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Mäßig Anlass zum Jubel

US-Verzicht auf Raketenstationierung

Foto: REUTERS/Jonathan Ernst

Truppen raus, Zölle rauf: US-Präsident Donald Trump hat seine nächste Strafaktion gegen Deutschland gestartet. Hat Bundeskanzler Friedrich Merz es wirklich gewagt, den großartigen Iran-Krieg des größten Ballsaalkönigs aller Zeiten zu kritisieren? Ha! Das wird dieser politische Zwerg noch bereuen. Trump hat am Wochenende angekündigt, 5.000 US-Soldaten aus Deutschland abzuziehen und diese Woche die Zölle auf Autos aus der EU auf 25 Prozent zu erhöhen. Und was geschieht? Das deutsche Establishment gerät in Unruhe, die krisengeplagten Kfz-Konzerne stöhnen, die sich auf Russland einschießenden Militärs werden plötzlich kreidebleich. Trump hat einen Nerv getroffen.

Was die Abzugsdrohung betrifft: Es ist nicht so sehr die Reduzierung um 5.000 der über 36.000 in Deutschland stationierten US-Soldaten, die in Berlin Sorgen macht. Darüber runzeln eher US-Militärs die Stirn. Kein US-Krieg in Mittelost, der nicht über Ramstein abgewickelt wird, in dem nicht verletzte US-Soldaten in Landstuhl behandelt werden. Wenn man nun dem US-Europakommando Truppen entzieht, schwächt man die Absicherung eines bedeutenden Teils der globalen US-Kriegsinfrastruktur.

Für die Bundesregierung folgenschwerer ist, dass die geplante Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen, besonders von »Tomahawks«, in der Bundesrepublik unterbleibt. Sie sollten Russland bedrohen; zumindest implizit stützte sich Berlin in jüngster Zeit darauf, wenn es mal wieder heftig die Backen gegen Moskau aufblies. Das erweist sich nun als Luftnummer. Zu den Raketen, über die Russland in Kaliningrad verfügt, habe man jetzt keine Gegendrohung, jammern Militärs. Vielleicht ist mackerhaftes Waffenprotzen eben doch nicht die beste Lösung.

Dennoch: Für Kriegsgegner bietet Trumps Ankündigung – sofern sie denn umgesetzt wird – nur mäßig Anlass zum Jubel. Denn stets stand fest: Die US-Mittelstreckenwaffen waren bloß als Übergangslösung geplant, bis eigene europäische Mittelstreckenwaffen zur Verfügung stehen. Daran aber wird bereits eifrig gearbeitet. Sofern das weiter im Deutschland-Tempo geschieht, werden sie Anfang der 2030er Jahre einsatzbereit sein. Das Ausbleiben der »Tomahawks« könnte ihr Entwicklungs- und Produktionstempo erheblich erhöhen – und damit Europas eigenständige Militarisierung sogar noch weiter beschleunigen.

Und die neuen US-Zölle? Die deutsche Kfz-Branche, die die Auf-, nein, die Überholjagd der chinesischen Autohersteller verschlafen hat und nicht auch noch im Westen in existentielle Nöte geraten will, dringt schon wieder darauf, Trump Zugeständnisse zu machen, um den US-Markt nicht zu verlieren. Damit hatte sie bereits im Zollkonflikt im Sommer 2025 Erfolg – mit dem Resultat, dass jetzt die gesamte EU unter einem für sie miserablen Zolldeal ächzt, an den sich die USA ihrerseits nicht halten. Bei manchen in Europa bricht jetzt aber so langsam die Erkenntnis durch, dass Trump Nachgeben lediglich als Einladung zu erneutem Zuschlagen begreift, dass man ihm gegenüber also besser hart bleibt. Der Zoff zwischen den jeweiligen Fraktionen der Bourgeoisie hat begonnen.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.05.2026, Seite 3, Ansichten

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