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Aus: Ausgabe vom 01.08.2022, Seite 12 / Thema
Irland

Unvollendete Revolution

Vor hundert Jahren siegten in Irland die auf Ausgleich orientierten Kräfte der Unabhängigkeitsbewegung. Die soziale Frage blieb offen
Von Dieter Reinisch
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»Wir dienen weder König noch Kaiser, sondern Irland!« – Angehörige der Gewerkschaftsmiliz Irish Citizens Army vor der Liberty Hall in Dublin zu Beginn des Ersten Weltkriegs

Zur Beendigung des zweijährigen antikolonialen irischen Unabhängigkeitskriegs wurde im Dezember 1921 ein Vertrag zwischen der Kolonialmacht Großbritannien und den irischen Republikanern unterzeichnet. Obwohl der Großteil der Insel als Freistaat in die Unabhängigkeit entlassen wurde, blieb der Nordosten Teil des Vereinigten Königreichs. Und auch der Süden selbst war trotz Unabhängigkeit weiterhin Teil des britischen Commonwealth und behielt den englischen König als formelles Staatsoberhaupt. Die von den Separatisten ersehnte Republik Irland rückte in weite Ferne.

Die republikanische Bewegung um die Partei Sinn Féin und die Irische Republikanische Armee (IRA) war über die Annahme des Friedensvertrags gespalten. Die republikanischen Teile um Éamon de Valera verurteilten die Einigung als einen Kniefall vor der britischen Kolonialmacht, wogegen die Befürworter um Michael Collins den Friedensvertrag als den einzigen Ausweg aus der Gewalt und als einen Teilerfolg auf dem Weg zur Republik betrachteten.

Zerstrittene Republikaner

Am 7. Januar 1922 stimmten im irischen Parlament Dáil Éireann 64 Abgeordnete für und 57 gegen die Annahme des britischen Diktatfriedens. Die republikanischen Kräfte besetzten daraufhin am 13. April 1922 das Gerichtsgebäude Four Courts. Doch unter dem Druck Londons und militärisch von der ehemaligen Kolonialmacht hochgerüstet, begann der Stabschef der antirepublikanischen Kräfte, Eoin O’Duffy, am 28. Juni mit der Bombardierung des Gebäudes. Damit trat die irische Revolution in ihre konterrevolutionäre Phase ein.

Unter irischen Historiker besteht ein Konsens, dass das Jahrzehnt von 1913 bis zum Ende des Bürgerkriegs 1923 als »irische Revolution« zu bezeichnen ist. Ausgangspunkt war die dritte Selbstverwaltungsgesetzgebung, die am 11. April 1912 vom damaligen britischen Premierminister Herbert Henry Asquith ins Londoner Parlament eingebracht worden war. Selbstverwaltung (Home rule) bedeutete die Einsetzung eines eigenständigen Parlaments in Dublin für die innerirische Gesetzgebung – eine Konstruktion, die der konstitutionellen Ausgestaltung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie ähnelte. Im Januar 1913 wurde das Gesetz im Unterhaus angenommen. Da im Oberhaus aber keine Mehrheit zustande kam, verschob sich der Prozess. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 rückte die Home rule schließlich in weite Ferne.

Um den Bestrebungen für eine irische Eigenständigkeit einen Riegel vorzuschieben, bewaffneten sich die protestantischen Loyalisten und gründeten 1912 die paramilitärische Ulster Volunteer Force (UVF). Irische Nationalisten reagierten 1913 darauf mit der Gründung der Irish Volunteers (IV), aus denen später die IRA hervorging. Im April 1914 wurde die militante Frauenorganisation Cumann na mBan ins Leben gerufen. Zu dieser Zeit hatte sich die Dubliner Arbeiterklasse bereits erhoben und forderte bessere Arbeitsbedingungen. 1913 war der Höhepunkt der Arbeitskämpfe in Dublin erreicht.

