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25.04.2026
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Wirtschaft ohne Zuversicht
Ifo-Barometer: Iran-Krieg verschlimmert die akuten Probleme der BRD-Ökonomie weiter
Die hiesige Konjunktur kommt nicht in Schwung. Im Gegenteil, wie das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) am Freitag vermeldete. Denn neben Energiekrise, Anti-Russland-Sanktionen, US-Zoll-Eskapaden und einer die Kosten für Unternehmen treibenden EU-Bürokratie starteten Washington und Tel Aviv auch noch einen Krieg gegen Iran – der sich seitdem in ein Desaster für große Teile der Weltwirtschaft auswächst. Die BRD inbegriffen. Kein Wunder, dass der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, konstatieren konnte: Die »Iran-Krise trifft die deutsche Wirtschaft hart«.
Nach einem Rückgang der Wirtschaftsleistung (gemessen als Bruttoinlandsprodukt; BIP) 2023 und 2024 sowie einer Quasistagnation (0,2 Prozent plus) im vergangenen Jahr, sollte 2026 eigentlich die Wende Richtung Aufschwung bringen. Darin waren sich Bundesregierung und führende Wirtschaftsforscher im voraus einig. Mindestens um ein Prozent sollte das BIP wachsen. Zudem hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zahlreiche drastische Reformen angekündigt, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Gemessen an den Ergebnissen sind diese Pläne wohl verpufft.
Und dann legten Trump und Netanjahu mit ihrer anscheinend überwältigenden Militärmacht los. Sie töteten das Staatsoberhaupt, griffen die vermuteten Stellungen an, in denen die »Mullahs« angeblich an Atombomben bastelten. Iran wehrte sich. Dessen Streitkräfte griffen US-Verbündete in der Region an, zwangen die US-Flugzeugträger, auf sichere Distanz zu gehen, und mobilisierten ihre Verbündeten im Jemen, im Irak und im Libanon. Das brachte die Öl- und Gaslieferungen aus Kuwait, Bahrain, den Emiraten und vor allem Katars fast zum Erliegen. Selbst Saudi-Arabien bekam gezeigt, wie sich Krieg anfühlt. Und es waren nicht nur Öl und Gas, die in Europa oder Südasien plötzlich fehlten. Auch die Produkte der Petrochemie rings um den Persischen Golf fanden kaum noch den Weg zu den Abnehmern, weil der Schiffsverkehr zeitweise zum Erliegen kam.
Dieser militärische Konflikt ließ dann auch das vom Münchner Institut regelmäßig ermittelte »Geschäftsklima« auf das niedrigste Niveau seit Coronazeiten fallen, wie die Nachrichtenagentur Reuters am Freitag berichtete. Der gemessene Ifo-Index sank im April auf 84,4 Punkte, nach revidiert 86,3 Zählern im März, wie das Institut zu seiner Umfrage unter rund 9.000 Führungskräften mitteilte. Dies sei der niedrigste Stand seit Mai 2020. Von Reuters befragte Ökonomen hatten für April mit einem Rückgang des Ifo-Barometers auf lediglich 85,5 Punkte gerechnet.
Übersetzt heißt das: Die Firmen blicken nicht nur zunehmend besorgter auf den Rest des laufenden Jahres. Sie bewerten auch ihre Lage im Hier und Jetzt schlechter. Laut Ifo-Umfrage-Chef Klaus Wohlrabe verlören hiesige Unternehmen die Zuversicht: »Es gibt kaum Lichtblicke in diesem Monat. Die Unsicherheit frisst sich durch die deutsche Wirtschaft.« Die Fakten sind hart. So habe der Energiepreisanstieg infolge des Nahostkriegs bereits jetzt die Inflation nach oben getrieben. Das bremse auch die Wirtschaft aus.
Bereits am Mittwoch hatte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ihre Prognose eines BIP-Zuwachses von einem Prozent in diesem Jahr halbieren müssen. Laut ihr kämpfe die Wirtschaft im Zuge des Iran-Kriegs zwar mit zunehmendem Gegenwind – was die Ministerin sogleich als Ursache der schlechten staatlichen Performance insgesamt ausmachte: »Die für dieses Jahr erwartete wirtschaftliche Erholung wird einmal mehr durch externe geopolitische Schocks ausgebremst«, wurde sie von der ARD-Tagesschau zitiert. Eine Rezession sei jedoch nicht zu erwarten.
Dies mag laut Ifo-Beurteilung immer noch sehr zuversichtlich sein. Experte Wohlrabe tendiert eher zu der Auffassung, die BRD-Wirtschaft dürfte im laufenden zweiten Quartal bestenfalls stagnieren. Im schlimmsten Fall werde sie um 0,1 oder 0,2 Prozent zum Vorquartal schrumpfen. Und wie es mit dem Konflikt weitergeht, ist von keiner Seite bisher abzusehen.
Mit den sinkenden Erwartungen über die vergangenen zwei Monate sei der Aufschwung quasi wieder »auf null« zurückgesetzt, zitierte Tagesschau online den Chefvolkswirt der Staatsbank KfW, Dirk Schumacher: »Das heißt nicht, dass eine Erholung im Laufe des Jahres – getrieben durch den Fiskalimpuls (gemeint ist die beschlossene extreme zusätzliche Verschuldung des Staates, jW) – nicht möglich bleibt.« Bedingung hierfür seien eine baldige Öffnung der Meerenge am Persischen Golf und eine graduelle Normalisierung der Energiepreise.
Doch auch ohne eine weitere Eskalation an der Straße von Hormus bleiben die Aussichten für einen wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland schlecht. Für 2027 erwartet die Bundesregierung derzeit ein bescheidenes Wachstum um 0,9 Prozent. Anfang April hatten bereits führende Forschungsinstitute ihre Wachstumsprognose nach unten geschraubt, auf ein erwartetes Plus von nur noch 0,6 Prozent. Der »Energiepreisschock« im Zuge des Iran-Kriegs mache eine Erholung der deutschen Wirtschaft noch schwerer, hieß es.
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