Frankensteins Familienalbum
Von Marc Hairapetian
John Hurt (1940–2017), unvergessen in der Titelrolle von David Lynchs »Der Elefantenmensch« (1980), hielt nicht viel von seinem Schauspielerkollegen Christian Bale: »Er spielt zwar alles, doch er fühlt es nicht«, monierte er mir gegenüber einmal im Gespräch beim Internationalen Film Festival Braunschweig 2009. Zumindest im Fall von Maggie Gyllenhaals nach »Frau im Dunkeln« (2021) zweiter Spielfilmregiearbeit trifft diese Behauptung ins Schwarze.
Als aus Leichenteilen zusammengesetztes Monster stakst Bale in »The Bride! – Es lebe die Braut« durch die (Studio-)Kulissen der wiederauferstandenen 1930er Jahre. Also genau der Ära, in der James Whales legendäre Leinwandadaptionen »Frankenstein« (1931) und »Frankensteins Braut« (1935) nach Motiven von Mary Shelleys Roman »Frankenstein oder Der moderne Prometheus« (1818) und Peggy Weblings gleichnamigen Bühnenstück (1927) entstanden. Im Gegensatz zu Boris Karloff, der die Kreatur ikonisch verkörperte, gruselt man sich nicht vor dem gebürtigen Waliser. Und auch das Mitgefühl hält sich in Grenzen, wenn er sich als wohl einsamstes Ungetüm der Welt eine Frau an seiner Seite wünscht.
Bales grimassierende Performance laviert zwischen überdreht und albern überdreht. Besser macht es die eigentliche Hauptdarstellerin. Die Irin Jessie Buckley (Golden Globe 2026 für ihre Interpretation von Shakespeares Ehefrau in »Hamnet«) verleiht dem unausgegorenen Genremix aus Schauermärchen, Kostümfilm, Musical und Gangsterpärchenpersiflage bei aller Pre-Punk-Durchgeknalltheit einen Hauch von Tragik.
Die Story ist von der als Schauspielerin bekannt gewordenen Maggie Gyllenhaal krude zusammengezimmert: Monster Frank (Christian Bale) benötigt Hilfe von der rätselhaften Dr. Euphronius (Annette Bening). Gemeinsam bringen sie den Leichnam von Ida (Jessie Buckley) mit wissenschaftlicher Akribie zurück ins Leben. Was zunächst als grausames Experiment beginnt, verwandelt sich schon bald in eine grotesk-kitschige Liebesgeschichte. Doch die ungewöhnliche Romanze bleibt nicht unentdeckt, wenn Frank und Ida die Tanzlokale von Chicago bis New York wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen unsicher machen. Schon bald ist ihnen die Polizei auf den Fersen …
»The Bride! – Es lebe die Braut« ist ein aus den Fugen geratener Familienfilm. Maggie Gyllenhaals Bruder Jake bleibt diesmal als Crooneridol Ronnie Reed, das auch vom Monster bewundert wird, genauso blass wie ihr Ehemann Peter Sarsgaard als melancholischer Detective Jakes Wiles. Penélope Cruz muss sich als seine Assistentin Myrna Mallow nur herzeigen. Sein Starpotential verschenkt der »Bonnie und Clyde«-Verschnitt allemal. Hinzu kommt der nervtötende »gotische« Soundtrack von Hildur Guðnadóttir (Oscar 2020 für »Joker«). Da atmet man als Zuschauer regelrecht auf, wenn im Abspann endlich »The Monster Mash« (1962) von Bobby »Boris« Pickett & The Crypt Kickers erklingt.
»The Bride! – Es lebe die Braut«, Regie: Maggie Gyllenhaal, USA 2026, 126 Min., bereits angelaufen
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