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24.04.2026
- → Kapital & Arbeit
Günstige Sonne, teures Öl
Solarboom in Pakistan: Energiewende läuft in Eigenregie der wohlhabenderen Bevölkerung
Die Solarbranche ist im Aufwind, auch in Pakistan. Dass die Energiegewinnung mittels Sonne boomt, war am vergangenen Wochenende in Lahore, der zweitgrößten Stadt des Landes, augenscheinlich. Auf der internationalen Messe »Solar Pakistan 2026« priesen nach Angaben des pakistanischen Wirtschaftsblatts Business Recorder 400 Unternehmen aus zehn Ländern ihre neuesten Produkte an. Für die Branche ist Pakistan mit seinen rund 251 Millionen Einwohnern, das schon heute rund ein Viertel seines Energiebedarfs aus Solarenergie deckt, ein interessanter Wachstumsmarkt.
Gerade nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran und den daraus resultierenden Verwerfungen auf den Energiemärkten wird das Land von hohen Strompreisen und Ausfällen geplagt. Wer es sich leisten kann, baut sich deshalb eine Photovoltaikanlage aufs Dach. Mittlerweile amortisieren sich solche Anschaffungen nach nur wenigen Jahren. Auch drückt das große Angebot an Anlagen aus China die Preise nach unten. Entsprechend waren Unternehmen aus der Volksrepublik auf der Messe stark vertreten. Auch in der Landwirtschaft spielt Solarenergie eine wachsende Rolle. Sie ersetzt zum Beispiel alte, dieselgetriebene Bewässerungssysteme. »Wir konnten mit den internationalen Preisen nicht mehr mithalten. Deshalb entschied ich, auf Solarenergie umzusteigen, um mit der Landwirtschaft noch Gewinn zu machen«, sagte am Montag ein Farmer dem Sender Channel News Asia. Durch den Umstieg könne er die Energiepreisentwicklung einigermaßen gelassen verfolgen.
Dank des Solarbooms konnte Pakistan zwischen 2022 und 2024 den Öl- und Gasimport um 40 Prozent verringern und so rechnerisch bis zum Beginn dieses Jahres umgerechnet 850 Millionen Euro einsparen, schrieb unlängst die Tageszeitung Gulf News. Bemerkenswert für das Land mit seiner chronischen Devisenknappheit. Doch die starke Abhängigkeit von der Einfuhr fossiler Brennstoffe bleibt bestehen. 80 Prozent der Ölimporte passieren die Straße von Hormus, auch Gaslieferungen aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten bleiben wegen der Schließung der Meerenge aus, berichtete Al Dschasira. »Ein Mangel an Gaslieferungen für Kraftwerke und energieintensive Industrien könnte schnell zu weitläufigen Stromausfällen, Fabrikstillständen und Beeinträchtigungen der öffentlichen Versorgung, des Transportwesens und der Haushalte führen«, so der Nachrichtensender weiter.
Dass die Energiewende quasi in Eigenregie durch individuelle Entscheidungen der Bevölkerung getragen wird, hat allerdings auch seine Tücken, warnt Business Recorder. Der Prozess geschehe »uneinheitlich, fragmentiert und größtenteils aus der Notwendigkeit heraus«. Auch die pakistanische Wettbewerbsaufsicht CCP warnt: Zwischen offiziellen Daten und der realen Situation vor Ort bestünden Diskrepanzen, der Markt wachse schneller, als der Staat ihn regulieren könne. In der Folge existiere heute eine dezentrale Solarwirtschaft, die parallel zum offiziellen Stromnetz operiere. Wegen zu geringer Kapazitäten könne der von den zahlreichen Kleinstsolaranlagen produzierte Strom aber auch nicht ins Netz aufgenommen werden.
An der Mehrheit der Bevölkerung geht der Solarboom ohnehin vorbei: Jene, die mit nur drei Euro am Tag über die Runden kommen müssen, können sich keine Photovoltaikanlage leisten – selbst, wenn sie jahrelang sparen würden. Sie werden statt dessen von den explodierenden Stromkosten in den Ruin getrieben. Die Nutzung von Solarenergie konzentriere sich weiterhin auf Haushalte mit höheren Einkommen, da die hohen Anschaffungskosten Arme ausschließen, hält auch die Wettbewerbsaufsicht fest.
Andererseits können Solaranlagen die nächtliche Energieversorgung nicht sicherstellen. Dafür bräuchte man Speicheranlagen, die man in Privathaushalten aber kaum findet. Auch hier hoffen chinesische Unternehmen auf Absatz, aktuell drängen sie mit preisgünstigen Lithium-Ionen-Systemen auf den pakistanischen Markt. »Der Solarboom in Pakistan ist nicht nur eine Geschichte Pakistans. Er ist auch eine Geschichte Chinas«, zitierte Al Dschasira einen Elektroingenieur der Universität Turbat.
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