Arbeiten bis zur Bahre
Von Gudrun Giese
Immer mehr Menschen über 65 Jahre müssen noch arbeiten. Binnen Jahresfrist stieg ihre Zahl von 1,4 auf rund 1,9 Millionen. Laut Statistischem Bundesamt trifft das sogar immer mehr Rentner über 70 und sogar über 75. Die Arbeitsmotivation dürfte dabei oft nicht Langeweile, sondern schiere Notwendigkeit sein. Denn das Rentenniveau sinkt seit Jahren, dafür ist der Beginn des Ruhegeldbezugs inzwischen bei fast 67 Jahren angekommen. Wer früher aufhören will, verzichtet dauerhaft auf Geld – und muss einen Job annehmen. Dass die Betriebe auf erfahrene Fachleute warten und Senioren gut dotierte Stellen geben, gilt höchstens ausnahmsweise. Der Arbeitsmarkt bevorzugt junge bis mittelalte Kräfte, denen größere Belastbarkeit zugetraut wird als den Kollegen mit 65 plus.
Richtig ist das nicht. Wer mit offenen Augen durch Supermärkte geht, wird feststellen, wie viele Alte dort die Regale befüllen oder kassieren. Das sind körperlich anstrengende, zugleich eher schlecht bezahlte Jobs. Auch Reinigungskräfte können sich oft keinen Ausstieg aus dem Berufsleben mit 65 leisten. Die Politik verweigert seit langem eine brauchbare Lösung für dieses Problem, das allein mit dem demographischen Wandel nicht zu erklären ist. Politiker verweisen gerne auf die »drei Säulen der Altersvorsorge«, womit neben der gesetzlichen die betriebliche und die private Versicherung gemeint sind. Dabei übergehen sie, dass in den ostdeutschen Bundesländern so gut wie niemand mehr als die gesetzliche Rente zu erwarten hat. Auch im Westen hatten und haben viele Beschäftigte nicht genug Einkommen, um zusätzliche Altersvorsorge zu betreiben. Daran ist etwa die unfreiwillige Teilzeit schuld, die für viele, meist weibliche, Beschäftigte obligatorisch ist. Zu einer auskömmlichen Alterssicherung würde gehören, alle in die gesetzliche Rente einzahlen zu lassen und die Beitragsbemessungsgrenze aufzuheben. In Österreich zahlen die Menschen etwas mehr ein, erhalten aber deutlich höhere Bezüge. Das alles ist lange bekannt. Es müsste nur den Willen geben, das Rentensystem generell, das alle Menschen betrifft, grundlegend zu verbessern.
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