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24.04.2026
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Wahlkampf um die UN-Spitze
UN-Generalsekretär António Guterres gibt Ende 2026 sein Amt ab. Die Nachfolge ist unklar
Der Wahlkampf um das Amt des nächsten, des zehnten UN-Generalsekretärs hat begonnen. Vier Kandidatinnen und Kandidaten für die Nachfolge des derzeitigen Amtsinhabers António Guterres, der Ende 2026 aus dem Amt scheiden wird, haben sich in den vergangenen Tagen bei den Vereinten Nationen in New York offiziell vorgestellt. Im nächsten Schritt muss der UN-Sicherheitsrat einen von ihnen der UN-Generalversammlung vorschlagen, wo dann eine Zweidrittelmehrheit erforderlich ist. Gemäß dem informellen Proporz der UNO wäre diesmal eine Kandidatin aus Lateinamerika an der Reihe – aus Lateinamerika deshalb, weil der bisher einzige von dort stammende UN-Generalsekretär, der Peruaner Javier Pérez de Cuéllar, vor bereits 35 Jahren aus dem Amt schied; eine Lateinamerikanerin, weil die neun bisherigen Amtsinhaber ausnahmslos Männer waren. Verkompliziert wird das Ganze noch dadurch, dass auch bei der Wahl des obersten UN-Postens das Vetorecht der ständigen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat gilt.
Das reduziert die Chancen der Kandidatin Michelle Bachelet. Die frühere Präsidentin Chiles ist als ehemalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte und Exchefin von UN Women auch auf internationaler Ebene hochqualifiziert. Allerdings sprechen sich schon jetzt einige US-Republikaner offen gegen sie aus: Sie ist ihnen zu links, zu israelkritisch und nicht antichinesisch genug. Auf größere Zustimmung könnte bei ihnen eventuell Rebeca Grynspan treffen, einst Vizepräsidentin Costa Ricas, heute Generalsekretärin der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung, UNCTAD. Grynspan ist politisch weniger profiliert als Bachelet. Außerdem hat sie den Vorteil, dass sie bei ihrer Bewerbung von den konservativen Eliten des Landes unterstützt wird. Die dienen sich US-Präsident Donald Trump an; Costa Rica ist dem Trump-Fanclub der lateinamerikanischen Ultrarechten, der angeblich gegen Drogenhandel und Bandenkriminalität ausgerichteten Initiative »Shield of the Americas«, beigetreten. Gegenwind erhält Grynspan bislang vor allem von der israelischen Rechten, der die Tochter zweier Holocaustüberlebender – sie wäre die erste Jüdin an der Spitze der UNO – nicht antipalästinensisch genug ist.
Trotz des steigenden Drucks, endlich einmal eine Frau zur UN-Generalsekretärin zu ernennen, kandidieren – wie zu erwarten – auch zwei Männer. Rafael Grossi, ein Karrierediplomat aus Argentinien, ist international als Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) bekannt. Als solcher hat er reichlich Erfahrung, vor allem mit dem eskalierten Konflikt um Irans Atomprogramm, sammeln können. Während Bachelet und die Ökonomin Grynspan den Kampf gegen die Armut in den Mittelpunkt rücken wollen, fokussiert Grossi auf die Dämpfung der Machtkämpfe in der Staatenwelt. Im Iran-Konflikt hat er bisher demonstriert, dass er im Fall der Fälle loyal auf der Seite des sogenannten Westens steht.
Und dann wäre da noch der frühere Präsident Senegals, Macky Sall. Er ist nicht nur der einzige Nichtlateinamerikaner unter den Kandidaten; er ist auch der einzige, der nicht von seinem Heimatland nominiert wurde. Der Grund: Während seiner zweiten Amtszeit ging er mit Gewalt gegen die Opposition vor, die nun in Dakar regiert und, ebenso wie große Teile der Bevölkerung, ihre Opfer nicht vergessen hat. Sall, loyaler Parteigänger der Françafrique, kann auf die Unterstützung Frankreichs hoffen, nicht aber auf die der Afrikanischen Union. Berichten zufolge stehen bloß 35 der 55 afrikanischen Staaten hinter ihm.
Vieles ist noch offen – unter anderem die Frage, ob sich noch weitere Kandidaten melden werden; möglich ist das durchaus. Nicht zuletzt stellt sich auch die Frage, unter welchen Umständen der Amtsantritt erfolgen wird: Die Vereinten Nationen stehen, unter anderem aufgrund ausbleibender US-Beitragszahlungen, vor dem finanziellen Kollaps. Auch ist bekannt, dass Donald Trump von der UNO überhaupt nichts hält. Da er nicht selbst kandidiert, kann niemand wissen, ob er nicht gegen alle Kandidaten sein Veto einlegt. Das wäre der einfachste Weg, die ihm missliebige Organisation auszuknocken.
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