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Aus: Ausgabe vom 21.04.2022, Seite 12 / Thema
Rechte Parteien

Einstweilen Randerscheinung

Aus historischen Gründen konnte sich in Irland, abgesehen von einer kurzen Episode in den 1930er Jahren, niemals eine faschistische Bewegung etablieren. Gegenwärtig bemüht sich eine National Party um Einfluss. Mit mäßigem Erfolg
Von Damian Lawlor, Offaly, und Dieter Reinisch, Galway
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Als es in Irland einmal eine faschistische Bewegung gab. Aktivisten der »Blauhemden« 1933

Während rechte und rechtsextreme Formationen wie Le Pens Front bzw. Rassemblement National in Frankreich, der Vlaams Belang in Belgien und Vox in Spanien ihren Einfluss stetig vergrößern konnten, war Irland bisher weitgehend immun gegen die Plage. Doch die Immunität gegen den Aufstieg extrem rechter Bewegungen scheint nachgelassen zu haben.

Im 20. Jahrhundert war die extreme Rechte in Irland praktisch inexistent. Zwar hatte der österreichische Archäologe und Nazi Adolf Mahr dort eine NSDAP-Gruppierung gegründet, nachdem er in den 1930er Jahren Direktor des Irischen Nationalmuseums in Dublin geworden war, und außerdem waren einige nationalistische Katholiken nach Spanien gegangen, um dort an der Seite Francos zu kämpfen, doch eine faschistische Massenbasis gab es auf der Insel nie, zu keinem Zeitpunkt war im irischen Parlament eine extrem rechte Partei vertreten.

Das hat vor allem zwei Gründe. Zwei wichtige programmatische Punkte des europäischen Faschismus – Nationalismus und Migration – fielen in Irland als Propagandainstrumente weg. In der ehemaligen britischen Kolonie kann der irische Nationalismus nur schwer von rechten Positionen dominiert werden. Denn über Jahrzehnte war er antikolonial, revolutionär und links. Er speiste sich aus den Ideen der Französischen Revolution – die irische Flagge ist von der französischen Trikolore inspiriert und soll das Zusammenleben der Katholiken (grün) und der Protestanten (orange) symbolisieren. Nach der Unabhängigkeit der südlichen 26 Grafschaften 1921/22 versuchte sich der neue bürgerliche Staat zwar an einer Umdeutung des Patriotismus, doch der irische Nationalismus umfasst alle Parteien des politischen Spektrums – allen voran die republikanische, linksnationalistische Sinn Féin.

Ebensowenig ist Migration ein Thema, mit dem die extreme Rechte in Irland auf Stimmenfang gehen könnte. Irland ist historisch von der Migration geprägt. Die britische Kolonialpolitik vertrieb viele katholische Iren, insofern sie aus ökonomischen Gründen im 19. Jahrhundert nach Nordamerika auswanderten, oder deportierte sie aufgrund ihres politischen Aktivismus als Kriminelle nach Australien. In den Einwanderungsländern wurden die ankommenden Iren oft Opfer von ausländerfeindlichen Übergriffen. Nicht selten fanden sich in England und den USA in Restaurants Schilder mit der Aufschrift: »Kein Einlass für Juden, Iren und Hunde.« Iren wurden in den Einwanderungsländern als billige Hilfskräfte betrachtet. Dennoch bot die Auswanderung nicht nur in den Jahren der Hungersnot in den 1840ern, sondern bis zum Beginn des Wirtschaftsaufschwungs in den 1990ern für viele Iren aus den armen, ländlichen Regionen im Westen die einzige Möglichkeit für ein regelmäßiges Einkommen. In einem Land mit einer solchen Geschichte der Auswanderung fiel die ausländerfeindliche Politik rechtsextremer Gruppen auf keinen fruchtbaren Boden.

