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Kino

Flötentöne

Noch hat es sich nicht ausgepfiffen: Corin Hardys archäologischer Horrorfilm »Whistle« rettet das Teenslasher-Genre

Von Marc Hairapetian
Foto: Leonine Studios
Eine Übungsstunde mit der Ehecachichtli: Auch diejenigen, die das Instrument beherrschen, müssen sterben

»Ich wollte etwas zeigen, das Horrorfans noch nie zuvor gesehen haben«, sagt »The Nun«-Regisseur Corin Hardy im Interview zu seinem neuesten Gruselschocker »Whistle« ganz unbescheiden. Ein uraltes, nun vorrangig in mexikanischen Museen ausgestelltes Musikinstrument kam ihm bei seinem ambitionierten Vorhaben zur Hilfe. Ehecachichtli, die Totenflöte der Azteken, gibt es nämlich wirklich. Sie erzeugt einen schrillen, einem Schrei ähnlichen Pfeifton, der eine Gänsehaut bei (fast) allen auslöst, die ihn hören. So überrascht es nicht, dass die Hohe­priester der Völker aus Aztlán den durch Mark und Bein gehenden Klang gezielt bei ihren Opferritualen einsetzten. Wer ihn vernahm, hatte mutmaßlich nicht mehr allzu lang zu leben.

Eine Gruppe Highschool-Schüler entdeckt eines unheilvollen Tages eine der vermaledeiten Flöten. Schon bald finden Chrys (Dafne Keen), Rel (Sky Yang), Dean (Jhaleil Swaby), Grace (Alissa Skovbye) und Ellie (Sophie Nélisse) heraus, dass in einer interessanten Abwandlung des alten Rituals auch diejenigen, die sie spielen, sterben müssen. Während die Zahl der Opfer unablässig steigt, gehen die überlebenden Heranwachsenden dem Ursprung des mysteriösen Artefakts auf den Grund, um den blutigen Spuk vielleicht doch noch irgendwie beenden zu können.

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These: Nach »Das letzte Haus links« (Wes Craven, 1972), »Halloween« (John Carpenter, 1978), »Freitag der 13.« (Sean S. Cunningham, 1980), »A Nightmare on Elm Street« (Wes Craven, 1984), »Scream« (Wes Craven, 1996), »In 3 Tagen bist du tot« (Andreas Prochaska, 2006) und »Happy Deathday« (Christopher Landon, 2017) sind die Maßstäbe gesetzt und das »Teenslasher«-Horrorsubgenre wohl ziemlich ausgereizt. Gegenthese: Doch noch nicht ganz, denn jetzt läuft »Whistle« in den Kinos. Mit, nun ja, innovativen Metzelszenen wird hier wahrlich nicht gegeizt. Regisseur ­Corin Hardy, dessen sinistre Nonne seit 2018 weltweit immerhin 366 Millionen US-Dollar eingespielt hat, und Kameramann Björn Charpentier zelebrieren genüsslich, wie ein Teenagerkörper, der eigentlich noch 50 Jahre vor sich haben sollte, dank vorgezogener Altersschwäche das Zeitliche segnet. Und vor dem Feuertod ist man in »Whistle« nicht einmal unter der Dusche sicher.

Mit liebevoller Detailfreudigkeit setzt Hardy bei seiner Inszenierung diverser Todesarten auf Kostüme, handgemachte Requisiten, Stunts, Sprengkapseln, Puppenspiel und Animatronics. Die von Owen Egerton verfassten Dialogzeilen, die dem engagiert aufspielenden Cast in den Mund gelegt werden, haben hingegen ein erhebliches Qualitätsgefälle. Das reicht von unfreiwillig komisch (»Wir werden von unserem Tod gejagt. Wir müssen es aushalten.«) bis zu verblüffend konsequent (»Was, wenn ich nicht sterben will?« – »Dann hättest du nicht geboren werden dürfen!«). Psychologische Tiefe weicht hier zugunsten einer energiegeladenen Inszenierung, die der Hochglanzoptik zum Trotz auf volle Härte setzt. Und der Rattenfänger von Aztlán spielt dazu auf seiner Flöte das Lied vom Tod.

→ »Whistle«, Regie: Corin Hardy, Kanada/Irland 2025, 100 Minuten, bereits angelaufen

Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 12.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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