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Aus: Ausgabe vom 11.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Nachruf

Wer reinkommt, ist drin

Am 8. April starb der Schauspieler und Autor Mario Adorf
Von Von Marc Hairapetian
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»Peter Berling, der das Drehbuch kannte, gab mir zu verstehen, dass der Baulöwe Schuckert die passendere Rolle für mich sei. Er sollte recht behalten.« – Mario Adorf über Fassbinders »Lola«

In Harald Reinls notorischen Karl-May-Verfilmungen war Mario Adorf als skrupelloser Frederick Santer in »Winnetou I« (1963) der mit Abstand beste Schurkendarsteller. Das wurde am Karfreitag während der gefühlt tausendsten Wiederholung des Films im ZDF wieder deutlich. Knapp eine Woche später, am Mittwoch, ist einer der letzten deutschen Schauspielgiganten im hohen Alter von 95 in Paris gestorben.

In seinem Erinnerungsbuch »Schauen Sie mal böse« (2015) steht auch ein seltsam amüsantes Kapitel über das alte Schauspielerdilemma der Todesdarstellung. Man muss spielen, was man unmöglich selbst erfahren haben kann, dennoch kann Routine aufkommen: »Für den Schauspieler ist es eine für manchen vielleicht pervers anmutende Aufgabe, sich in den, der da gerade stirbt, hineinzuversetzen, auch wenn der Schauspieler das Sterben ja nur spielt. Ich bekenne, dass ich die Darstellung des Filmtodes lange Jahre leichtfertig bewältigt habe. Ich prahlte, dass es kaum eine Todesart gäbe, die ich im Spiel noch nicht durchlitten hätte. Ich sei, um mit dem Einfachsten zu beginnen, einmal im Bett gestorben, aber fünfzehnmal erschossen, zweimal mit dem Beil erschlagen, zweimal gehängt, zweimal vergiftet, zweimal überfahren worden, zweimal durch Selbstmord umgekommen, einmal lebendig verbrannt, einmal ertrunken, einmal erstochen worden, einmal in aufgestellte Lanzen gestürzt und einmal an einem verschluckten Parteiabzeichen erstickt – und dann erschossen worden.« Die abschließende Pointe des Kapitels: »Nicht ohne makabre Ironie war der Gedanke, dass ich die Beobachtung meines eigenen Sterbens leider nicht mehr in einer Rolle umsetzen könnte.«

Ich hatte 2006 die Ehre und das Vergnügen mit Mario Adorf bei den Dreharbeiten für den ZDF- Dreiteiler »Rosa Roth – Der Tag wird kommen« gemeinsam vor der Kamera zu stehen. In meiner Rolle als BKA-Agent in Zivil musste ich den von ihm verkörperten zwielichtigen Waffenhändler Willem van Kleve observieren. In den Drehpausen erzählte er mir Anekdoten aus seiner langen Karriere, wobei er sich selbstkritisch gab: »Wenn ich mir manche Filme, in denen ich mitwirkte, heute noch mal im Fernsehen anschaue, frage ich mich: Das sollen die großen Klassiker sein? Und sind meine Rollen darin tatsächlich so bedeutend?« – »Natürlich! Einige schon«, entgegnete ich ihm. Seine Darstellung des angeblichen Serienmörders Bruno Lüdke, der 1944 im »Gewahrsam« des Wiener Kriminalmedizinischen Zentralinstituts starb (vermutlich in Folge an ihm durchgeführter medizinischer Versuche), in Robert Siodmaks Thriller »Nachts, wenn der Teufel kam« (1957) ist in ihrem Verzicht auf karikatureske Züge eine Meisterleistung: »Ich habe einem Menschen, der wirklich gelebt hat, eine monströse Geschichte gegeben, die überhaupt nicht stimmt«, zweifelte er auch diesen Part an. Der historische, von den Nazibehörden für »schwachsinnig« erklärte und zwangssterilsierte Lüdke hatte die Taten nämlich nicht begangen.

Adorf wurde am 8. September 1930 in Zürich geboren. Er war der Sohn einer deutschen Röntgenassistentin und eines italienischen Chirurgen. Nach einem sechsjährigen Aufenthalt im Kinderheim wuchs er bei seiner Mutter in Mayen auf. Der begeisterte Boxer tauschte das Studium der Geisteswissenschaften in Mainz und Zürich bald mit einem Schauspielstudium an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Zu seinem Repertoire gehörten schlichte Rauhbeine genauso wie elegante Mafiosi. Wiederholt machte Mario Adorf bei paneuropäischen Produktionen mit, spielte 1965 in Mexiko an der Seite von Charlton Heston und Richard Harris in Sam Peckinpahs Soldatenwestern »Sierra Charriba«. Auch beim Neuen Deutschen Film mischte er mit – darunter in zwei Literaturadaptionen von Volker Schlöndorff (»Die verlorene Ehre der Katharina Blum«, 1975; »Die Blechtrommel«, 1979) und Rainer Werner Fassbinders »Lola« (1981)

Auch als Komödiant brillierte Adorf, etwa in Helmut Dietls »Rossini« (1997). Zum geflügelten Wort wurde sein Ausspruch als Fabrikant Heinrich Haffenloher in der ersten Episode (»Wer reinkommt, ist drin«) von Dietls Miniserie »Kir Royal« (1986): »Ich scheiß’ dich zu mit meinem Geld«, sagt er zu Franz Xaver Kroetz. Dabei war der schnöde Mammon nicht alles für Mario Adorf, der seit 1985 in zweiter Ehe mit Brigitte Bardots bester Freundin Monique Faye verheiratet war: »Ich glaube nicht an ewiges Wachstum. Irgendwann wird der Kapitalismus am Ende sein.« Dazu passt, dass es doch eine Rolle gab, auf die er wirklich stolz war, wie er mir bei einem späteren Treffen in Berlin sagte: »Karl Marx – Der deutsche Prophet« (2018).

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