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Das Beispiel Tantura
Brief aus Jerusalem. Vertreibung und Massenmord an Palästinensern waren die Geburtshelfer des jüdischen Staates Israel
Wer hat schon einmal von Tantura gehört? Tantura war – bis Mai 1948 – ein kleines, malerisch und direkt am Meer gelegenes palästinensisches Dorf, einige Kilometer südlich von Haifa. Dort lebten 1.500 Menschen. Am 22. und 23. Mai 1948 brach das Unheil über sie herein. Die »Alexandroni«-Brigaden griffen das Dorf an. Der Angriff erfolgte im Kontext von »Plan Dalet«. Im Prinzip waren das Einsatzpläne für das zionistische Militär (Haganah und Palmach), um die palästinensischen Bewohner aller Dörfer und Städte, die im Territorium des neugeschaffenen Staates Israel lebten, zu vertreiben. Inzwischen liegen klare Aussagen der damaligen militärischen und politischen Führung vor, nach denen die Vertreibung nur möglich wurde durch Massaker. Das Massaker von Deir Jassin spielte dabei die historisch entscheidende Rolle und führte zu einer regelrechten Massenflucht. Aber es reichte wohl nicht aus, weder der Staats- und Armeeführung noch den aktiven Soldaten. »Plan Dalet« sah vor, dass die »Alexandroni«-Brigaden Tantura übernehmen und die Einwohner vertreiben sollten.
Der Fall Katz
Was genau dann passierte, ist nachzulesen in einer eindrucksvollen Magisterarbeit von Teddy Katz, eingereicht 1998 an der Universität Haifa und als sehr gut bewertet mit 97 von 100 Punkten. Titel der auf hebräisch verfassten Arbeit: »Der Exodus der Araber aus den Dörfern am südlichen Fuß des Karmelberges 1948«. Zu welchem Ergebnis war Katz gekommen? Er hatte für seine Arbeit Soldaten der »Alexandroni«-Brigaden interviewt und vertriebene Palästinenser aus Tantura über ihre Erinnerungen an den Mai 1948 befragt. Die Soldaten gaben zu, dass sie wahllos Menschen, vor allem Männer, zusammengetrieben, erschossen und in verschiedenen Massengräbern verscharrt hatten. Es ist die Rede von bis zu 200 oder 250 Ermordeten. Das wird auch bestätigt von palästinensischer Seite.
Aber Israel war 1998 und ist bis heute, 2026, nicht bereit, sich der historischen Wahrheit zu stellen und dafür Verantwortung zu übernehmen. 1998 stand Teddy Katz im Mittelpunkt. Er wurde systematisch verrissen, seine Arbeit und er als junger Forscher. Als Reaktion auf einen Artikel über dessen Magisterarbeit in der Zeitung Maariv erhoben die interviewten israelischen Soldaten eine Verleumdungsklage gegen Katz und verlangten eine Million Schekel (knapp 300.000 Euro) als Entschädigung. Der Prozess begann am 13. Dezember 2000. Die »Alexandroni«-Soldaten beschuldigten Katz, er habe ihre Aussagen erfunden. Die Universität stellte sich nicht hinter ihren angeklagten Studenten, obwohl sie ihm für die Arbeit eine ausgezeichnete Note gegeben hatte.
Katz, der kurz vor Prozessbeginn einen Herzanfall erlitten hatte und von allen Seiten unter Druck stand, zog seine in der Magisterarbeit erzielten Ergebnisse als falsch zurück. Zwölf Stunden später widerrief er jedoch diesen »Rückzieher« und forderte statt dessen eine Fortsetzung des abgebrochenen Prozesses. Der federführende Richter lehnte dies ab. Die Universität Haifa entzog Katz den verliehenen Magistergrad und erlaubte ihm kein weiteres Studium. Lediglich der Historiker Ilan Pappé, damals noch Professor in Haifa, stellte sich hinter Katz und seine Arbeit. Verteidigt wurde er schließlich unentgeltlich von der palästinensischen Menschenrechts-NGO Adala in Haifa.
