Kinderarmut in Nordirland am größten
Von Dieter Reinisch
Mit Tourismus wollte Nordirland nach dem Ende der Kampfhandlungen, die die Provinz über drei Jahrzehnte hinweg heimgesucht hatten, wohlhabend werden. US-Investitionen und EU-Förderungen versprachen wirtschaftlichen Aufschwung. Gekommen ist es anders.
Wenige Touristen tummeln sich für längere Zeit in Nordirland – die meisten kommen für einen oder zwei Tage, besuchen das moderne Titanic-Museum, den Giant’s Causeway an der Nordseeküste und die mittelalterliche Stadtmauer in Derry, von der sich schöne Fotos der republikanischen Wandmalereien in der katholischen Bogside machen lassen. Im ehemaligen katholischen Ghetto entbrannte 1969 der Nordirlandkonflikt. Viele Familien lebten damals in slumähnlichen Wohnverhältnissen.
Die Touristen lassen ihr Geld zumeist im Stadtzentrum von Belfast: Pubs und Hotels sind dort teuer. Der Eintritt für einen Erwachsenen ins bereits erwähnte Titanic-Museum kostet rund 30 Euro. Die meisten Einwohner der katholischen Arbeiterbezirke im Westen und Norden der Stadt haben es noch nie gesehen. So zum Beipiel Stephen: »Den Eintritt kann ich mir nicht leisten. Dafür habe ich kein Geld«, sagt er gegenüber jW. Er lebt im Westen der Stadt, weit weg von der Falls Road, dem republikanischen Herzen Belfasts. Touristen verirren sich nie in diese Gegend. Der Eintritt ins Museum für ihn und seine drei Töchter würde 62 Pfund Sterling (73 Euro) kosten, ohne Souvenirs, Verpflegung und Anreise.
Die Zentren des Nordirlandkonflikts gehören heute zu den ärmsten Gegenden des Vereinigten Königreichs und teilweise Europas. Nirgendwo sonst ist die Selbstmordrate so hoch wie in Derry. In West-Belfast leben mehr Kinder in Armut als sonst irgendwo im Vereinigten Königreich, wie der im März erschienene Sozialbericht zeigt. Jedes vierte Kind (25,4 Prozent oder 5.771 Kinder) ist hier arm, wie die neuen Zahlen belegen. Erstmals hat die britische Regierung in ihrem seit 1995 erscheinenden Bericht Zahlen zur Kinderarmut für alle Wahlkreise getrennt veröffentlicht. In Nordirland insgesamt lebt jedes fünfte Kind in Armut. An zweiter Stelle steht Nord-Belfast mit 5.206 armen Kindern – das entspricht 23,9 Prozent. In Ost-Belfast (17,8 Prozent) und Süd-Belfast (15,1 Prozent) liegen die Zahlen unter dem nationalen Durchschnitt.
Es sei »inakzeptabel, dass Kinder weiterhin in Armut leben«, kommentierte der Abgeordnete der republikanischen Sinn Féin (SF) für West-Belfast, Paul Maskey, die Zahlen, wie die Andersonstown News berichtete. West-Belfast habe »schwer unter den brutalen Sparmaßnahmen Westminsters gelitten«. SF dränge den Minister für Kommunen, Gordon Lyons, »weiterhin dazu, einen zielführenden Plan zur Armutsbekämpfung vorzulegen«, sagte er. So werde SF demnächst ein neues Gesetz einbringen, das Familien, die Anspruch auf kostenlose Schulmahlzeiten haben, während der Ferien finanzielle Unterstützung gewähren soll, erklärte er.
Kritik an den Sparmaßnahmen der Regierung in London war auch von der SF-Abgeordneten Deirdre Hargey in ihrer Rede zu den Ostermärschen am Sonntag in Belfast zu vernehmen. SF stellt mit Michelle O’Neill die Regierungschefin Nordirlands. Daher ist die Kritik für viele nicht überzeugend: »Sie machen doch mit beim Sozialabbau, und dann geben sie London die Schuld. Wenn sie es wollten, dann könnten sie es auch selbst etwas unternehmen«, meint Michael, ein Bewohner von West-Belfast, im Gespräch mit jW. Ähnlich sieht es auch der sozialistische Abgeordnete von West-Belfast, Gerry Carroll: »Der Entwurf der Regierung zur Armutsbekämpfung ist ungeeignet. Er ist voller wohlklingender Worte und schwacher Zusagen, die in keinem Verhältnis zum Ausmaß dieser Krise stehen«, erklärte er Anfang April.
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