Den Palästinensern eine Stimme gegeben
Von Helga Baumgarten, Jerusalem
Der preisgekrönte Schauspieler Mohammed Bakri (1953–2025) aus Haifa ist am 24. Dezember gestorben. 1993 erhielt er auf dem Akka Festival für alternatives israelisches Theater den Preis als bester Darsteller für seine Rolle in Uriel Zohars Theaterstück nach Tayeb Salehs »Season of Migration to the North«. Der Film »Beyond the Walls« von Uri Barbash, in dem er eine Hauptrolle spielte, wurde für einen Oscar als bester nicht englischsprachiger Film nominiert. In Palästina trat er regelmäßig im Jerusalemer »Hakawati«-Theater auf, etwa 1986 mit Emil Habibis »Der Pessoptimist«, vorgetragen als »Bakris Monolog«. 1999 erhielt er den palästinensischen Filmpreis in Ramallah.
Die israelische Niederschlagung der zweiten Intifada, des zweiten palästinensischen Aufstandes gegen die Besatzung, schleuderte ihn ins Kreuzfeuer der Kritik. Führend dabei waren Armee und die Rechte im Lande. Auch international wurde er von den unverbrüchlichen Unterstützern Israels angegriffen. Was war der Hintergrund?
Die israelische Armee war in das Flüchtlingslager Dschenin eingedrungen und hatte dabei alles kurz und klein geschlagen. Nach Abzug des Militärs besuchte Bakri das Lager und sprach dort mit den Bewohnern ausführlich über den Horror, den sie hatten durchmachen müssen, und über ihr Leid angesichts von Tod und Zerstörung: »In meinem Film versuchte ich, den Bewohnern des Lagers, denen keiner zuhörte, eine Plattform zu geben.« Er betonte (in einem ausführlichen Artikel in der israelischen Zeitung Haaretz im Dezember 2016), dass er einfach nur Schauspieler sei. Aber, so fährt er fort, »manchmal gerät man in eine Situation, in der einem Realität und menschliche Würde eine Reaktion aufzwingen.« Als Beispiel nennt er seinen Film »1948«, den er 1998 produzierte, als Israel das 50jährige Bestehen des Staates feierte. »Ich sah im ersten Fernsehprogramm die Serie ›Tekuma‹ …, in der die Staatsgründung ausschließlich aus israelischer Sicht präsentiert wurde.« Demgegenüber wollte Bakri als Palästinenser, der im Lande aufgewachsen und mit zwei völlig verschiedenen Versionen der Ereignisse von 1948 konfrontiert war, »die palästinensische Geschichte der Nakba erzählen, die er von seinem Vater und von seinen Großeltern gehört hatte.«
»In meinem Film ›Dschenin, Dschenin‹ ging es mir genauso. Ich ging ins Flüchtlingslager, um die andere Wahrheit, die in den israelischen Medien unterschlagen wurde, in Erfahrung zu bringen und zu zeigen. Ich versuchte, dem Aufschrei der Menschen im Lager Ausdruck zu verleihen, die seit Jahrzehnten unter israelischer Besatzung lebten. Es war ein Aufschrei angesichts einer massiven militärischen Offensive von Tausenden von Soldaten mit Panzern, Artillerie, Flugzeugen und Bulldozers, die große Teile des Lagers zerstörten.« Und Bakri zitiert den Fahrer eines Bulldozers aus einem Artikel in der israelischen Zeitung Jediot Ahronot: »Ich zerstörte eine Fläche von der Größe des Teddy-Fußballstadions (größtes Stadion in Jerusalem, jW) bei uns.«
Dann berichtet Bakri von den Folgen, die der Film für ihn selbst und für seine Familie hatte. »Ich hatte nie derart primitive und rücksichtslose Angriffe gegen mich und den Film erwartet. Man schimpfte mich Mörder, Lügner, Judenhasser, Antisemiten, Terroristen. Als ich den Film drehte, rechnete ich nicht damit, dass ich die nächsten 14 Jahre vor Gericht meinen Ruf vor einem anhaltenden Lynchangriff verteidigen müsste und dass ich meine Familie vor Todesdrohungen zu schützen hätte.« Keine der unsäglichen und haltlosen Klagen gegen ihn und den Film war letztendlich erfolgreich.
Anfang 2025 wurde Dschenin wieder von der Armee überrollt und seine Bewohner vertrieben. Ein Grund, gerade heute in Erinnerung an Mohammed Bakri seinen Film wieder anzuschauen. Auch sein Film »1948« muss wieder gezeigt werden. Denn, wie Hanin Majadli am Freitag in der Haaretz schreibt: »Die Nakba hat 1948 nicht aufgehört. Sie findet heute statt in Gaza, in Ostjerusalem, in Jaffa, in der Negev und in den Dörfern, den Feldern und den Flüchtlingslagern in der Westbank.«
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