Unicredit wechselt die Taktik
Von Gudrun Giese
Das Geschäft der börsennotierten Commerzbank mit Sitz in Frankfurt am Main stagniere unterhalb seiner Möglichkeiten, kritisierte die Mailänder Unicredit am Montag. Sie ist mittlerweile mit 26 Prozent Anteilen größter Einzelbesitzer des deutschen Geldhauses und hat zudem Zugriff auf knapp vier weitere Prozent der Aktien. In einem 34seitigen Bericht, den Unicredit am Montag vorlegte, hieß es unter anderem, dass die Commerzbank – gemessen an ihren Fundamentaldaten – überbewertet sei. Zudem weise sie strukturelle Schwächen auf, da sie sich zu sehr auf den kurzfristigen Erfolg konzentriere. »Unicredit ist der Meinung, dass sich die Commerzbank repositionieren sollte, um für die Zukunft gerüstet zu sein, indem sie das Wachstum beschleunigt und sich auf Investitionen und Transformation konzentriert«, hieß es im Bericht. Ganz im Stil des Übernehmers gibt die Unicredit Ratschläge für die aus ihrer Sicht nötige Ausrichtung der Commerzbank: Sie sollte sich auf die Geschäfte in Deutschland und Polen konzentrieren, sich aus anderen internationalen Aktivitäten zurückziehen, da diese unter anderem »überdimensioniert, fragmentiert und ineffizient« seien.
Bisher hatte Andrea Orcel, Vorstandschef der Unicredit, vor allem mit freundlichen Worten für die Übernahme geworben. Europa benötige größere Banken, um etwa im Wettbewerb mit US-amerikanischen Geldinstituten punkten zu können. Mitte März hatte Investmentbanker Orcel ein freiwilliges Angebot für den Tausch der übrigen Commerzbank-Aktien angekündigt. Die Offerte hat ein Volumen von rund 35 Milliarden Euro. Um das Geschäft in die Tat umzusetzen, wird die Unicredit bei einer außerordentlichen Hauptversammlung am 4. Mai die Aktionäre um ihr Placet für die erforderliche Kapitalerhöhung bitten. Die Commerzbank wiederum will am 8. Mai bei der Präsentation ihrer aktuellen Quartalszahlen neue, ehrgeizige Finanzziele verkünden.
Auch nach dem neuerlichen Vorstoß der Unicredit sieht das Frankfurter Geldhaus keinen Mehrwert in dem von Orcel gewünschten Zusammengehen der beiden Banken. Durch eine Übernahme entstünde »kein ausreichendes Wertschöpfungspotential« für die Aktionäre, hieß es vergangene Woche seitens des Instituts. Die Commerzbank sei in der Lage, das Gros der von der Unicredit aufgezeigten Potentiale selbst zu heben. Eine einvernehmliche Lösung sei derzeit nicht vorstellbar. Die Unicredit agiere und kommuniziere fortwährend unabgestimmt, was nicht vertrauensfördernd wirke. Neben Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp und der Bundesregierung, die zwölf Prozent der Anteile hält, haben sich auch die Beschäftigten, ihr Betriebsrat und die sie vertretende Gewerkschaft Verdi gegen die Übernahme der Bank durch die Unicredit ausgesprochen. »Der Vorstandsvorsitzende Andrea Orcel handelt weiterhin unkalkulierbar und spielt mit dem Vertrauen der Beschäftigten, aber auch der gesamten deutschen Wirtschaft«, erklärte Mitte März nach dem letzten Übernahmeangebot Christoph Schmitz-Dethlefsen, für den Bankenbereich zuständiges Mitglied des Verdi-Bundesvorstandes. Eine Übernahme lehne die Gewerkschaft insbesondere mit Blick auf die Entwicklung bei den Arbeitsplätzen in den – teilweise – zur Unicredit gehörenden Geldhäusern Hypovereinsbank und Commerzbank ab.
Bei der Hypovereinsbank hat die Unicredit nach ihrem Einstieg 2005 bereits viele Arbeitsplätze abgebaut. Solche Entwicklungen dürften sich nicht fortsetzen. Die großen Anleger bei der Commerzbank, vor allem der Bund, trügen eine besondere Verantwortung für den deutschen Mittelstand, für Millionen Privatkunden und für Tausende Beschäftigte, so Schmitz-Dethlefsen. »Unicredit mag nun ein Tauschangebot vorgelegt haben, das ändert aber nichts an unserer Haltung: Eine eigenständige Commerzbank ist die beste Ausgangslage für sichere Arbeitsplätze.«
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