Immer neue Beweise
2001 nahm das Journal of Palestine Studies die Frage nach Tantura und was dort 1948 passiert war wieder auf (Nummer 119, Frühjahr 2001). Die Zeitschrift druckte zahllose Zeugenaussagen von Palästinensern aus Tantura ab: »Das Tantura-Massaker 22./23. Mai 1948«. Ilan Pappé lieferte im Anschluss eine historisch-kritische Analyse: »Der Fall Tantura in Israel: Die Forschungen von Katz und das Gerichtsverfahren«. 2022 beschäftigte sich der Dokumentarfilmer Alon Schwarz mit Tantura und Katz. Daraus entstand sein Film »Tantura«, produziert in Israel. Schwarz interviewte Teddy Katz sowie Ilan Pappé. Außerdem machte er zahlreiche weitere Interviews mit Soldaten des »Alexandroni«-Bataillons sowie mit Vertriebenen aus Tantura. Die Bilder von Katz sind erschütternd. Man sieht einen Menschen, dessen persönliches und soziales Leben und dessen akademische und professionelle Karriere systematisch zerstört wurden. Alles aus einem einfachen Grund: Katz brachte in einem kleinen Ausschnitt die Wahrheit über 1948 an den Tag. Und diese Wahrheit will man in Israel bis heute nicht hören.
In seinem klassischen Buch zum »Beginn des palästinensischen Flüchtlingsproblems 1947–1949« von 1987 schrieb der Historiker Benny Morris »auf der Basis neu zugänglicher israelischer Archivakten« über die Attacke des 33. Bataillons der »Alexandroni«-Brigade gegen Tantura. Er war dabei allerdings sehr zurückhaltend und vermerkte lediglich: »Es ist nicht klar, ob man den Bewohnern befohlen hat, ihr Dorf zu verlassen, oder ob man sie auf subtilere Weise unter Druck gesetzt hat, damit sie gingen.« In seiner Reaktion auf die Analysen im Journal of Palestine Studies von 2001 und vor allem auf den Film von Alon Schwarz verleumdete und verunglimpfte Morris jeden, der seiner eigenen Meinung zu Tantura nicht folgte. Er meinte wohl, dass nur er die historische Wahrheit kenne. Schließlich berief er sich fälschlicherweise auf den palästinensischen Historiker Walid Khalidi und behauptete, dass dieser nie von einem Massaker in Tantura berichtet habe. Allerdings schrieb Khalidi genau darüber in seinem berühmten Austausch mit dem britischen Historiker Jon Kimche und dem irischen Schriftsteller Erskine Childers (Mai bis August 1961 in der Zeitschrift The Spectator).
Massaker um Massaker
Jeder, der den Film von Alon Schwarz sieht, wird zu dem Schluss kommen, dass in Tantura ein schlimmes Massaker verübt wurde, mit bis zu 250 Toten. »Forensic Architecture« hat das Thema 2023 bzw. 2025 neu aufgegriffen im Film »Hinrichtungen und Massengräber in Tantura, 23. Mai 1948«. Die Forschergruppe vom Goldsmith College in London untermauert darin mit weiteren Dokumenten und Luftbildern die Ergebnisse von Alon Schwarz und Teddy Katz. Inzwischen häufen sich Informationen und Dokumente über zahllose Massaker, die von der israelischen Armee 1948 verübt wurden, damit möglichst wenige Palästinenser im neugeschaffenen Staat zurückblieben. Derzeit muss von etwa 70 Massentötungen ausgegangen werden. Das größte Massaker wurde wohl im Juli 1948 in der Stadt Lydda verübt, als zwischen 250 und 400 Menschen in einer Moschee, in der sie Schutz gesucht hatten, von Soldaten erschossen wurden. Auf der Flucht Richtung Bergland und Ramallah kamen in der Sommerhitze weitere 300 der aus Lydda Vertriebenen ums Leben.
Das zweite große Massaker fand im Oktober 1948 im Dorf Dawajima statt, wo zwischen 100 und 400 Menschen getötet wurden. In Deir Jassin, oben schon erwähnt, sind zwischen 100 und 200 Menschenleben zu beklagen. Zu Dawajima liegt ein umfangreicher Bericht von Salman Abu Sitta und Daleen Saah, »Ed Dawayima 1948 Massacre«, vor, abrufbar auf der Webseite des Middle East Monitors. In einem ausführlichen Haaretz-Artikel vom 12. August 2022 zum Film »Tantura« fordert Schwarz die jüdisch-israelische Gesellschaft auf: »Israelis sollten sich schämen für das, was in Tantura passiert ist. Und sie sollten davon lernen und Konsequenzen ziehen: Es darf nie mehr eine zweite Nakba geben. Die Forderung ›Nie wieder‹ muss auch hier gelten.«
Nachtrag: Im Moschaw Dor und im Kibbutz Nachscholim (am 10. Juni 1948 auf den Ruinen von Tantura gebaut) genießen Israelis heute die Sonne über einem der Massengräber. Der große Parkplatz liegt auf einem zweiten Massengrab. Aber das stört offensichtlich niemanden.
Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt in der jW wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«.
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