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05.06.2026
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Opfer der Hauptstadtjustiz
Berlin: Zwei Gefangene sterben innerhalb einer Woche in der JVA Plötzensee
Rauch quillt aus dem Fenster – dick und dunkelgrau. Die Handykamera zoomt zittrig aus den Gitterstäben auf ein dreistöckiges Gebäude. An der Fassade rotiert eine orange Alarmleuchte. Aufgeregte Rufe hallen über den mit Stacheldraht umzäunten Hof. »Es brennt hier«, sagt eine Stimme aus dem Off. Videosequenzen, die junge Welt zugespielt wurden.
In der JVA Plötzensee in Berlin-Charlottenburg ist vergangene Woche Mittwoch ein Gefangener verbrannt. »Seine Hilfeschreie und das Klopfen gegen die geschlossene Tür waren für zahlreiche Mitgefangene zu hören. Er wollte offensichtlich nicht sterben«, berichtet Marc Munter (Name geändert), Gefangener in einer Berliner Justizvollzugsanstalt, im jW-Gespräch. Der Verstorbene sei jung gewesen, ein 25jähriger polnischer Staatsbürger mit einer kurzen Haftstrafe. »Ein eher ruhiger und in sich gekehrter Mann, der in einigen Monaten entlassen worden wäre.«
Nicht der einzige Tote: Eine Woche später wurde ein weiterer Gefangener, der eine Ersatzfreiheitsstrafe absaß, gleichfalls polnischer Staatsangehöriger, 28, leblos in der JVA Plötzensee gefunden. Er saß ein, weil er eine Rechnung nicht zahlen konnte. Wie viele von den Hunderten Inhaftierten in der JVA Plötzensee.
In Berliner Knästen gibt es durchschnittlich einmal im Monat einen Zellenbrand. Laut Pressestelle der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz unter Ressortchefin Fedor Badenberg (CDU) wurden im Jahr 2025 für alle Berliner Justizvollzugsanstalten elf Zellenbrände statistisch erfasst. »Für das Jahr 2026 wurden bisher fünf Haftraumbrände registriert«, verrät die Senatsverwaltung auf jW-Anfrage. Rauchmelder gibt es in den Zellen nicht.
Zurück zum Todesfall Ende Mai: In den Hafthäusern ist werktags ab 17 Uhr Aufschluss. Gefangene können sich untereinander besuchen und »frei« bewegen. Das spätere Brandopfer hatte sich um zirka 18 Uhr in seiner Zelle einschließen lassen, berichtet Munter. Ein Hinweis auf eine psychische Ausnahmesituation.
Was passierte dann? »Gegen 20.45 Uhr bemerkten Mitgefangene Rauchentwicklung, einen stechenden Geruch und alarmierten die Schließer.« Augenzeugen wollen beobachtet haben, dass die Zellentür des betroffenen Gefangenen geöffnet wurde. Nach Wahrnehmung des Brandes soll die Tür durch einen Schließer wieder abgeschlossen worden sein.
Wichtig: Zellentüren in der JVA Plötzensee können einfach verriegelt werden, ohne dass sie von außen abgeschlossen sind. Riegel und Tür lassen sich dann von innen öffnen. »So hätte der Gefangene vielleicht aus der brennenden Zelle entkommen können.« Unabhängig davon, ob er den Brand selbst gelegt hat oder nicht. Munter: »Solche Brände sind Hilferufe aus schierer Verzweiflung.«
Die Pressestelle der Berliner Feuerwehr möchte die Frage, ob die Zellentür beim Löscheinsatz von außen verschlossen gewesen ist, nicht beantworten: »Bei Eintreffen der Einsatzkräfte waren die umliegenden Zellen bereits geräumt. Weitere Fragen zum Sachverhalt, insbesondere zu haft- und vollzugsrelevanten Details, richten Sie bitte an die zuständige Pressestelle der Senatsverwaltung für Justiz und Verbraucherschutz«, so Feuerwehrsprecher Lukas Emile Olzewski am Mittwoch gegenüber jW.
Nachgefragt: Die Senatsverwaltung für Justiz bestätigt, dass es die Möglichkeit gibt, die Zellentür zu schließen, ohne sie zu verriegeln. Doch die Mitarbeitenden der JVA seien zunächst in Schutz zu nehmen: »Es wurde ein Schrank vor die Tür geschoben und der Schrank angezündet, so dass JVA-Mitarbeitende gar nicht die Möglichkeit hatten, irgendwie reinzukommen«, so eine Pressesprecherin am Donnerstag zu jW. »Oder es hat sich halt die Tür verzogen durch die Hitze. Deswegen weiß ich nicht, was für Infos Sie da haben, aber die kann ich auf gar keinen Fall bestätigen«, betont sie am Telefon.
Was sagen Gefangenenvertreter? »Wir haben zwei Tote binnen einer Woche in derselben JVA«, prangert Manuel Matzke, Sprecher der Gefangenengewerkschaft/Bundesweite Organisation, an. Das entspricht einer Bankrotterklärung des Systems. Und: »Wenn ein Mensch in seiner Zelle einen Brand legt und anschließend in Todespanik vergeblich an die Tür hämmert, ohne dass ihm da irgendwie geholfen werden kann, dann offenbart das ein eklatantes Versagen baulicher, personeller und organisatorischer Sicherheitsvorkehrungen«, so Matzke im jW-Gespräch am Donnerstag.
Wofür Geld da ist: für immer höhere Stacheldrahtzäune, für Hundestaffeln, für sogenannte Schutzbewaffnung: »Für praktisch jede Form von Aufrüstung findet die Senatsverwaltung Finanzierungsmöglichkeiten«, kritisiert Munter. Gespart werde an der Verpflegung, an der Gesundheitsfürsorge, an der Hygiene und an allem, was man einst als Resozialisierung bezeichnet habe.
Nicht nur das – Munter: »In praktisch jedem Gefängnis fehlen Sozialarbeiter, externe wie interne soziale und psychosoziale Betreuung wird immer weiter zusammengestrichen. Während die offenen Vollzüge halb leer sind, sind die geschlossene Vollzugsanstalten überfüllt«. Anders ausgedrückt: eine Kürzungspolitik mit Folgen, mit tödlichen Folgen.
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