Zum Inhalt der Seite
Biologie

Der Mensch tickt links

Ein Experiment ermittelt: Menschen haben eine Tendenz gegen den Uhrzeigersinn

Foto: IMAGO/Funke Foto Services
Einfach einen Schritt nach rechts gehen, funktioniert halt auch nicht

Neulich beim Bowlen. Von meiner Gang so zügig nassgemacht, dass mir das obligatorische »It’s a league game, Smoke« im Hals steckenblieb. Der Grund des Versagens war schnell identifiziert, alle meine Kugeln drifteten nach links. Ein jW-Redakteur, Linksdrall – wir hatten Spaß. Gleichwohl scheint, was mich persönlich hinderte, ein universelles Phänomen zu sein. Menschliche Motorik neigt sich, wie ein aktuelles Experiment zeigt, bevorzugt gegen den Uhrzeigersinn. Dominanz von Rechtshändigkeit, Schriftbild von links nach rechts, Rechtsverkehr – Gründe, die einem prima vista hierfür einfallen, fallen aus. Das Phänomen existiert unabhängig von Kultur, individuellen Präferenzen, Dichte der Menschenmenge oder motorischer Ausrichtung des Körpers.

Entdeckt wurde es von einer Forschungsgruppe um Iñaki Echeverría-­Huarte von der Universität Navarra beim Sichten aufgezeichneter Experimente mit Menschenmengen. »Wir haben ­beobachtetet, dass sich in 32 von 33 Experimenten die Menschen bevorzugt gegen die Uhrzeigerrichtung drehen, während sie in einer ungeordneten Menge liefen«, berichtete Koautor Claudio Feliciani von der Universität Tokio.

Anzeige

Um den Grund dafür zu ermitteln, führte man fünf Versuche in Spanien und Japan durch. Dabei wurde zunächst die individuelle Drehvorliebe der Probanden ermittelt. Dann ließen die Forscher Gruppen von 30 bis 200 Menschen in einer runden Testarena erst wahllos, später zielgerichtet laufen. »Unabhängig von der Dichte der Menge war eine Tendenz messbar, sich eher gegen den Uhrzeigersinn als mit dem Uhrzeigersinn zu bewegen«, berichten Echeverría-Huarte und sein Team. Eine statistische Analyse der Teilnehmenden ergab dagegen keine Abhängigkeit von Händigkeit, Geschlecht, Gruppengröße oder kulturellen Prägungen. Bei Kindern war die Neigung gegen den Uhrzeigersinn sogar noch ausgeprägter, was Zweifel an auf gesellschaftliche Prägung zielende Erklärungen verstärkt. Zudem trat die Tendenz bei solchen Personen, die sie in der Bewegung durch die Menge zeigten (der deutlichen Mehrheit also), auch dann auf, wenn diese Personen sich allein durch die Testarena bewegten.

Obgleich damit angenommen werden kann, dass der Linksdrall physiologisch bedingt ist, fehlt den Forschern bislang eine belastbare Erklärung. Der Drall komme vermutlich »nicht von den Augen, weil er auch dann auftrat, als Testpersonen die Auge verbunden waren«, berichtete Feliciani. Einstweilen vermuten er und seine Kollegen eine Asymmetrie auf biomechanischer Ebene als Ursache. Inwieweit das zutrifft, soll Gegenstand weiterer Forschung werden.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 16.06.2026, Seite 15, Natur & Wissenschaft

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Heinrich H. aus S. 16. Juni 2026 um 01:39 Uhr
    Das Herz schlägt links.
  • Onlineabonnent*in Antonio A. aus L. 15. Juni 2026 um 22:25 Uhr
    Beide Orte der Experimente befinden sich auf der Nordhalbkugel. Auf der südlichen Halbkugel könnte der Drall nach rechts tendieren. Das wäre eine Art Corioliseffekt.
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!