Rechtsbürgerliche Dominanz

Dass Irlands extreme Rechte bisher keinen Erfolg an den Wahlurnen einfahren konnte, bedeutet aber nicht, dass die Republik von progressiven Parteien dominiert würde. Bis in die 1980er Jahre waren nahezu alle im Dubliner Parlament vertretenen Parteien rechts der politischen Mitte angesiedelt. Die beiden großen Parteien Fine Gael und Fianna Fáil überboten sich damit, rechtskonservativer zu sein als die jeweils andere. Beide unterhielten enge Kontakte zum städtischen, probritischen Bürgertum und zur wohlhabenden ländlichen Schicht, zudem sind sie der im Lande einflussreichen katholischen Kirche verbunden.

Ähnlich war es mit den anderen Parteien des politischen Spektrums, etwa der irischen Labour Party. Gegründet vom irischen Marxisten James Connolly, war sie eine aktive Kraft beim Aufbau von Sowjets (Irish Soviets) während der Jahre der irischen Revolution nach Ende des Ersten Weltkriegs. In den folgenden Jahrzehnten wandelte sie sich aber zu einer konservativen Kraft, die in Umfragen von Wählern immer wieder rechts der Mitte eingestuft wurde. In einem derartigen Parteienspektrum war kein Raum für weiter rechtsstehende Parteien – deren wahrscheinliche Positionen deckten die Parlamentsparteien ab.

Erst ab den 1980er Jahren begann sich das irische Parteienspektrum stetig nach links zu bewegen. Das hatte zunächst mit dem Aufstieg der linken Exrepublikaner der Workers’ Party (Arbeiterpartei) zu tun. Später folgten Wahlerfolge der Grünen, trotzkistische Parteien bilden seit Jahren eine stabile Parlamentsfraktion, aus der Labour-Partei spalteten sich die gemäßigt-linken Social Democrats (Sozialdemokraten) ab, die Wahlsiege von Sinn Féin sorgten für eine weitere Verschiebung nach links. Infolgedessen glich sich das irische Parteienspektrum im letzten Jahrzehnt dem der anderen westeuropäischen Länder an. Das bedeutete aber auch, dass extrem rechte Gruppierungen größeren Raum erhielten.

2016 gründete sich die National Party. Ihre Mitgliederzahl wächst sukzessive, sie initiiert Kampagnen und organisiert regelmäßig öffentliche Veranstaltungen. Sie kommt heute auf mehrere hundert Mitglieder und einige tausend Unterstützer und wird damit zu einer wachsenden Herausforderung für Linke und Antifaschisten. Denn abgesehen von einer obskuren rechten Skinheadband namens Celtic Dawn und Besuchen von internationalen Vertretern wie dem alten Front-National-Schlachtross Jean-Marie Le Pen und dem verstorbenen FPÖ-Frontmann Jörg Haider, gab es in Irland fast 70 Jahre lang keine rechtsextreme Szene.

Die letzte Bewegung dieser Art, die über einen Massenanhang gebot, waren die »Blueshirts« (»Blauhemden«) der 1930er Jahre, die vom ehemaligen IRA-Kommandanten Eoin O’ Duffy nach dem Vorbild von Benito Mussolinis »Schwarzhemden« gegründet worden waren. Danach war keine faschistische Bewegung mehr in der Lage, einen nennenswerten Anhang hinter sich zu scharen. Den »Blauhemden« gehörten Tausende an, Zehntausende ließen sich zu ihren Aufmärschen mobilisieren. Sie waren aus der Zersplitterung der republikanischen Bewegung entstanden. Die späteren Mitglieder der »Blauhemden« kämpften während des Bürgerkriegs 1922/23 nahezu ausnahmslos auf der Seite der Konterrevolution. Das entschlossene Handeln der Fianna-Fáil-Regierung gegen die »Blauhemden« und die kompromisslosen Straßenkämpfer des irisch-republikanischen Milieus um die IRA sorgten dafür, dass die faschistische Bewegung in Irland rasch besiegt werden konnte.

