschrauben angelegt, der Arbeitszwang für Bezieher von Essenszuschüssen wird verschärft. Beautiful, ain’t it?

Jetzt aber, angesichts der Bedrohung der Kapitalistenklasse durch Zohran Mamdani, fanden sich Trump und Musk wieder zur großbourgeoisen Einheitsfront zusammen und warfen ihr finanzielles und politisches Gewicht hinter Mamdanis Herausforderer in der Demokratischen Partei, Andrew Cuomo. Der war zwar in den Vorwahlen eigentlich gescheitert, obwohl er nicht nur das Demokraten-Establishment, sondern auch die Milliardäre im »Big Apple« hinter sich zu scharen wusste, weil auch seine Politik ihnen dient. Da ihn die Demokraten aber nicht aufstellten, weil die noch nicht hinreichend gefügig gemacht worden waren, trat er als Unabhängiger an und durfte sich, auf der Grundlage einer von Milliardären wie Michael Bloomberg, dem ehemaligen New Yorker Bürgermeister, finanzierten Hetzkampagne gegen Mamdani echte Chancen ausrechnen.

Im Grunde fand sich Mamdani in einer ähnlichen Rolle wieder wie die Pariser Commune nach dem deutsch-französischen Krieg – mit Trump in der Rolle Otto von Bismarcks und Elon Musk als Adolphe Thiers, die sich nach ihrer Fehde zusammentaten, um die Anmaßung des demokratischen Volkes in der Pariser Commune in der Wiege zu erwürgen. Die Unterstützung der Republikaner Trump und Musk für den Kandidaten der Demokratischen Partei, der sie doch bis dahin noch die sinistre Absicht, das weiße Amerika vernichten zu wollen, unterstellt hatten, unterstrich dabei noch einmal, dass das Zweiparteien- eher ein Einparteiensystem ist – mit einer Partei der Milliardäre und keiner Partei für den Rest der Bevölkerung.

Entsprechend sieht bekanntlich auch der US-amerikanische Asozialstaat aus, der nicht mal den lohnarbeitenden Einkommensmittelklassen, den »Leistungsträgern« mit den Arztkitteln, Anwaltstalaren und Professorengehältern, ein halbwegs sicheres Leben erlaubt. 60 Prozent der US-Bevölkerung leben mittlerweile von »paycheck to paycheck«, verfügen also über keinerlei Ersparnisse, um mit den Risiken des Lebens im Kapitalismus irgendwie klarzukommen. Schutzlos ausgeliefert sind sie dem Anstieg von Lebensmittel- oder Mietkosten, Arbeitsunfällen und entsprechenden Gesundheitskosten, dem Arbeitsplatzverlust, der unfreiwilligen Kurz- und Teilzeitarbeit, den Folgen physischer oder psychischer Erkrankungen, den horrenden Betreuungskosten von Kindern, der plötzlichen Pflegebedürftigkeit eines Angehörigen usw. Um so wichtiger ist, dass sie auf venezolanische Gangs und haitianische Amerikaner schimpfen können, denen man nachsagt, sie würden Brunnen vergif…, nein, dir dein Haustier klauen und es dann verspeisen.¹

Ehrlicher Narzisst

Mittlerweile kumpelt der zu Bromances neigende Trump nicht mehr mit Musk, sondern lieber mit Mamdani herum. Und da der »very stable genius« (Trump über Trump) am Ende des Tages ohnehin nur grenzenlose Selbstliebe kennt, sieht er in Mamdani wohl sich selbst, nämlich einen schlagfertigen, charismatischen Politiker, der als Außenseiter erst das Establishment der eigenen Partei, dann den Kandidaten aller anderen schlug und damit alle Buchmacher- und Politikwissenschaftlerweisheiten Lügen strafte. Entsprechend herzlich fiel Trumps Reaktion auf Mamdanis Besuch im Weißen Haus aus. Seine Stimmung wurde auch durch eine anwesende Journalistin nicht getrübt, die den frisch gewählten sozialistischen Bürgermeister New York Citys darauf ansprach, dass er Trump mal als »Faschist« gekennzeichnet habe und ob er diese Titulierung auch heute noch aufrechterhalte. Mamdanis zögerliches Herantasten an eine Antwort unterbrach Trump mit dem lachend vorgetragenen Satz: Mamdani müsse nicht um den heißen Brei herumreden, er könne doch einfach »Ja« sagen. Ja, Trump ist ein Faschist. Am Ende war diese entwaffnende Ehrlichkeit wohl der erste Punktsieg Trumps in dem Kampf zwischen seinem rechtsautoritären Nationalismus und der linkssozialdemokratischen Alternative, die Mamdani und seinen Anhängern, besonders unter den Democratic Socialists of America, vorschwebt.

