Zum Inhalt der Seite
Kino

Zweite Ordnung

Neuverfilmung von »Kiss of the Spider Woman« als Musical

Von Marc Hairapetian
Foto: courtesy of Mongrel Media
Schützerin der Schwachen und umwerfende Küsserin: Die Spinnenfrau

Es ist ein waghalsiges Unterfangen, den 2022 verstorbenen William Hurt in der Rolle des Luis Molina in »Kuss der Spinnenfrau« (1985) schauspielerisch übertreffen zu wollen. Deswegen setzt das Remake klugerweise nicht auf den neuen Molina, verkörpert von Tonatiuh Elizarraraz. Der Star ist vielmehr Jennifer Lopez in der Titelrolle. Schließlich ist die Neufassung kein klassisches Filmdrama, sondern die Adaption eines Musicals mit den Kompositionen des mittlerweile 99jährigen John Kander (»Cabaret«, 1966; »Chicago«; 1975, »New York, New York«, 1977), das schon im Londoner West End (1992) und am Broadway (1993–1995) für Furore sorgte.

Lopez zeigte sich in Interviews überglücklich, die Doppelrolle der Filmdiva Ingrid Luna beziehungsweise der von ihr verkörperten Moderedakteurin Aurora in Bill Condons »Kiss of the Spider Woman« übernehmen zu dürfen: »Ich liebe Musicals! Das wollte ich schon immer machen!«

In dem auf Manuel Puigs Roman »El beso de la mujer araña« (1976) basierenden Film wird Valentín Arregui (Diego Luna) in Argentinien im Jahr 1983 wegen revolutionärer Umtriebe ins Gefängnis geworfen. Seine Zelle muss er sich mit Molina teilen, der wegen seiner Homosexualität ebenfalls einsitzt. Der schwule Schaufensterdekorateur soll den Kommunisten bespitzeln, verliebt sich aber in ihn und erzählt ihm en détail die Handlung eines alten Hollywood-Musicals – »Kiss of the Spider Woman«, in der Hauptrolle die umwerfende Ingrid Luna.

Anzeige

Wenn Héctor Babencos Erstverfilmung für den Filmkritiker des San Francisco Chronicle, Bob Graham, »die schwule Version von ›Casablanca‹« war, ist Bill Condons Fassung eine zwischen Kammerspiel und Monumentalepos lavierende Mischung aus »Jules und Jim« (1962), »Die Verurteilten« (»The Shawshank Redemption«, 1994) und »Singin’ in the Rain« (1952).

Dem Regisseur und Drehbuchautor des gelungenen James-Whale-Biopics »Gods und Monsters« (1998), der allerdings auch Trash wie »Breaking Dawn – Biss zum Ende der Nacht, Teil 1 und 2« (2011/2012) zu verantworten hat, ist hier nicht zuletzt dank Jennifer Lopez eine hübsche Hommage an klassische MGM-Musicals gelungen. Freilich bleibt der Film in der Zeichnung des Endes der argentinischen Militärdikatur milde gesagt etwas blass.

»Kiss of the Spider Woman«, ­Regie: Bill Condon, USA/Mexiko 2026, 129 Min., bereits angelaufen

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 20.04.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Martin M. aus D. 19. Apr. 2026 um 21:53 Uhr
    »Freilich bleibt der Film in der Zeichnung des Endes der argentinischen Militärdi(k)tatur (habe den Schriftfehler im Artikel korrigiert) milde gesagt etwas blass.« Das ist gelinde gesagt noch viel zu nett ausgedrückt. Mit Jennifer Lopez haben die Produzenten Ben Affleck und Matt Damon einen »Star« geholt. Dennoch scheitert der Film auf ganzer Linie: schlechte Filmkritik; sowohl auch im Rennen um die Preise als auch an den Kinokassen.
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!