Der Aufstieg Eoin O’Duffys

Eoin O’Duffy wurde 1890 als Sohn eines Bauern aus der Grafschaft Monaghan geboren. Obwohl O’Duffy nicht am Aufstand von 1916 beteiligt war, schloss er sich 1917 der Separatistenbewegung an und stieg schnell in ihren Reihen auf. 1921 war er stellvertretender Stabschef der IRA und gehörte auch der Leitung der Irisch-republikanischen Bruderschaft an, einer Geheimgesellschaft, die durch gezielte Unterwanderung von Massenorganisationen möglichst großen Einfluss zu gewinnen suchte.

Er unterstützte die Unterzeichnung des Anglo-irischen Vertrags, der 1921 zur Teilung Irlands führte, und wurde im Bürgerkrieg zum Oberkommandanten des Free State South Western Commands ernannt – also der konterrevolutionären Kräfte. Der Bürgerkrieg wurde besonders brutal geführt. Die Konterrevolutionäre verurteilten 81 Republikaner zum Tode und führten unzählige außergerichtliche Morde durch. Eines der berüchtigtsten Ereignisse war das Massaker von Ballyseedy: Misshandelte Gefangene wurden an eine Landmine gebunden und in die Luft gesprengt.

O’Duffy spielte nach dem Bürgerkrieg weiterhin eine wichtige Rolle in der Verwaltung des Irischen Freistaats und wurde zum Kommissar der irischen Polizei, der Garda Síochána, ernannt. Er bewies ein ausgeprägtes Verständnis für die Herausforderungen, vor denen diese neue Polizei in einer durch den Bürgerkrieg gespaltenen Gesellschaft stand. Die Gardaí blieben zunächst unbewaffnet, um sicherzugehen, nicht als Protagonisten im Bürgerkrieg wahrgenommen zu werden.

Auch als ein Förderer des Sports trat O’Duffy auf. Er brachte die Garda Síochána mit den gälischen Sportvereinigungen Gaelic Athletic Association (GAA) und der National Athletic and Cycling Association (NACA) zusammen. Ziel war, die Wunden, die der Krieg gerissen hatte, zu heilen und der Polizei eine fitte Kohorte potentieller Rekruten zuzuführen.

Da O’Duffy ein Anführer der konterrevolutionären Armee im Bürgerkrieg und danach von 1922 bis 1932 Polizeichef der Regierung unter der Führung von Cumann na nGaedheal (Bündnis der Gälen) war, konnte nicht überraschen, dass er von allen Posten entbunden wurde, als Éamon de Valera und seine Partei Fianna Fáil die Regierung übernahmen. Fianna Fáil war 1927 von den republikanischen Gegnern der Teilung Irlands gegründet worden, während Cumann na nGaedheal die 1922 gegründete Partei der Befürworter des Anglo-irischen Vertrags war. 1933 plante O’Duffy vergeblich einen Staatsstreich, um Fianna Fáil an der Amtsübernahme zu hindern.

Die Spannung entluden sich in Straßenkämpfen zwischen Anhängern von Cumann na nGaedheal und den Republikanern. Frank Ryan, eine führende Persönlichkeit der IRA, drückte es so aus: »Solange wir Fäuste und Stiefel haben, wird es keine Redefreiheit für Verräter geben.« Aufgrund des militanten Widerstandes von Fianna Fáil, der IRA und Mitgliedern des sozialistischen Republican Congress gegen Cumann na nGaedheal wurde die Army Comrades Association (ACA) gegründet.

Sie sollte offiziell für das Wohlergehen ehemaliger Angehöriger der Free State Army sorgen, aber ihr wahrer Zweck war der Schutz öffentlicher Versammlungen von Cumann na nGaedheal vor republikanischen Protesten. Die ACA stand Cumann na nGaedheal von Anfang an sehr nahe, und die Abgeordneten Thomas F. O’Higgins, Ernest Blythe, Patrick McGilligan und Desmond FitzGerald waren führende Mitglieder in beiden Organisationen.