Das »Jahrzehnt der Jahrestage« von 1913 bis 1923 war durch die Arbeiterkämpfe, den Aufstand 1916, den Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1921 und den Bürgerkrieg von 1922 und 1923 von einem besonders hohen Level an Gewalt geprägt. Die jahrzehntelang dominierende, gemäßigte Irische Parlamentspartei (IPP) brach zusammen, und bei den Wahlen im Dezember 1918 kam es zu einem kometenhaften Aufstieg von Sinn Féin. Die Insel wurde teilweise demokratisiert, was Hand in Hand mit einer Radikalisierung des politischen Aktivismus ging. Es waren grundlegende Veränderungen im sozialen und politischen Leben, die als Elemente einer »Revolution« interpretiert werden können. Mit Antonio Gramsci lässt sich von einer »Revolution ohne eine Revolution« sprechen.

Die irische Revolution lässt sich in drei Phasen unterteilen: die soziale Revolution, die 1879 mit dem Landkrieg (Land war) begann und bis 1903 zur Umverteilung der Eigentumsverhältnisse auf dem Land führte; die politische Revolution von 1912 bis 1921, die antikolonial geprägt war; und die Konterrevolution von Dezember 1921 bis zum Sommer 1923, die mit dem Sieg der Reaktion endete.

Boycott boykottieren

Am 21. Oktober 1879 war die Landliga (Land League) gegründet worden. Sie vertrat die Interessen der verarmten Pächter, indem sie für eine Senkung des Pachtzinses und die Überführung der Ländereien in das Eigentum der Kleinbauern kämpfte. Eine ihrer Methoden war, den Pachtzins zurückzuhalten. In koordinierten Kampagnen sollten so die Großgrundbesitzer in die Knie gezwungen werden. Einer der ersten Landbesitzer, der zum Ziel der Kampagne wurde, war Charles Cunningham Boycott – auf dessen Namen seitdem der Begriff des Boykotts zurückgeht. Diese Aktionen der Landliga werden auch als Landkrieg bezeichnet. Er trat in drei Phasen auf: 1879–82, 1886–91 und 1893–1903.

Karl Marx hatte bereits zwei Jahrzehnte vor der Landliga ähnliche Forderungen für Irland aufgestellt. Im Jahr 1880 unterstrich er seine Unterstützung für die Landliga, denn die irische Landfrage sei »der Vorbote der englischen Landfrage«, so Marx in einem Brief an John Swinton: »Nach Verschwinden der aristokratischen englischen Grundeigentumsfestung in Irland (wird) auch Englands politische Herrschaft über Irland verschwinden!«¹

Der irische Marxist und Republikaner James Connolly schrieb 1910 in seiner Schrift »Arbeit, Nationalismus und Religion« über die Landliga: »(Sie) hat 1879 die Wiederholung des Horrors der Hungersnot von 1847 verhindert, den irischen Großgrundbesitzern das Rückgrat gebrochen und die schlimmsten Übel der britischen Herrschaft abgeschafft.«

Doch Friedrich Engels erkannte auch ihre Grenzen: »Während die Landliga auf sozialem Gebiete revolutionäre (und hier erreichbare) Ziele verfolgt: totale Beseitigung der eingedrungenen Landlords, tritt sie politisch eher zahm auf und verlangt nur home-rule, d. h. ein irisches Lokalparlament, neben und unter dem gemeinsamen Reichsparlament.«

1903 waren die Ziele der Landliga erreicht. Mit dem Wyndham Act wurde der Verkauf von Ländereien reguliert und eine Pachtobergrenze eingeführt. In den folgenden Jahren konnte so der Großteil der Ländereien von Kleinbauern erworben werden. Bis 1920 wurden mehr als neun Millionen Hektar Land von Kleinbauern gekauft, was de facto zu einem Ende des Großgrundbesitzes in Irland führte.

Mit dem Landkrieg entwickelte sich eine irische nationale Identität, die die Klasseninteressen der Dominanz der Bourgeoisie und den hegemonialen Vorstellungen der Nation unterordnete, wie die US-Soziologin Anne Kane schreibt.² Dieser Prozess erreichte seinen Höhepunkt mit dem Beginn der Konterrevolution 1921. Um die Interessen der nationalen Bourgeoisie durchzusetzen, brauchte es eine bessere Eingliederung Irlands in den kapitalistischen Weltmarkt, die aber nur durch eine antikoloniale und politische Revolution zu erreichen war.

