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31.03.2026
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Lichtschein im »dunklen Jahrzehnt«
Algerien: Ein Präsident mit festen demokratischen Prinzipien – zum Tod von Liamine Zéroual
Im Alter von 84 Jahren ist vergangenen Sonnabend der ehemalige algerische Präsident Liamine Zéroual verstorben. Hochgeachtet war er vor allem, weil er sein Bekenntnis zur Demokratie mehrfach unter Beweis stellte und sich demonstrativ nicht an die Macht klammerte. Als ehemaliger Jungpartisan absolvierte er nach der 1962 erkämpften Unabhängigkeit Algeriens eine militärische Laufbahn und wurde 1988 Chef der Bodentruppen. Von diesem Posten trat Zéroual zurück, weil er mit einer von Präsident Chadli Bendjedid geplanten Reform der Armee nicht einverstanden war. Abgeschoben als Botschafter in Rumänien, gab er nach wenigen Monaten auch dieses Amt mit der Begründung auf, er sei »fürs Nichtstun nicht geschaffen«. Kolportiert wird, dass seine Mitarbeiter den ausgemachten Asketen drängen mussten, von seinem Recht Gebrauch zu machen, bei der Heimkehr einen Neuwagen zollfrei mitzuführen.
Im Zuge der 1988 einsetzenden Demokratisierung und dem Wahlsieg der Islamischen Heilsfront (Front islamique du Salut, FIS) entstand 1991 die reale Gefahr, dass das verkündete Ziel eines Schariastaates durchgesetzt würde. Mit dem Ziel, die Republik zu retten, putschte die Armee 1992 und machte den im marokkanischen Exil lebenden Mohammed Boudiaf zum provisorischen Präsidenten. Nach dessen Ermordung regierte ein vom Militär bestimmter Hoher Staatsrat (HCE), der den ausgebrochenen Bürgerkrieg aber weder militärisch noch politisch unter Kontrolle bekam. Da eine »demokratische« Lösung unter solchen Bedingungen unmöglich erschien, wurde der parteilose, als moralisch integer bekannte und seit 1993 bereits zum Verteidigungsminister berufene Zéroual 1994 Chef des HCE.
Er erlangte das Vertrauen der Gewerkschaften, indem er einen von Weltbank und Weltwährungsfonds aufgezwungenen Schuldendienst aussetzte und damit weiteren Sozialabbau stoppte. Dass die von der Opposition geforderte Wiederzulassung der FIS den Blutstrom nicht beenden würde, zeigten seine erfolglos bleibenden Verhandlungen mit inhaftierten und freigelassenen FIS-Führern. In der Folge entwickelte er ein »Rahma« genanntes Gnadenangebot an Mitglieder der islamistischen bewaffneten Gruppen, die bereit waren, sich zu ergeben. Durch eine geschickte Kombination militärischer und politischer Maßnahmen vermittelte er der Mehrzahl der Algerier eine reale Hoffnung auf die Beendigung des Bürgerkriegs. Schon 1995 konnte er sich den ersten freien Präsidentschaftswahlen stellen und diese gewinnen – unangefochten auch im Ausland. Hochachtung im eigenen Land gewann Zéroual auch, als er während einer Versammlung der UNO in New York dem französischen Präsidenten Jacques Chirac den Handschlag verweigerte, weil dieser ebenfalls die Wiederzulassung der FIS verlangte. 1996 ließ er über eine Verfassungsänderung abstimmen, wonach das präsidiale Mandat auf zwei Legislaturen beschränkt wurde – eine absolute Neuheit in der arabischen Welt.
Aber Liamine Zéroual nahm nicht einmal sein eigenes erstes Mandat bis zum Auslaufen wahr, sondern trat 1998 zurück, nachdem sein enger Berater General Mohammed Betchine wegen Korruption und Amtsmissbrauch in das Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik geraten war. Das »dunkle Jahrzehnt« des Bürgerkriegs war noch nicht zu Ende, aber militärisch und politisch zugunsten der Republik entschieden.
Unklar blieb, ob Zéroual damals nicht zum Rücktritt gedrängt worden war. Denn die Mehrheit der seinerzeit führenden Militärs strebte eine Nachkriegspolitik an, die der 1999 gewählte Abdelaziz Bouteflika eher durchzusetzen bereit war: faktische Straflosigkeit nicht nur für die einfachen Mitglieder der bewaffneten Gruppen, sondern auch für ihre Anführer.
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