Die »Kameraden« der ACA trugen, daher ihr Spitzname, eine Uniform mit blauem Hemd und entboten mit ausgestrecktem rechtem Arm den faschistischen Gruß – Eoin O’Duffy wurde zu ihrem Anführer. Die »Blauhemden« ahmten nicht nur die faschistischen Bewegungen auf dem Kontinent nach, sondern verfolgten auch das Ziel, einen faschistischen Staat auf der Insel zu etablieren. Der Name der Bewegung wurde im Juli 1933 in National Guard (NG) geändert. Sie versuchten nicht nur eine strengere Law-and-Order-Politik durchzusetzen, mehr noch wetterten O’Duffy und die NG gegen den Kommunismus und forderten die Gründung eines Ständestaates.

Mit 30.000 »Blauhemden« wollte O’Duffy dann zum Gedenken an Arthur Griffith, Michael Collins und Kevin O’Higgins im August 1933 in Dublin aufmarschieren. Doch die IRA und andere radikale Aktivisten mobilisierten dagegen, um den Marsch zu verhindern. Sie planten, Häuser zu besetzen und Waffen in Müllhalden entlang der Route zu verstecken, um den faschistischen Aufmarsch aus dem Hinterhalt zu überfallen: Mussolinis »Marsch auf Rom« sollte nicht in Dublin nachgeahmt werden. Die Regierung kam den Republikanern allerdings zuvor: Der Marsch und die faschistische National Guard wurden verboten.

Die »Blauhemden« benannten sich in Young Ireland Association um und schlossen eine Allianz mit der Cumann na nGaedheal und der National Centre Party, die dann gemeinsam die liberalkonservative Partei Fine Gael gründeten. O’Duffy wurde zum Parteichef ernannt. Doch bereits im September 1934 hatte Fine Gael genug von ihm und warf ihn hinaus. In den folgenden Jahren beteiligte er sich an einer Konferenz der »faschistischen Internationale« in Montreux am Genfer See, zu deren Teilnehmern Vidkun Quisling aus Norwegen und Ernesto Cabellero als Vertreter der spanischen Falange-Bewegung gehörten. Später ging er nach Spanien und kommandierte eine irische Brigade an der Seite von Francisco Francos Nationalisten, Monarchisten und Faschisten im Bürgerkrieg. In Irland verschwand die faschistische Bewegung aber so schnell, wie sie entstanden war. Fine Gael ist heute eine rechtskonservative Regierungspartei.

Gehversuche der National Party

Wie die »Blauhemden«-Bewegung in den 1930er Jahren ist die Gründung der National Party im 21. Jahrhundert größtenteils auf die Initiative eines einzelnen Mannes zurückzuführen: Justin Barrett ist seit vielen Jahren eine der Galionsfiguren der extremen Rechten. Seit mittlerweile drei Jahrzehnten nimmt er auf unterschiedliche Weise Einfluss auf die irische Politik.

Bekannt geworden war er zunächst als Aktivist der Youth Defense, einer radikalen, katholischen Gruppe, die Ende der 1980er Jahre gegen die Legalisierung von Scheidungen gekämpft hatte, bevor sie in den 1990er Jahren wiederauftauchte, um gegen das Recht auf Abtreibung Stimmung zu machen. Barrett war der Sprecher der Bewegung. In dieser Rolle organisierte er Proteste vor Familienplanungskliniken und verteilte mit Blut beschmierte Flugblätter und Poster, die abgetriebene Föten zeigten. So brachte er die kleine Bewegung immer wieder in die Schlagzeilen.

Später machte er als Sprecher einer Kampagne gegen den EU-Vertrag von Nizza während der beiden Referenden 2001 und 2002 auf sich aufmerksam. In die Schlagzeilen kam er, als bekanntwurde, dass er in Italien und Deutschland auf Treffen der faschistischen Parteien Forza Nuova und NPD sprach.

Für linke und antirassistische Aktivisten kam das Bekanntwerden dieser Verbindungen zur rechten Szene in Europa nicht überraschend. In seinem 1998 im Eigenverlag erschienenen Buch »The National Way Forward« (Der nationale Weg vorwärts) hatte Barrett dargelegt, wie Irland zu einer »katholischen Republik« werden könne, in der Einwanderung größtmöglich unterbunden würde und Abtreibung generell verboten wäre.