Diese linke Alternative verspricht immerhin etwas Balsam für die geschundene Seele des amerikanischen Kapitalismus. Klar, auch Trump hat »Erfolge« vorzuweisen. Mit Kriegsdrohungen hat er Menschen mit unerwünschter Hautfarbe in Länder, aus denen sie nicht kommen, abgeschoben. Mit weiteren Kriegsdrohungen hat er auch Panama – einen Staat, der überhaupt erst durch eine militärische US-Intervention gegen Kolumbien 1903 geschaffen wurde – gezwungen, wieder aus Chinas »Belt and Road«-Initiative auszusteigen und zwei von einem in Hongkong ansässigen Privatkonzern betriebene Häfen an Blackrock, den größten Kapitalfonds der Welt mit Sitz in den USA, zu überschreiben.

Anhängsel EU

Erfolge hat er auch gegenüber der EU vorzuweisen. Seine Zollpolitik reichte, um das Staatenbündnis in die Knie zu zwingen. Zwischen zwei Runden Golf wischte er im schottischen Turnberry mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Boden. Am Ende reckten die EU-Bürokraten zu der Demütigung noch grinsend den Daumen.² Auch ist Trump gelungen, was vor ihm, wie es der NATO-Generalsekretär Mark Rutte in einer privaten Nachricht an seinen »Daddy« (Rutte über Trump) schrieb, noch keinem US-Präsidenten in diesem Ausmaß gelungen sei: die Europäer zum Jagen zu tragen, gigantische Milliardensummen an die privaten US-Rüstungskonzerne zu überweisen, den USA künftig in ihrem Konflikt mit China auch militärisch den Rücken freizuhalten und sich mit ihrer eigenen Aufrüstung zu deindustrialisieren, zu verarmen und zu destabilisieren.

Nach Max Weber bedeutet »Macht (…) jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht«. Die Europäer waren lange Zeit leicht widerborstig, wollten nicht mal das Zweiprozentziel der NATO erfüllen, weil sie erahnten, dass eine neue Blockkonfrontation für eine zwischen den Weltmächten USA und China eingeklemmte exportorientierte Wirtschaft vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Heute fordert Trump fünf Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung, also knapp die Hälfte des deutschen Bundeshaushalts, für »Kriegstüchtigkeit«, und die Europäer geben ihrem »Daddy« die gewünschten Waffenkäufe.

Für die EU-Staaten und ihre Lichtgestalten wie Ursula von der Leyen, Kaja Kallas oder Friedrich Merz reicht Trumps Genie also noch allemal. Aber an der Volksrepublik China biss sich Trump zollpolitisch die Zähne aus. Außerdem sitzen die Kommunisten auch noch auf den gar nicht seltenen »seltenen Erden«, die aber schwer zu fördern sind. Was sich der Herrgott dabei wohl gedacht hat! Schließlich braucht doch die NATO, die Amerika und Europa im Westpazifik verteidigt, die seltenen Erden, um damit die Waffen herzustellen, mit denen China künftig dazu gezwungen werden kann, uns seine seltenen Erden zu liefern und auch sonst zu tun, was die Kolonialherren befehlen.

Der verhinderte Panzergrenadier Anton Hofreiter, der progressivste Kopf seiner »progressiven Partei« (Jan Schlemermeyer, Exbüroleiter von Ex-Linke-Chef Martin Schirdewan, über Bündnis 90/Die Grünen), hatte schon immer gewusst, dass gegen diese verschlagenen Chinesen nur eine Außenpolitik hilft, die – im Grunde wie Trump – mit dem »Colt auf dem Tisch« verhandelt. So betonte Deutschlands bekanntester »armchair general« im Dezember 2022 im Interview mit der Berliner Zeitung: Mit der europäischen Kornkammer Ukraine am Wickel müsse man zukünftig 1,4 Milliarden Chinesen, sollten sie es wagen, uns Deutsche noch mal »scheel anzusehen«, offen den Hungertod androhen: »Wenn uns ein Land seltene Erden vorenthalten würde«, so Hofreiter, »könnten wir entgegnen: ›Was wollt ihr eigentlich essen?‹« Aber klar, warum sollten die Enkel nicht zur bewährten Außenpolitik ihrer Großväter zurückkehren: Die hatten damals in dieser Weise, »mit dem Colt auf dem Tisch«, durch die Blockade von Leningrad (1941–1944) mindestens 1,1 Millionen Menschen den Hungertod gebracht – wofür Deutschland bis heute keine Entschädigung geleistet hat.

