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Aus: Ausgabe vom 16.01.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Finanzskandal

Unter einer Decke

Wirecard-Untersuchungsausschuss befasst sich mit Rolle der Geldinstitute. Deutsche-Bank-Aufsichtsrat forderte, Financial Times »fertigzumachen«
Von Steffen Stierle
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Trotz Betrugsverdachts: Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing hielt besonders lange an Wirecard fest

Bei der Sitzung des Wirecard-Untersuchungsausschusses am Donnerstag abend stand die Rolle der Geldgeber des insolventen Zahlungsdienstleisters im Mittelpunkt. Der Konzern hatte vor der Pleite von einem Kredit über 1,75 Milliarden Euro profitiert, der von einem Konsortium unter Führung der Commerzbank gewährt worden war. Doch während die Bayerische Landesbank (Bayern LB) sich bereits im Frühjahr 2018 aus den Geschäften zurückgezogen hatte, hielten Commerzbank und Deutsche Bank den Betrügern aus Aschheim bei München noch deutlich länger die Stange.

Den Ausstieg aus den Kreditbeziehungen hatte der Risikomanager der Bayern LB, Marcus Kramer, gegenüber den Abgeordneten unter anderem mit einer schwerverständlichen Bilanzstruktur und einen undurchsichtigen Markt begründet, auf dem das Unternehmen agiere. Die Antworten auf Fragen, die man an die Konzernführung hatte, hätten eher neue Fragen aufgeworfen. Die Commerzbank-Analysten waren offenbar erst ein Jahr später skeptisch geworden: Im Frühjahr 2019 hätten drei Vorstandsmitglieder angeregt, keine Geschäfte mehr mit Wirecard zu machen, sagte der Chef des Geldhauses, Martin Zielke, im Untersuchungsausschuss. Er habe sich »da schon gewundert« und sich gefragt, ob es richtig sei, »bei einem Dax-Unternehmen rauszugehen«. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Financial Times bereits kritisch über die Wirtschaftsdaten des Unternehmens berichtet. Insgesamt war die Commerzbank mit rund 200 Millionen Euro bei Wirecard engagiert. Ein Großteil der Summe wurde laut Zielke im vergangenen Jahr abgeschrieben.

Dass die Deutsche Bank mit deutlich geringeren Verlusten von rund 18 Millionen Euro davonkam, geht wohl vor allem auf Absicherungsgeschäfte zurück. Insgesamt war das Frankfurter Geldhaus mit rund 80 Millionen bei Wirecard im Geschäft. Darüber hinaus habe es einen Kredit über 150 Millionen Euro an die Beteiligungsfirma des früheren Wirecard-CEOs, Markus Braun, gegeben. Zum Ausstieg hatte man sich laut Deutsche Bank-Chef Christian ­Sewing im Dezember 2019 entschieden. Da war das Sondergutachten der Prüfungsgesellschaft KPMG, das einige Monate später den Totalabsturz ­Wirecards auslösen sollte, bereits in Arbeit. Lange hielt die Deutsche Bank an ­Wirecard fest, was damit zu tun haben mag, dass die Beziehungen zwischen Geldinstitut und Zahlungsabwickler auf Führungsebene besonders eng waren. Laut Aussage im Untersuchungsausschuss war Sewing erstmals 2018 auf Braun getroffen. Es habe dann mehrere Gespräche gegeben, in denen die Möglichkeiten einer vertieften Zusammenarbeit erörtert wurden. Letztlich seien diese jedoch abgebrochen worden, da »keine substantielle Tiefe erreicht« wurde. Braun hatte zur gleichen Zeit an einer Übernahme der Deutschen Bank gearbeitet, doch das will Sewing erst im Sommer 2020 durch eine Medienanfrage erfahren haben.

Zur Sprache kam während der Anhörung auch eine E-Mail des Deutsche-Bank-Aufsichtrats Alexander Schütz an Braun. Darin wird der frühere Wirecard-Chef aufgefordert, er solle die ­Financial Times »fertigmachen«, weil sie den Betrug, in dessen Zuge Wirecard in Asien 1,9 Milliarden Euro aus dem Nichts erschaffen hatte, aufgedeckt hatte. In erhebliche Erklärungsnöte gerieten im Zuge der Anhörung jedoch nicht nur die Spitzenbanker, sondern auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) und das Finanzministerium. Schließlich hatte die Bafin die Unstimmigkeiten in den Wirecard-Bilanzen auch dann augenscheinlich noch nicht erkannt, als Bayern LB und Commerzbank längst zu einer negativen Einschätzung der Kreditbeziehungen gekommen waren. Commerzbank-Risikovorstand Marcus Chromik hatte im Ausschuss betont, dass der Verdacht auf Geldwäsche und Zweifel an den Wirecard-Geschäften in Südostasien für den Ausstieg ausschlaggebend gewesen seien. Entsprechende Hinweise habe man auch an die Behörden weitergegeben. Laut dem stellvertretenden Vorsitzenden der Linken, Fabio De Masi, ist nun zu klären, »warum die Finanzaufsicht nicht in der Lage war, die Probleme zu erkennen«. Auch der Verdacht, dass die Banken privilegierte Informationen hatten, die den Aufsehern vorenthalten wurden, steht im Raum.

Wie kurz der Draht zwischen den großen Privatbanken und der Bundesregierung ist, hatte sich schon vor der Anhörung ein weiteres Mal gezeigt. So tauchte in einer Antwort des Finanzministeriums an den FDP-Abgeordneten Frank Schäffler ein Telefonat Sewings mit Staatssekretär Jörg Kukies (SPD) vom 30. Juni 2020 auf, das in der Antwort auf eine frühere Anfrage De Masis noch verschwiegen worden war. »Da das Telefonat kurzfristig und ohne vorherige Terminvereinbarung stattfand, wurde es nicht im Kalender dokumentiert«, heißt es nun im Finanzministerium. So spontan bekommt nicht jeder einen Staatssekretär an die Strippe.

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