Nach den Anti-EU-Kampagnen trat Barrett als unabhängiger Kandidat bei den Wahlen zum Europäischen Parlament 2004 an. Der Schwerpunkt seiner Kampagne lag auf der Agitation gegen die Migration. Seine katholischen Forderungen wie der Kampf gegen Verhütung, Scheidung und Abtreibung traten in den Hintergrund. Seine neuen Feinde waren »Scheinasylanten« und die »Masseneinwanderung«. Seine Forderung lautete: »Iren bei allen Jobausschreibungen den Vorrang einräumen.«

2016 gründet er die National Party. Den Kern der Truppe bilden Barrett und seine Freunde aus der Youth Defence der 1990er. James Reynolds wurde sein Stellvertreter. Der war der Öffentlichkeit Mitte der 1990er bekannt geworden, als er in den irischen Medien Mussolini und Franco pries. Die Gründung der National Party verlief holprig, das Merrion-Hotel in Dublin hatte die Kon­stituierungsveranstaltung nach einer Kampagne antirassistischer und antifaschistischer Aktivisten kurzfristig abgesagt.

Die meisten heutigen Aktivisten der National Party begannen sich während des Abtreibungsreferendums 2018 gegen eine Liberalisierung der Gesetzgebung zu engagieren. Aufschwung erhielt die Organisation während der Covidlockdowns, als sie traditionell linke Anliegen wie Wohnungs- und Lebenshaltungskosten in ihre Agitation aufnahm und Demonstrationen gegen die Covidmaßnahmen organisierte. Im Spätsommer 2021 konnte sie so ein paar tausend Leute in Dublin mobilisieren. Ablehnung der Einwanderung und die katholische Soziallehre stehen jedoch nach wie vor im Mittelpunkt der Kampagnen. Die National Party hat etwa 200 Mitglieder und ist dadurch die stärkste Gruppierung der sich entwickelnden rechtsextremen Szene in Irland.

Genau in dem Moment aber, als die National Party glaubte, verstärkt Protest gegen die Coronamaßnahmen organisieren zu können, stand sie einer gut organisierten antifaschistischen Kampagne gegenüber. Der Aufschwung der National Party konnte so gestoppt werden. Ein Protest vor dem Parlament, dem Leinster House, wurde von ein paar hundert antifaschistischen Aktivisten aufgelöst. Die Aktivisten der National Party mussten von der Polizei in Sicherheit gebracht werden.

Im vergangenen Juli kandidierte Barrett dann bei einer Nachwahl in der Dublin Bay South. Die neue liberale Labour-Chefin Ivana Bacik errang einen haushohen Sieg gegen die konservativen Regierungsparteien. Die National Party erhielt gerade einmal 183 Stimmen, was 0,68 Prozent entsprach. Während das erbärmliche Ergebnis größtenteils auf die Ablehnung der Parteiziele seitens der Wähler zurückging, waren während des Wahlkampfs auch Antifaschisten aktiv. Sie verteilten Flugblätter, in denen sie die faschistischen Hintergründe der Partei bekanntmachten, zerstörten Wahlplakate und griffen Wahlkampfveranstaltungen an. Schon bei den Parlamentswahlen im Februar 2020 hatte keiner der anderen rechten Kandidaten in irgendeinem Wahlkreis mehr als ein Prozent der Stimmen erhalten, obwohl Irlands extrem rechte Gruppen teilweise mit Hunderttausenden Dollar aus Alt-Right-Kreisen in den USA finanziert werden.

Loyalisten und englische Nazis

In Nordirland ist die Situation eine andere. Auch dort hatte die National Party versucht, Anhänger zu rekrutieren, wurde dabei aber von irischen Republikanern erfolgreich gehindert. Als in Derry ein Anti-Lockdown-Protest organisiert wurde, kontaktierten lokale republikanische Aktivisten der Irischen Republikanischen Sozialistischen Partei (IRSP) die Organisatoren und warnten, dass es »Konsequenzen geben würde, wenn die National Party auftaucht«. Die Partei hat Strukturen in der benachbarten Grafschaft Donegal aufgebaut. Dort trat Niall McConnell bei den Wahlen 2020 für die rechtsextremen Irischen Patrioten an. Trotz Wahlkampfausgaben von fast 20.000 Euro kam er gerade mal auf 580 Stimmen, was einem Anteil von 0,75 Prozent entspricht.

