Aus: Ausgabe vom 10.09.2018, Seite 10 / Feuilleton

Transsylvanische Immobilienspekulation

Eine Leiche wird in einem Kloster im Rumänien der 50er Jahre gefunden, die Exorzisten des Vatikan werden aktiv: der Film »The Nun«

Von Peer Schmitt
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Lässt sich mit dem Grundstück noch was anfangen? Die Exorzisten des Vatikans müssen ran

Inbrünstige Gebete, brennende Kruzifixe, feuchte Keller, in die Haut geritzte Pentagramme, schattige Klostermauern und am Glockenseil baumelnde Nonnen. Da bleibt wohl kaum ein Auge trocken. »The Nun« – ein Titel wie ein Markenzeichen. Ohne Zweifel setzt dieser Film des britischen Nachwuchshorrorspezialisten Corin Hardy (»The Nun« ist sein zweiter Spielfilm) so ziemlich das meiste dessen in Szene, was für Connaisseure des Gotischen unverzichtbar geblieben ist.

Bereits die britischen »Hammer«-­Horrorfilme der 60er Jahre sind mit dieser Rezeptur in gewissem Sinne unsterblich geworden. Damit der Anblick eines Kerkerlabyrinths im Untergrund einer Abtei oder auch eines Waldfriedhofs inmitten nächtlicher transsylvanischer Naturwildheit noch besser knallt, gibt es »The Nun« auch in einer Imax-Version. Das Pittoreske ist endgültig so aufdringlich wie niedlich geworden.

Nicht zu vergessen, dass der Film ein Nebenkapitel von James Wans »The Conjuring«-Filmen ist; Filme, die der Historizität des Horrorgenres und der medientechnischen Geschichte des Spuks überhaupt erhebliche Aufmerksamkeit widmen. Nun erfährt man also, wo der hartnäckige Dämon im Nonnenkostüm herstammt, der in »The Conjuring 2« das US-amerikanische Geisterseherehepaar vom heimatlichen Amityville bis zu ihrem Ausflug nach London verfolgt hat.

Die Ursprünge liegen nirgendwo anders als in Transsylvanien, also dort, wohin das viktorianische England die Vampirlegende verfrachtet hatte. Auf jeden Fall bleibt Osteuropa der Ort des Archaischen und des Unheimlichen auf der Landkarte.

Die Story: In den frühen 1950ern wird in einem abgelegenen transsylvanischen Kloster (gedreht wurde auf der Burg Hunedoara, der neogotischen »Schwarzen Burg« aus dem 15. Jahrhundert, heute eine Touristenattraktion) ausgerechnet von einem frankokanadischen Erntehelfertouristen – Frenchie (Jonas Bloquet) – die Leiche einer Nonne gefunden. Sie baumelt von Raben umschwirrt am Burgtor an einem Strick.

Der mutmaßliche Suizid alarmiert den Vatikan. Er schickt zwei Spezialisten – einen selbstverständlich schuldbeladenen Priester (Demián Bichir), der sich mit Exorzismus auskennt, sowie eine parapsychologisch begabte Novizin, Schwester Irene (Taissa Farmiga), um zu überprüfen, ob die Abtei denn noch als heiliger, geweihter Ort gelten dürfe. Anders gesagt, sie erkundigen sich, ob mit diesem Grundstück noch etwas angefangen werden kann. Tatsächlich war für die in den frühen 50ern sehr junge und politisch noch alles andere als stabile Volksrepublik Rumänien der Vatikan zwischenzeitlich so etwas wie der Staatsfeind Nummer eins, antiklerikale Politik an der Tagesordnung (erst recht in Transsylvanien, wo Katholiken gegenüber Orthodoxen und Protestanten in der Minderheit sind).

Der zeitgeschichtliche Hintergrund seiner imaginären Landschaft kümmert diesen Film natürlich null. Aber ist es nicht dennoch ganz lustig, wenn der Vatikan sich ausgerechnet im frisch kommunistisch gewordenen Transsylvanien nach dem Zustand eines seiner Grundstücke erkundigt? »Heilige Scheiße, was ist denn das Gegenteil eines Wunders, Vater?« fragt der Kanadier den Exorzisten in dem Film. Man steht ratlos vor den Ruinen untergegangener magisch-katholischer Kultur mit ihren dunklen Ritualen, merkwürdigen Machinationen, politischen Intrigen. Da geht es dann vielleicht doch um mehr als Grundstückspreise in Osteuropa.

Früher war der Leib sündig und von wilden Teufeln besessen, die fluchten, lästerten Gott und Kirche und verfolgten die Nonnen mit den unzüchtigsten Vorstellungen. Nun gibt es Spuk, Ruinen und den Immobilienmarkt. Angesichts all dessen ist dieser Film von göttlicher Komik beseelt.

»The Nun«, Regie: Corin Hardy, USA 2018, 97 min., bereits angelaufen


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