Liberale Hölle

Im Wahlkampf hatte Trump nun eine Rückkehr in die 1950er Jahre versprochen: hohe Löhne, mit denen auch Männer ohne Hochschulabschluss allein durch ihrer eigenen Hände Arbeit eine Familie durchbringen, ein Haus bauen und ihre Kinder auf die Hochschule schicken können, damit die es eines Tages besser haben. Das Land, in dem wieder Milch und Honig statt Fentanyl und Tränen fließen, ist jedoch noch immer fern. Vielleicht liegt es daran, dass Trumps Politik das Gegenteil der Politik der 50er Jahre ist. Das »Goldene Zeitalter des Kapitalismus« setzte damals ja nicht nur den ersten proletarischen Staat in der Weltgeschichte und einen vorwärtsdrängenden Weltkommunismus, der die Kapitalisten einhegte, voraus, sondern auch alles, was Trumps marktradikale Politik heute bekämpft: starke Gewerkschaften mit für sie vorteilhaften Gesetzen, hohe Steuern auf große Vermögen und Spitzeneinkommen, eine auf Vollbeschäftigung und entsprechende Beschränkung der Kapitalmacht abzielende Geldpolitik der Zentralbank, Einschränkungen der Kapitalmobilität, einen starken Sozialstaat und robusten öffentlichen Sektor usw. usf.

Statt dessen träumt der Mann mit dem »Make America Great Again«-Käppi bloß von der Rückkehr zur »guten alten Zeit«, als die Ehefrauen noch finanziell und rechtlich völlig abhängig von ihren Männern waren und diese sie ungestraft schlagen und vergewaltigen konnten. Aber irgendwie will sich dieses »Paradise Lost« mit seinen traditionellen »family values« nicht wieder einstellen, obwohl man seit fünfzig Jahren so fleißig die Steuern der Milliardäre und Konzerne senkt, den Sozialstaat mit der Kettensäge filetiert und »Right to work«-Gesetze erlässt, die das Land in einen Friedrich August Hayekschen Garten Eden gewerkschaftsfreier Arbeitskraftbesitzer verwandeln.

Auch die von Trump versprochenen »Freiheitsstädte« – Sonderwirtschaftszonen mit totaler Kapitalfreiheit wie weiland im 19. Jahrhundert, als Kinderarbeit üblich war – lassen auf sich warten. Also gibt es auch die fliegenden Autos noch nicht, die der Messias mit dem langen Strafregister verhieß. Dabei ist die Produktivität der US-Arbeiterklasse durchaus gewachsen, so stark wie seit 2020 nicht mehr: plus 2,8 Prozent. Aber die Reallöhne hinken mit einem Wachstum unter einem Prozent deutlich hinterher. Die Inflation frisst die geringen Zuwächse ohnehin auf: Für einen Warenkorb im Wert von 1.000 US-Dollar vom Januar 2022 müssen heute 1.155 US-Dollar berappt werden. Die Erwerbslosigkeit ist seit Trumps Machtantritt auch um 0,4 Prozentpunkte auf 4,4 Prozent im September 2025 gestiegen. Das ist ein höheres Niveau als unter Biden nach Ende der Coronapandemie.

