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Aus: Ausgabe vom 02.08.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Belastungsprobe

Fiktiver Stresstest

Europäische Bankenaufsicht: Deutsche Kreditinstitute schneiden schlecht ab – allen voran die Deutsche Bank. Klimarisiken bleiben unberücksichtigt
Von Oliver Rast
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Alles andere als krisensicher: Geldhäuser hierzulande (Meißen, 9.6.2013)

Sie werden getestet, alle zwei Jahre: Banken. Es ist eine Art Belastungscheck für Kreditinstitute, wie stabil sie im Ausnahmezustand sind. Dafür simulierte die europäische Bankenaufsicht European Banking Authority (EBA) ein Krisenszenario, einen Stresstest. Die jüngsten Ergebnisse stellten die Aufseher am vergangenen Freitag abend vor. Vergleichsweise mies schnitten deutsche Geldhäuser ab. Allen voran die Deutschen Bank, die noch hinter der Commerzbank landete.

Wer spielte beim fiktiven Crash mit? Die EBA hatte 50 Banken aus 15 europäischen Ländern untersucht, die für insgesamt 70 Prozent des EU-Bankenmarktes stehen, wie dpa am Freitag berichtete. Aus Deutschland nahmen sieben Geldhäuser teil. Neben den erwähnten die Landesbanken Hessen-Thüringen und Baden-Württemberg, die Bayern-LB sowie die Volkswagen-Bank und die DZ-Bank. Gecheckt wurde, wieviel Eigenkapitalbasis bei einzelnen Banken nach einer tiefen Krise übrigbliebe. Die Annahmen waren folgende: ein Anstieg der Erwerbslosenquote auf 12,1 Prozent, ein Einbruch der Aktienkurse und niedrige Immobilienpreise, eine stark sinkende Auslandsnachfrage und weiter fallende Marktzinsen. Parallel führte die Europäische Zentralbank (EZB) einen nahezu identischen Stresstest bei 51 Instituten durch. Im virtuellen Testlabor waren zuvorderst kleinere Banken, die nicht Teil der EBA-Studie waren.

Zum EBA-Gesamtresultat: Demnach würden die Geldinstitute im simulierten Krisenverlauf fast ein Drittel ihrer Kapitalpuffer einbüßen. Die sogenannte harte Kernkapitalquote würde von 15 Prozent Ende 2020 auf nur noch 10,2 Prozent Ende 2023 schrumpfen. Dabei rangierten die sieben deutschen Banken unter dem Schnitt und im Ländervergleich mit einer Kernkapitalquote von durchschnittlich 8,78 Prozent knapp vor Italien (8,6 Prozent) und Schlusslicht Irland (8,44 Prozent). Erklärungsversuche ob der schlechten Plazierung im Endklassement gab es rasch. »Wegen der hohen Exporte der deutschen Volkswirtschaft und der starken Abhängigkeit deutscher Banken vom Zinsgeschäft ist der Kapitalverzehr bei den deutschen Banken leicht höher als im EU-Durchschnitt«, meinte Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling am Freitag gegenüber tagesschau.de. Auch sonst, Wuermelings Lesart klingt windig: Das sei kein Grund zur Beunruhigung und auch keine Schwäche, so der Bundesbanker, »sondern spiegelt nur die höhere Verwundbarkeit der deutschen Volkswirtschaft in einer weltweiten Rezession wider«.

Und die Rangfolge im informellen nationalen Wettbewerb? Bei der Deutschen Bank sank die harte Kernkapitalquote von 13,6 auf 7,4 Prozent. Sie ist damit Schlusslicht. Vorletzter wurde die Commerzbank, bei der die Kapitalquote von 13,2 auf 8,2 Prozent zurückging. Kaum besser waren die Landesbanken – allesamt blieben sie unterhalb des europäischen Durchschnittswertes. Einen Gewinner indes gab es: die Volkswagen-Bank mit einer Kernkapitalquote von 15,48. Das genossenschaftliche Institut DZ-Bank landete mit einer Quote von 10,21 Prozent ­exakt im europäischen Mittelmaß.

Nicht nur Bundesbanker Wuermeling redet die Befunde schön. »Selbst in einem noch verschärften ungünstigen Szenario beweist die Deutsche Bank ihre Widerstandsfähigkeit in einer möglichen Wirtschaftskrise«, sagte deren Finanzvorstand James von Moltke am Freitag gegenüber tagesschau.de. Wohlgemerkt: Der deutsche Platzhirsch schnitt am fünftschlechtesten von allen beim virtuellen Experiment ab. Commerzbank-Risikovorstand Marcus Chromik wollte da nicht nachstehen – und sagte: »Die Commerzbank hat komfortable Liquiditäts- und Kapitalpuffer.«

Was folgt für die Verlierer? Banken mit einer Quote von unter acht Prozent müssen sich darauf einstellen, dass die europäische Finanzaufsicht ihr geschäftiges Treiben stärker unter die Lupe nimmt. Übrigens: Neu ist dieses fiktive Brettspiel für Kreditinstitute nicht. Seit der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 überprüfen Aufseher mittels Stresstests regelmäßig deren Krisenresistenz. Nur: Die Aussagekraft bleibt widersprüchlich. Bereits vor der Veröffentlichung der Ergebnisse hatte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos eine positive Bilanz gezogen: »Europas Banken sind robust, sie sind widerstandsfähig«, behauptete er gegenüber dem Handelsblatt. Skepsis scheint angebracht. »Ich bin bei diesem Test vorsichtig«, sagte hingegen Volker Brühl vom Center for Financial Studies an der Universität Frankfurt am Main im Gespräch mit tagesschau.de. Es seien keine extremen Krisenszenarien zugrunde gelegt worden, bemängelte er. Das sieht Stefan Best ähnlich. »Ich halte die Stresstests nicht für glaubwürdig, weil sie von zwei Institutionen durchgeführt werden, die letztlich politisch nicht unabhängig sind«, sagte der Volkswirt von der Wiesbadener Hochschule Rhein-Main am Sonnabend gegenüber dpa. Mit jenen solle primär die Öffentlichkeit beruhigt werden. Und noch etwas fällt auf: Klimarisiken fehlten in den fiktiven Crashs der Bankenwächter komplett.

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