In Belfast wurde ein Versuch der Irish Freedom Party, einen Infostand aufzubauen, von lokalen Republikanern der Gruppen »Lasair Dhearg« und »Saoradh« verhindert. Der Stand wurde zerstört, die rassistische Literatur vernichtet, Mitglieder der Irish Freedom Party wurden angegriffen. Innerhalb von Minuten liefen sie aus Angst um ihre Unversehrtheit davon.

Rechtsextreme Gruppierungen aus der Republik Irland konnten sich daher in Nordirland nicht etablieren. Statt dessen unterhalten die probritischen loyalistischen Paramilitärs der Ulster Volunteer Force (UVF) und die Ulster Defence Association (UDA) historisch enge Beziehungen zu Rassisten und Neonazis in England und Schottland. Teile dieser paramilitärischen Gruppen sind seit den 1970er Jahren mit der National Front, der British National Party und »Combat 18« verbunden. Während des Nordirlandkonflikts von 1968 bis 1998 war die britische extreme Rechte die einzige konsequente internationale Unterstützerin der loyalistischen Paramilitärs.

So halfen einige Faschisten wie Frank Portinari und Terry Blackham den Loyalisten beim Waffenschmuggel und bei Banküberfällen. Viele dieser gemeinsamen Aktionen scheiterten jedoch, da zahlreiche faschistische wie auch Organisationen der Loyalisten mit Informanten des Geheimdienstes durchsetzt waren.

Der Faschismus hatte jedoch einen erheblichen Einfluss auf die Ideologie der Loyalisten. Bei einem Marsch der National Front in Belfast im Jahr 1983 waren die Hauptredner Johnny Adair und Sam McCrory. Beide waren zu dieser Zeit Mitglieder der Naziskinheadband Offensive Weapon, beide wurden später führende UDA-Mitglieder – und wegen Mordes an Katholiken inhaftiert.

In den 1990er und frühen 2000er Jahren besuchten viele britische Faschisten Nordirland als Gäste der UDA und UVF. Über diese Besuche wurde im »National Front Newsletter« und im Magazin Blood and Honour berichtet. Der ideologische Einfluss auf Loyalisten ist bis heute erkennbar. In den letzten Jahren häuften sich die Angriffe auf Migranten in loyalistischen Gebieten, und Loyalisten marschierten in Newtownards östlich von Belfast in Ku-Klux-Klan-Gewändern vor Moscheen auf.

Insbesondere im Frühsommer, wenn die Marschsaison des antikatholischen Oranier-Ordens beginnt, häufen sich Naziaufkleber, rassistische Graffiti und Ku-Klux-Klan-Flaggen im Straßenbild im Süden und Osten von Belfast und in anderen loyalistischen Gegenden. An den aktuellen Kundgebungen gegen das »Brexit«-Protokoll nehmen auch immer wieder bekannte Neonazis der English Defence League, von Britain First und anderen Gruppen teil.

Doch sind auch die republikanischen, sozialistischen und antifaschistischen Kräfte in beiden Teilen Irlands gut organisiert und wachsam, um weiterhin dem Aufstieg irischer Neonazis Einhalt zu gebieten. So garantieren sie, dass Irlands Rechtsextreme auch neun Jahrzehnte nach der Niederschlagung von O’Duffys »Blauhemden« durch die IRA weiterhin eine Randerscheinung bleiben.

Damian Lawlor ist ein Aktivist aus Offaly und Autor von »Na Fianna Éireann and the Irish Revolution« (Na Fianna Éireann und die irische Revolution).

Dieter Reinisch ist Historiker an der Nationalen Universität von Irland in Galway. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle am 9. August 2021 über die Internierungen der »Hooded Men« in Nordirland.

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