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13.05.2026
- → Feuilleton
Where’s my Phone?
Zu laut: Mitski und ihr neues Album live in Amsterdam
Die Hassliebe zu den mobilen Endgeräten: Du willst dich von ihnen losreißen, aber vorher unbedingt noch mal schnell draufschauen. Und wehe, das Ding ist weg. Die japanisch-amerikanische Musikerin Mitsuki Miyawaki, mit Künstlernamen Mitski, setzt sich in »Where’s My Phone?« von ihrem neuen Album »Nothing’s About to Happen to Me« mit diesem Widerspruch auseinander. Wer gewinnt? Der Wunsch nach klaren, erfrischend reizarmen Gedanken (»I just want my mind to be a clear glass«) oder die (profitable) Sucht?
Ihre größtenteils sehr jungen Fans im Amsterdamer AFAS Live lieben die 35jährige und sicher auch ihre Texte. Dass gefilmt werden muss, steht freilich außer Frage. Vor mir nimmt jemand die komplette Show auf, schaut dabei nicht Mitski und ihre Band auf der Bühne an, was ja durchaus möglich wäre, sondern lieber Mitski auf dem Display.
Schauen wir uns die Künstlerin an. Die neue Platte besticht durch elegante Melodien und Arrangements, lyrische Originalität und Ironie. Mitskis Gesang schwebt über den Arrangements, ihre Altstimme wirkt warm, vertraut, nah. So beginnt auch dieser erste von zwei aufeinanderfolgenden Abenden in der niederländischen Hauptstadt. Die Ballade »Small Town« über die Flucht aus der Enge der Kleinstadt umfängt das Publikum durchaus sanft. Aber bereits dieser Song klingt im weiten, für 6.000 Besucher ausgelegten Saal (das Konzert ist nicht ganz ausverkauft) nicht so intim wie auf Platte.
Es kommt schlimmer: Im Laufe des Konzerts wird die fragile Verbindung zwischen Musikerin und Publikum nahezu vollständig zerstört. Die Band agiert mit einer Brachialität, die eher willkürlich erscheint als künstlerisch zwingend. Der Schlagzeuger haut auf die Pauke, die Bassistin lässt noch die hinteren Sitzreihen vibrieren, das Keyboard serviert dickste Synthieflächen. Einzig der E-Gitarrist, »musical director« Patrick Hyland, vermittelt eine Ahnung von Sorgfalt in seinem Spiel, dringt aber kaum durch. Mitskis Stimme verliert zunehmend die Wärme, gegen Ende singt sie wie resigniert gegen den Krach an. Die niederländische Zeitung De Volkskrant schrieb Ähnliches über ihren Auftritt im Amsterdamer Paradiso im Jahr 2022. Seitdem hat sich ihre Kunst, wie sie auf den sehr guten Studioalben geboten wird, weiter verfeinert – live kommt das leider nicht rüber.
Einem Großteil des Publikums ist das egal. Sie sind in einem Raum mit einer Künstlerin, die sie lieben, das ist Erlebnis genug. Doch manche gehen auch bereits vor oder während der Zugabe »Pearl Diver« von 2012. Mitski ist eine empfindsame Dichterin – eine adäquate Sprache für ihre Liveauftritte hat sie bisher nicht gefunden.
→ Mitski: »Nothing’s About to Happen to Me« (Dead Oceans)
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