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Der große Bücherraub 1948

Israelische Regierung feiert 78 Jahre Unabhängigkeit. Für die Palästinenser ist die Katastrophe noch nicht vorbei

Von Helga Baumgarten
Foto: IMAGO/ZUMA Press
Israels Unabhängigkeitstag: Die Begeisterung für Völkermord und ewigen Krieg lässt nach (Tel Aviv, 22.4.2026)

Es ist jetzt 78 Jahre her, dass auf Beschluss der vom Westen dominierten, damals neugeschaffenen UNO ein israelischer Staat gegründet wurde – von Anfang an mit der Macht einer überlegenen Armee. Durch die Vertreibung von etwa 750.000 einheimischen Palästinensern garantierte die zionistische Armee, dass ein jüdischer Staat entstand. Die noch im Land verbliebenen Palästinenser »kontrollierte« man mit direkter Militärherrschaft – von 1948 bis 1966!

Am Mittwoch feierte die Regierung Benjamin Netanjahus den Unabhängigkeitstag. Neu in diesem Jahr ist der Boykott der Feierlichkeiten durch Tausende von Israelis, die genug haben von ununterbrochenen Kriegen mit nur einem Ziel: regionale Hegemonie zu etablieren. In Tel Aviv versammelten sich Tausende von Menschen – Juden und Palästinenser –, um gemeinsam für eine neue Zukunft zu stehen. Leider noch viel zu wenige. Die von Palästinensern beantragte Nakba-Demonstration auf dem Land des 1948 zerstörten Dorfes Damun südöstlich von Akka wurde verboten. Die Veranstalter schalteten um auf »Zoom«. In Jaffa versammelten sich einige wenige palästinensische und jüdische Aktivisten und erinnerten an die »Katastrophe«, wie »Nakba« übersetzt heißt.

Derweil mordet und zerstört die israelische Armee ununterbrochen weiter: in Gaza mit täglichen Todesopfern unter den Palästinensern, im Libanon, wo es Israels offen proklamiertes Ziel ist, den Süden des Landes zu einem zweiten Gaza zu machen. Der eben neu geschlossene Waffenstillstand wird nichts daran ändern. Netanjahu wird nicht müde zu betonen, dass der Krieg gegen den Iran nicht vorbei sei. In der Westbank und in Ostjerusalem schließlich wüten Staatsgewalt, Armee und kolonialistische Siedler gemeinsam gegen die ihrer Macht schutzlos ausgelieferten Palästinenser: Die Zahl der Toten wächst ständig, immer sind Kinder und Jugendliche dabei.

Für Palästinenser ist dieser Tag ein schwarzer Tag in ihrer Geschichte. Am 15. Mai in jedem Jahr erinnern sie sich der Nakba. Israel folgt einem lunisolaren Kalender und feiert den Tag deshalb jährlich am fünften Tag des hebräischen Monats Ijar. Die Erinnerung überfällt die Palästinenser, jeden einzelnen von ihnen, gerade angesichts der israelischen Feierlichkeiten mit ihren martialischen Reden. Ihnen wurde vor 78 Jahren nicht nur ihre Heimat geraubt, sondern gleichzeitig auch ihre Kultur. Zehntausende von Büchern wurden gestohlen, von plündernden Soldaten, aber nicht zuletzt ganz gezielt und von oben organisiert durch Universitäten und Bibliotheken. In dem Film »The Great Book Robbery«, den der englische Kanal des Senders Al-Dschasira 2012 drehen ließ und der bis heute für jeden Interessierten Pflicht sein sollte, wird dieses oft übersehene Kapitel im Detail gezeigt und analysiert. Der Film lässt sich leicht im Internet auf der Seite des Regisseurs Benny Brunner oder auf Youtube finden.

Der palästinensische kommunistische Intellektuelle Khaled Al-Batrawi berichtet in dem Film über all das, was ihm 1947/48 – er war gerade 17 Jahre alt – passierte. Er stammt aus dem Dorf Isdud, auf dessen Ruinen Israel die Stadt Aschdod baute. Er wurde zusammen mit vielen anderen Palästinensern von der Armee gefangengenommen. Ihre Aufgabe war von da an, unter israelischer Kontrolle palästinensische Häuser leerzuräumen und Möbel, Teppiche und alles, was nicht niet- und nagelfest war, zum Abtransport auf Lastwagen aufzuladen. Die Bücher kamen auf einen separaten Laster.

Der hochbetagte Journalist Nasser Naschaschibi wurde aus seinem Haus im heutigen rein jüdischen Westjerusalem vertrieben. Der Film zeigt eine unsagbar schöne alte Villa – eine der Villen, die heute als hochbegehrte Immobilien für Millionenbeträge verkauft werden. Und er berichtet vom Anwesen seines Onkels Issaf Naschaschibi. Es ist noch beeindruckender. Alles wurde ausgeräumt, im Klartext: geraubt. Der Schatz an Büchern aus der großen Bibliothek von Issaf: gestohlen. Nasser Naschaschibi traf Israelis, die ihm ohne Hemmungen berichteten: Ja, deine Bücher sind in der Nationalbibliothek. Dort haben alle bis heute einen speziellen Aufkleber: AP, Abandoned Property, also verlassenes, herrenloses Eigentum.

Ghada Karmi, palästinensische Historikerin und Schriftstellerin, die inzwischen in London lebt, sucht ihr Haus in Katamon auf, einem der reichen palästinensischen Viertel vor 1948. Der neue »Eigentümer« lässt sie nicht ins Haus. Im Garten entdeckt Ghada aber den alten Zitronenbaum aus ihrer Kindheit. Da der Antrag der Regisseure, in der Nationalbibliothek zu filmen, abgelehnt wird, filmen sie mit einer versteckten Minikamera die langen Reihen von geraubten Büchern. Ala Hlehel, ein junger palästinensischer Schriftsteller aus Akka, leiht zusammen mit einer jüdischen Kollegin einige der mit AP markierten Bücher aus, wenigstens zum Durchblättern. Mit den Bücherstapeln in der Hand flüstert er vor sich hin: »Palästina ist befreit.«

→ kurzlinks.de/Buchraub-Film

→ Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.04.2026, Seite 6, Ausland

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