-
06.05.2026
- → Ausland
Gefoltert wegen Solidarität
Hilfsflotille für Gaza: Haft entführter Aktivisten in Israel verlängert. Berichte über psychische und körperliche Misshandlungen
Er werde entweder »getötet« oder »100 Jahre im Gefängnis verbringen«. Mit diesen Drohungen versuchten die israelischen Vernehmer den brasilianischen Aktivisten Thiago Ávila einzuschüchtern, der ebenso wie Saif Abukeshek, ein spanischer und schwedischer Staatsbürger palästinensischer Herkunft, seit Tagen »in völliger Isolation in der Haftanstalt Shikma« in Ashkelon in Südisrael inhaftiert ist. Dies berichteten zwei Anwältinnen der palästinensisch-israelischen Menschenrechtsorganisation Adalah in einer Presseerklärung der Global Sumud Flotilla (GSF) am Montag. Die Inhaftierten seien »systematischer psychologischer Folter und expliziten Drohungen gegen das Leben ihrer Familien« und »physischem Missbrauch« ausgesetzt, so Hadeel Abu Salih und Lubna Tuma.
Ávila und Abukeshek sind Teil einer Gruppe von rund 175 Personen, die israelische Truppen vergangene Woche in internationalen Gewässern nahe der griechischen Insel Kreta entführt hatten. Von den 58 Booten, die sich am Sonntag zuvor aufgemacht hatten, Israels Seeblockade um den abgeriegelten Gazastreifen zu durchbrechen, wurden 22 von Soldaten geentert und deren Besatzungen verschleppt. Kritiker und die GSF sprachen von einem Akt der »Piraterie« und von »Staatsterrorismus auf hoher See«. Der Angriff »sollte Europa erschüttern«, erklärte die UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese: »Wie ist es möglich, dass Israel Schiffe in internationalen Gewässern vor der Küste Griechenlands/Europas angreifen und beschlagnahmen darf?« Auch Stéphane Dujarric, Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres, kritisierte die Operation als »äußerst besorgniserregend« und fügte mit Blick auf die palästinensische Enklave hinzu: »Die Lösung für all das ist ein größerer humanitärer Zugang.«
Während die übrigen Entführten am Freitag in Griechenland freigelassen wurden, wurde die Inhaftierung von Ávila und Abukeshek am Dienstag um fünf weitere Tage verlängert, meldete die GSF über ihren Telegram-Kanal. Den beiden werden zahlreiche Straftaten vorgeworfen, darunter Unterstützung des Feindes in Kriegszeiten sowie Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, hieß es bei Reuters. Israel gibt an, die Aktivisten stünden in Verbindung mit der »Popular Conference for Palestinians Abroad« (PCPA), der vom US-Finanzministerium vorgeworfen wird, »im Verborgenen im Auftrag« der Hamas zu handeln. Laut Abu Salih bestreiten die zwei diese Vorwürfe. Außerdem sei ihre Festnahme aufgrund fehlender Jurisdiktion »rechtswidrig« gewesen, erklärte sie gegenüber Reuters. Auch die Regierungen Spaniens und Brasiliens haben in einer gemeinsamen Erklärung die Inhaftierung als »illegal« bezeichnet.
Seit Tagen befinden sich Ávila und Abukeshek im Hungerstreik und nehmen ausschließlich Wasser zu sich. Die beiden Adalah-Anwältinnen berichteten, ihre Mandanten seien Schlafentzug durch Dauerbeleuchtung, extremen Temperaturen sowie dem dauerhaftem Fesseln ihrer Augen ausgesetzt. Von seiten der GSF hieß es auf Telegram am Dienstag, dass sie in Haft geschlagen worden seien. Ávila berichtete gegenüber brasilianischen Botschaftsbeamten von starken Schmerzen, insbesondere in seiner Schulter, hieß es in einer Erklärung der Global Sumud Österreich. Die Beamten berichteten demnach von »sichtbaren Spuren in seinem Gesicht«. Die Inhaftierung stelle einen »Vergeltungsversuch dar, um Solidarität zu kriminalisieren«, so Adalah in der Erklärung weiter. Auch Amnesty International äußerte am Montag große Sorge um die Sicherheit der beiden und erklärte, sie seien einem »hohen Risiko von Menschenrechtsverletzungen, einschließlich Folter und anderer Misshandlung« ausgesetzt. Amnesty hob insbesondere das gezielte Herauspicken von Abukeshek hervor und erklärte, dessen Inhaftierung stehe im Einklang mit den »diskriminierenden Gesetzen und der anhaltenden Praxis der Schikanierung und Unterdrückung von Palästinensern unter Israels Apartheidsystem«.
Am Wochenende starteten weitere Boote vom italienischen Syrakus – laut einem Livetracker auf der GSF-Website befinden sich nun wieder 51 Boote auf dem Wasser. Am Montag berichtete die GSF, dass Schiffe der Freedom Flotilla Coalition, die sich der Flotte in Richtung Gaza anschließen wollen, vor der griechischen Küste unter verstärkter militärischer Überwachung stehen. Demnach kreisten Militärhubschrauber und Drohnen über den Booten, später sei auch ein unbeleuchtetes Schiff gesichtet worden; zudem habe ein Militärflugzeug die Flotte überflogen. Es bestehe die Sorge, »dass diese taktischen Manöver ein Vorspiel für weitere illegale Entführungen sind«.
Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!