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Aus: Ausgabe vom 14.01.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Geopolitik

Chinas Bauinitiative in Afrika

Beijing modernisiert historische Bahnlinie auf dem zweitgrößten Kontinent – USA und EU beargwöhnen Projekt
Von Jörg Kronauer
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Kooperationsbereit: Chinas Außenminister Wang Yi und Tansanias Präsidentin Samia Hassan (Daressalam, 10.1.2026)

Alte Erinnerungen wurden wach, als Chinas Außenminister Wang Yi auf seiner diesjährigen Afrikareise Ende vergangener Woche in Tansania eintraf. Die »tiefe Freundschaft« zwischen dem Gründer und ersten Präsidenten des Landes, Julius Nyerere, und dem Großen Vorsitzenden Mao Zedong habe »eine solide Grundlage für die langfristige Entwicklung der Beziehungen zwischen China und Tansania gelegt«: So formulierte es Wang, als er am Sonnabend gemeinsam mit seinem tansanischen Amtskollegen Mahmoud Thabit Kombo im Anschluss an ihr Gespräch vor die Presse trat. Die Beziehungen seien weiterhin gut, urteilte Wang, bevor er auf einzelne Felder der Kooperation zu sprechen kam. Eines von ihnen ließ erneut alte Erinnerungen aufflackern – die Tanzania-Zambia Railway, kurz: Tazara. Sie hat in der Geschichte der chinesisch-afrikanischen Beziehungen einen sehr hohen Stellenwert, und sie gewinnt aktuell neu an Bedeutung.

Die Tazara wurde nach mehrjährigen Planungen ab 1970 gemeinsam von China, Tansania und Sambia gebaut und nahm 1976 den Betrieb auf; sie war das größte Entwicklungsprojekt, das die Volksrepublik damals auf dem afrikanischen Kontinent unterhielt. Ziel war es, das Kupfer aus Sambias ertragsreichem Copperbelt in einen Hafen und damit auf den Weltmarkt zu bringen, ohne auf Dauer den bis dahin üblichen Transportweg über den Apartheidstaat Südafrika nehmen zu müssen. Also bauten Arbeiter aller drei Länder unter chinesischer Führung und Finanzierung eine Eisenbahn, die aus Kapiri Mposhi nördlich der Hauptstadt Lusaka bis in den Hafen von Dar es Salaam reichte. »Great Uhuru Railway« nannten viele damals die Bahn, die den Rohstofftransport ermöglichte und damit die Unabhängigkeit finanzierte; »uhuru« ist ein Swahili-Wort und heißt »Freiheit«. Stolze 1.860 Kilometer war die Schienenstrecke lang.

Die Tazara erhält heute neue Aufmerksamkeit, was mit dem Lobito-Korridor zu tun hat. Der ist ein Verkehrsweg, der aus Sambias Copperbelt in Richtung Westen verläuft – durch den äußersten Süden der Demokratischen Republik Kongo bis nach Lobito an Angolas Atlantikküste. Auf dieser Route bauten die Kolonialmächte Belgien (Kongo) und Portugal (Angola) bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Eisenbahn, die gleichfalls den Abtransport der sambischen bzw. kongolesischen Rohstoffe ermöglichen sollte, zunächst vor allem den des sambischen und kongolesischen Kupfers, später dann auch des kongolesischen Urans, mit dem die USA ihre ersten Atombomben bauten. Die Strecke verfiel jedoch im angolanischen Befreiungskrieg. An ihr haben in den vergangenen Jahren ganz besonders die USA und die EU Interesse gewonnen: Sie wollen China den Zugriff auf die Rohstoffe Sambias und vor allem der Demokratischen Republik Kongo entziehen, in der nicht zuletzt zwei Drittel des global gehandelten Kobalts gefördert werden. Zum Abtransport bietet sich für US- und EU-Konzerne dann der Lobito-Korridor an.

Washington und Brüssel haben entsprechend auf dem G20-Gipfel im September 2023 in Neu-Delhi vereinbart, die Verkehrsinfrastruktur im Lobito-Korridor wieder aufzubauen und dies im Rahmen der G7-Initiative Partnership for Global Infrastructure and Investment (PGII) finanziell zu fördern. Im Dezember 2024 absolvierte US-Präsident Joe Biden seine einzige Afrikareise. Sie führte ihn nach Lobito. Sein Nachfolger Donald Trump gibt im Krieg im Ostkongo den Friedensstifter, um sich Einfluss in Kinshasa und damit auf die Ausbeutung der Ressourcen des Kongo zu sichern. China wiederum lässt sich nicht ausmanövrieren; Ende September 2025 einigten sich die Volksrepublik, Sambia und Tansania, die Tazara wieder instandzusetzen, und zwar wie 1970 unter chinesischer Führung. 1,4 Milliarden US-Dollar soll das Ganze kosten; dafür soll es möglich sein, das Transportvolumen von derzeit 100.000 Tonnen Rohstoffen pro Jahr auf künftig 2,4 Millionen Tonnen zu erweitern. Das Projekt war eines der wichtigsten Themen der Gespräche, die Außenminister Wang am Sonnabend mit seinem tansanischen Amtskollegen und mit Tansanias Präsidentin Samia Suluhu Hassan führte. Bleibt abzuwarten, wer letzten Endes das Rennen um die Rohstoffe gewinnt: diejenigen, die die alte Kolonial- oder die, die die Uhuru-Bahn nutzen wollen.

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