Auch die Haushaltsspielräume scheinen – US-Dollar als Weltgeld hin oder her – eingeschränkt. In seiner ersten Amtsperiode steigerte Trump das Haushaltsdefizit noch von 585 Milliarden US-Dollar auf 1,1 Billionen US-Dollar – eine annähernde Verdopplung in vier Jahren. Die Staatsverschuldung stieg in den vier Jahren der ersten Trump-Präsidentschaft um fast 50 Prozent, von 19,6 auf 28,4 Billionen US-Dollar. Unter Biden stieg sie bis auf 35,8 Billionen US-Dollar im 3. Quartal 2024. Seit seinem zweiten Amtsantritt im Januar 2025 hat Trump nun erneut die Verschuldung gesteigert, von 36 Billionen US-Dollar zum Jahresende 2024 auf nun 37,6 Billionen US-Dollar zum Ende des 3. Quartals 2025. Infolge der Steuersenkungen wächst auch das Haushaltsdefizit, was zu einem permanenten politischen Streit um die Schuldenobergrenze führt. In seiner ersten Amtsperiode hatte Trump versprochen, die Steuersenkungen für die Konzerne und Milliardäre würden sich durch robustes Wachstum selbst finanzieren. Weit gefehlt! Und auch diesmal wuchs allein in den ersten neun Monaten der Trump-Regierung das US-Haushaltsdefizit um 27 Milliarden US-Dollar.

Politik gegen die Bevölkerung

Trump hatte schon bei seiner Wahl kein Mandat für seine Politik.³ Das gilt für seine Wirtschaftspolitik, die einseitig die obersten 0,1 bis ein Prozent der Bevölkerung bedient. Es gilt für seine Politik der Massendeportationen und des Einsatzes der Armee im Innern – von Los Angeles über Portland, Oregon nach Chicago –, für seinen autoritären Staatsumbau und auch seine Politik, die Frauen zwingt, ungewollte Schwangerschaften auszutragen, selbst nach Vergewaltigungen. Die Volksabstimmungen, die parallel zur Präsidentschaftswahl stattfanden, zeichneten in vielerlei Hinsicht – gewerkschaftspolitisch, verteilungspolitisch, geschlechterpolitisch usw. – sogar ein eher linkes Bild von der Stimmung im Land, und das selbst in einigen der konservativsten Bundesstaaten.

Trumps Popularität ist angesichts der erwartbar verheerenden Wirkung seiner wirtschaftspolitischen Maßnahmen jedoch weiter gesunken. Als er sein Amt antrat, hielten sich die Zahl seiner Unterstützer und die Zahl seiner Gegner die Waage: Etwa die Hälfte der Bevölkerung hatte ein (eher) positives Bild des neuen, alten Präsidenten, die andere Hälfte ein (eher) negatives. Schon seit März geht die Kurve seiner Beliebtheit immer weiter nach unten, die Zahl seiner Gegner überwiegt nun deutlich. Anfang Juli, unmittelbar nach der Verabschiedung der – auch in den Augen der breiten Bevölkerung besonders drastischen – »Big Beautiful Bill«, fiel der Anteil seiner Unterstützer weiter ab auf die 40-Prozent-Marke. 55 Prozent der Bevölkerung lehnen seine Politik mittlerweile konsequent ab. Das sind keine guten Aussichten für die Zwischenwahlen, die ohnehin für einen amtierenden Präsidenten in der Regel eher Gegenwind bedeuten. Trump könnte schon in weniger als zwölf Monaten zum »Lame duck«-Präsidenten geworden sein, der keine Maßnahme mehr durch das Parlament bekommt. Der von ihm avisierte Nachfolger, Vizepräsident J. D. Vance, ist in der Wählergunst noch weniger gelitten. Der einzige Hoffnungsschimmer: Auch die Konkurrenz ist ein Trümmerhaufen, das Personaltableau des Demokraten-Establishments ein Trauerspiel.

Krieg als Ablenkung

Dass Trumps Politik Amerika nicht wieder groß macht, kompensiert er durch Großmachtgebaren. So reagierte Trump auf das Bekanntwerden neuer Details über seine Freundschaft mit Jeffrey Epstein und seine Inkriminierung in den Fall um dessen Missbrauchsring mal wieder mit einer Beardschen Ablenkungsstrategie: leidtragend diesmal Venezuela. Trump suchte erneut auf der internationalen Bühne sein Heil und erzielte einen großen Sieg: Das gewaltigste und kriegserfahrenste Verteidigungsministerium, das durch Trumps Entscheidung jetzt auch den ehrlichen Namen Kriegsministerium trägt, besiegte in einem heldenhaften Kampf eine Armada von kleinen Fischerbooten und tötete gezielt auch die Überlebenden. Der Vorwurf: Dies seien »Drogenterroristen«. Venezuelas Exportanteil von Fentanyl in die USA: null Prozent. Venezuelas Anteil an den globalen Erdölvorkommen: heute der größte der Welt.

