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08.05.2026
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Facebook statt Lokalzeitung
Mediale Nachrichtenwüsten breiten sich in westlicher Hemisphäre rasant aus, Vorreiter sind die USA. Social-Media-Plattformen fungieren als Lückenbüßer
Das Zeitungssterben in den USA schreitet rasant voran. Allein in den vergangenen zwei Jahren wurden 40 Prozent der Lokalzeitungen vom Markt gefegt. In fast der Hälfte der rund 3.200 US-Landkreise steht den Bewohnern nur noch eine klassische Nachrichtenquelle zur Verfügung, typischerweise eine Wochenzeitung. 200 Landkreise gelten als sogenannte Nachrichtenwüsten – Gebiete, in denen es überhaupt keine nennenswerten Informationsquellen mehr gibt. Das sind die Ergebnisse einer aktuellen Analyse der Medill Local News Initiative der Northwestern University im Bundesstaat Illinois. 50 Millionen US-Bürger haben demnach nur noch einen einzigen oder überhaupt keinen Zugang mehr zu journalistischen Lokalnachrichten.
Zugleich nimmt die Marktkonzentration enorm zu. Die meisten noch existierenden Lokalzeitungen in den USA wurden bereits von großen Medienkonzernen geschluckt. Lediglich 15 Prozent sind noch unabhängig. Hauptursache der Entwicklung ist laut den Autoren der Studie das Kollabieren des Geschäftsmodells lokaler Medien. Über Jahrzehnte waren Werbeeinnahmen die wichtigste Säule der Finanzierung. Dieses Geld wandere nun zunehmend in digitale Plattformen, die durch sogenanntes Tracking der Nutzer zielgenauere Werbemodelle und deutlich mehr Reichweite anbieten können. Die bisherigen Versuche konventioneller Medien, wettbewerbsfähige Onlinepräsenzen aufzubauen, seien weitgehend gescheitert.
Laut dem Gründer der Initiative, Steven Waldman, sind die gesellschaftlichen Folgen der Ausbreitung von Nachrichtenwüsten fatal: »Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass dort, wo lokale Nachrichten fehlen, die Wahlbeteiligung sinkt, Entfremdung zunimmt, die Polarisierung wächst, Menschen sich unversöhnlicher gegenüberstehen und sich Falschinformationen stärker verbreiten«, sagte er. Für Gemeinschaften sei es »äußerst schädlich, keinen Lokaljournalismus zu haben«. Vorgeschlagen werden unter anderem Steuervorteile für lokale Medien und eine Umlenkung staatlicher Werbegelder. Laut einer Analyse des Magazins Nieman Reports der Harvard University haben solche Maßnahmen bisher jedoch selten Erfolg.
Dass die Lücke, die traditionelle Lokalzeitungen hinterlassen, hauptsächlich von Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram oder Tik Tok gefüllt wird, zeigte bereits im Februar eine Befragung, die die Initiative gemeinsam mit dem Umfrageinstitut Qualtrics durchgeführt hatte. Demnach beziehen 51 Prozent der Bewohner von Nachrichtenwüsten, die täglich News konsumieren, diese hauptsächlich aus nichtjournalistischen Quellen. Die am häufigsten genannte Bezugsquelle waren mit 42 Prozent Social-Media-Gruppen, gefolgt von Lokalfernsehen, Suchmaschinen sowie Freunden und Familie sowie Influencern.
Zu den wichtigsten Profiteuren des Zeitungssterbens gehören somit Techkonzerne wie Google, X oder Meta, deren Bosse sich samt ihren digitalen Plattformen und Algorithmen längst in den Dienst von Präsident Donald Trump gestellt und seit dessen Amtsantritt erheblich an Einfluss gewonnen haben. Insofern verwundert es nicht, dass Trump bei den vergangenen Wahlen in 91 Prozent der lokalzeitungslosen Kreise die Mehrheit der Stimmen bekam. Ein Kausalzusammenhang ist das jedoch nicht: Die betroffenen Regionen sind meist ländlich geprägt und wirtschaftlich abgehängt. Auch diese Umstände korrelieren stark mit guten Wahlergebnissen für Trump.
Die Zustände in der US-Medienlandschaft lassen erahnen, was auf Nachrichteninteressierte in Deutschland zukommt. Auch hierzulande schreitet das Zeitungssterben voran. Die Gesamtauflage der Tageszeitungen hierzulande ist seit den 1980er Jahren um zwei Drittel gesunken, und die Marktkonzentration nimmt stark zu. Mittlerweile gibt es in fast jedem zweiten Landkreis nur noch eine Lokalzeitung. Experten sprechen noch nicht von Nachrichtenwüsten, sondern vorerst von »Versteppung«. Die Lage sei kritisch, Tausende Landkreise – vor allem im ländlichen Raum – könnten in den kommenden Jahren ihre letzte journalistische Bezugsquelle verlieren.
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