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05.06.2026
- → Inland
Warum steigt die Zahl der Kindeswohlgefährdungen?
Der Druck, der auf Familien in Hamburg lastet, ist viel zu groß, und es wird nichts dagegen getan, kritisiert Jan Libbertz
Der Kinder- und Jugendnotdienst in Hamburg hat Alarm geschlagen und erklärt, dass die Zahl der Betroffenen von Kindeswohlgefährdung dramatisch angestiegen sei. Die Linke Fraktion in der Bürgerschaft spricht angesichts aktueller Zahlen für das Jahr 2024 von einem vorläufigen Höchststand. Wieso sind immer mehr Kinder in Hamburg gefährdet?
Die akuten Fälle werden mehr, weil die Lage der Familien in der Stadt immer schwieriger wird. Wir haben das über einen Zeitraum von zehn Jahren abgefragt, in den unter anderem die Covid-Pandemie, die daraus resultierende Inflation und der Ukraine-Krieg fallen. Gleichzeitig hat die Sozialpolitik auf ganzer Linie versagt. So sieht man, dass die Belastung in den Familiensystemen wächst. Das Ergebnis ist am Ende die Kindeswohlgefährdung. In den allerschlimmsten Fällen geht es da um Gewalt. Dann ist von akuter Kindeswohlgefährdung die Rede. Das liegt aus unserer Sicht nicht daran, dass die Eltern alle böse geworden sind, sondern daran, dass die Belastung in den Systemen einfach immer größer wird.
Ist die Lage im bundesweiten Vergleich in Hamburg besonders schlimm?
Ich kann das nur aus Hamburger Sicht beurteilen. Hier sind nicht nur die Zahlen der akuten Kindeswohlgefährdungen hochgegangen. Auch die Zahl der angezeigten Kindeswohlgefährdungen, die überprüft wurden und bei denen dann keine akute Gefährdung festgestellt wurde, aber ein Hilfebedarf besteht, ist gestiegen – um mehr als 400 Prozent in den letzten zehn Jahren. Diese enorme Steigerung muss bedeuten, dass in allen sozialen Milieus Hamburgs eine dramatisch höhere Belastung entstanden ist. Daraus kann man vielleicht auch extrapolieren, dass das wahrscheinlich in ganz Deutschland so ist, weil es bundesweit annähernd dieselben sozialen Milieus und Klassenstrukturen gibt wie in Hamburg.
Was sind die Gründe dafür, dass Kinder die Unterstützung des Allgemeinen Sozialen Dienstes, ASD, brauchen?
Die Inobhutnahmen kommen nüchtern betrachtet erstmals zustande, wenn eine Kindeswohlgefährdung festgestellt wird und man es so einschätzt, dass das Wohl des Kindes in seinem Elternhaus so stark in Gefahr ist und die Eltern es auch mit Unterstützung von außen nicht schaffen, sie abzuwenden. Der Druck, der auf den Familien in Hamburg lastet, ist einfach viel zu groß, und es wird überhaupt nichts getan. Das führt dazu, dass Eltern und Kinder es zu Hause nicht mehr schaffen. Sie werden alleine gelassen, und dann entstehen Probleme. Wenn sie die Probleme alleine lösen müssen, dann mündet das manchmal leider in Gewalt. So in etwa lässt sich die Situation aus einer linken und sozialarbeiterischen Perspektive herunterbrechen auf den Einzelfall.
Was braucht der Kinder- und Jugendnotdienst, um seine Aufgaben angemessen zu erfüllen?
Der braucht eine viel bessere finanzielle Ausstattung, viel mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen für das Personal und außerdem eine Dezentralisierung. Es gibt nämlich einen Standort in Hamburg, mittlerweile vielleicht zwei. Aber man bräuchte im Grunde ganz viele in allen Sozialräumen in Hamburg, um das adäquater zu verteilen und dafür zu sorgen, dass die Kinder nicht alle auf einem Haufen zusammen sind. Das wäre ein viel mehr an der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen orientiertes System.
In Hamburg gibt es eine unabhängige Ombudsstelle für Kinder, die sich im Jugendhilfesystem befinden. Im weitesten Sinne auch für andere Menschen, die im Kontakt sind mit dem Jugendhilfesystem. Und das ist eine sehr gute Sache. Bei dieser Ombudsstelle wird wahrscheinlich umfassend gekürzt werden, was schrecklich für das gesamte Jugendhilfesystem wäre.
Wie kann der Trend bei der Zahl der Kindeswohlgefährdungen umgekehrt werden?
Sozialpolitisch muss zuallererst dafür gesorgt werden, dass es allen Menschen in Deutschland gutgeht. Dass sie vom Lohn ihrer Arbeit sowie den Leistungen, die sie vom Staat beziehen, gut leben sowie ihre Miete und ihr Essen bezahlen können. Dass sie kostenlos mit dem ÖPNV fahren können und sonstige soziale Infrastruktur zur Verfügung steht. Zum Beispiel Häuser der offenen Kinder- und Jugendarbeit, aber auch all diese Sachen, die fast gar nicht mehr bereitstehen und jetzt noch weiter gekürzt werden sollen.
Wenn sie gut ausfinanziert werden, können sie den Druck von den Familiensystemen nehmen. Das würde dazu führen, dass es zu weniger Fällen von Kindeswohlgefährdung kommt. Allein wird aber wahrscheinlich auch ein gutes Jugendhilfesystem nicht dafür sorgen können, dass weniger Fälle zu beklagen sind, sondern eher dazu führen, dass mehr gemeldet werden, weil mehr Fachkräfte im Einsatz sind. Insofern entstehen da auch statistische Verzerrungen. Deswegen muss man das immer differenziert betrachten.
Jan Libbertz ist Sprecher für Familien- und Jugendpolitik der Linke-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft
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