Trump gab mit seinen Kriegsverbrechen in aller Öffentlichkeit an; die deutsche Qualitätspresse diskutierte die willkürlichen Ermordungen in internationalen Gewässern ohne Haftbefehl oder Anklage als völkerrechtlich »umstritten«, Trump macht eben, wie Benjamin Netanjahu im Iran, auch bloß »unsere Drecksarbeit« (Friedrich Merz) in der »internationalen regelbasierten Ordnung«.

Schützenhilfe bekam Trump vom Osloer Friedensnobelpreiskomitee, das María Corina Machado, von sich selbst zur Oppositionsführerin Venezuelas erklärt, mit dem Friedensnobelpreis auszeichnete. Wahrscheinlich war Juan Guaidó gerade unpässlich. Trump hatte auch auf den Preis spekuliert, bekam ihn aber nur indirekt: Denn die rechte »Freiheitskämpferin«, die dazu aufrief, sie möge mit einer ausländischen Militärintervention in Venezuela an die Macht geputscht werden, widmete den Preis gleich dem amtierenden US-Präsidenten. Man ist es mittlerweile gewohnt, dass sämtliche Friedenspreise an die Freunde von Kriegen zur Aufrechterhaltung der westlichen Vorherrschaft vergeben werden. Ernst zu nehmen ist das alles nicht mehr. Man kann getrost darüber lachen und es künftig einfach ignorieren. Dass die »liberale« New York Times dazu die Trommel rührte, indem sie die Gründe für einen Krieg und einen Regime-Change in Venezuela zusammenstellte, passt ins Bild eines moralisch durch und durch verlotterten Westens.

Angesichts der inneren Misere flüchtet Trump also auf internationales Parkett. Die offen angestrebten Annexionen Grönlands und Kanadas sowie die Verwandlung des mit US-Unterstützung völkermörderisch geräumten Gazastreifens in eine israelisch-amerikanische Riviera, wo Milliardäre auf Leichenbergen gepflegt eine Runde Golf spielen können, stehen zwar noch aus. Aber das Ziel, die westliche Hemisphäre wieder – auch mit der Unterstützung des argentinischen Kettensägenpräsidenten Javier Milei – ganz und gar unter US-Kontrolle zu bekommen, verheißt Ablenkung. Auch erhofft sich Trump immer noch, im nächsten Jahr den Friedensnobelpreis zu erhalten, wenn er einen Schlussstrich unter den Ukraine-Krieg setzt, der für die Wolodimir-Selenskij-Regierung und die EU-Regierungen ohnehin verloren ist und immer nur noch schlechtere Ergebnisse zeitigen wird, je länger er anhält.

Dass Donald Trump im Verhältnis zu Friedrich Merz, Emmanuel Macron, Keir Starmer, Ursula von der Leyen und Kaja Kallas wie die Stimme der Vernunft klingt, sagt viel über die Unvernunft von Europas Elite aus. In ihrem Glauben an die eigenen Durchhalteparolen in einem verlorenen Krieg, der die EU mit der Pleite bedroht, verhalten sich ihre Staatschefs wie der Rauschgiftdealer, der die Warnung missachtete: Never get high on your own supply! Trump hingegen erscheint ganz nüchtern nur in sich verliebt – und in Männer, in denen er seine Genialität gespiegelt wähnt.

Anmerkungen

1 In einem TV-Duell mit der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris hatte Donald Trump 2024 behauptet, dass haitianische Migranten in der Stadt Springfield im US-Bundesstaat Ohio Haustiere stehlen und essen würden.

2 https://jacobin.de/artikel/EU-strafzoelle-handelskrieg-china-usa-zollstreit-von-der-leyen

3 Vgl. Ingar Solty: »Trumps Triumph?« VSA-Verlag, Hamburg 2025

Ingar Solty schrieb an dieser Stelle zuletzt am 23./24. und am 25. August 2025 in zwei Teilen über Friedrich Nietzsche anlässlich dessen 125. Todestags: »Hass auf die Masse« und »Opium der Intellektuellen«

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