Klassenkrieg

Die »politische Revolution« nahm ihren Ausgang 1912 mit der Verabschiedung der Selbstverwaltung in London und der daraufhin einsetzenden Bewaffnung der probritischen Unionisten. Sie war im Kern eine antikoloniale, demokratische Revolution. Ihren ersten Höhepunkt erreichte sie in Dublin. Am 29. August 1913 berichtete Lenin in dem Artikel »Klassenkrieg in Dublin«: »In Dublin, Irlands Hauptstadt, hat sich der Klassenkampf (…) bis zum Klassenkrieg zugespitzt Die Polizei ist geradezu rasend geworden, betrunkene Polizisten knüppeln friedliche Arbeiter nieder, dringen in die Häuser ein, misshandeln Greise, Frauen und Kinder. Hunderte verwundete (über 400) und zwei ermordete Arbeiter sind die Opfer dieses Krieges. Alle namhaften Arbeiterführer sind verhaftet.«³ Die blutigen Auseinandersetzungen gingen als Dubliner Aussperrungen (Lockout) – Fabrikbesitzer versuchten so, den Widerstand zu brechen – in die Geschichte ein. Eine soziale Revolution aber ging nicht aus ihnen hervor, denn die antibritische Separatistenbewegung war klassenübergreifend. Während der Arbeitskämpfe in Dublin gründete sich zwar die militante Gewerkschaftsmiliz Irish Citizens Army, die auch im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle spielte, doch die dominierende Kraft wurden die bürgerlich-revolutionären Irish ­Volunteers, die sich im Herbst 1913 gründeten.

Die Separatisten versuchten die Wirren des Weltkriegs auszunutzen und proklamierten zu Ostern 1916 die unabhängige Republik. Doch der Aufstand wurde nach ein paar Tagen niedergeschlagen und die Anführer exekutiert. Die Repression – standrechtliche Erschießungen und Internierung Tausender im fernen Wales – sowie die Angst vor der Einführung der Wehrpflicht führten zu einem fulminanten Wahlsieg von Sinn Féin im Dezember 1918: 80 Prozent der neugewählten irischen Abgeordneten gehörten der Partei an, die im Januar 1919 ein revolutionäres Parlament in Dublin ausrief. Damit begann der Unabhängigkeitskrieg.

Das Programm des revolutionären Parlaments war radikal-demokratisch und beinhaltete auch viele progressive soziale Forderungen. Ein Arbeitsministerium wurde eingerichtet, und mit Constance Markiewicz wurde erstmals außerhalb Sowjetrusslands eine Frau Regierungsmitglied. Sowjetrussland war auch eines der ersten Länder, die das unabhängige Irland anerkannten.

Nach der Hinrichtung James Connollys als Anführer der Irish Citizen Army verblieb die Führung des nationalen Kampfes in der Hand radikaler Demokraten und bürgerlicher Nationalisten. Im ersten Jahr des Unabhängigkeitskriegs stieg die Arbeitermilitanz dennoch sprunghaft an. In der südwestlichen Industriestadt Limerick übernahmen republikanische und sozialistische Arbeiter gar für wenige Wochen die Macht und etablierten einen Sowjet. Auch in anderen Orten wie Monaghan und Galway gab es ähnliche Versuche. Die irische So­wjetbewegung hatte jedoch nur vage Vorstellungen, wie ein derartiges Experiment umgesetzt und verteidigt werden könnte.

So verlief diese Bewegung rasch im Sand, und spätestens ab 1920 war die Dominanz der bürgerlichen Kräfte in der antikolonialen Bewegung wiederhergestellt. Diese suchten ab 1921 den Ausgleich mit Großbritannien, um dem Krieg ein Ende zu bereiten. Im Dezember 1921 unterzeichnete Michael Collins in London den Diktatfrieden. Damit war zwar der Krieg beendet, aber auch die Insel geteilt.

Der Historiker Aidan Beatty betont in seinen Arbeiten, dass die irische Revolution sich innerhalb des britischen Machtsystems entwickelte, wodurch garantiert war, dass sie konservativ blieb. Dies bereitete der Reaktion nach 1921 den Sieg.⁴

Irlands politische und demokratisch-antiimperialistische Revolution war auch keine ökonomische Revolution. In den 1920er Jahren waren immer noch mehr als die Hälfte der Werktätigen in der Landwirtschaft beschäftigt. Landwirtschaftliche Produkte machten 86 Prozent aller Exportprodukte des neuen irischen Freistaats aus – und 98 Prozent dieser Produkte gingen in das Vereinigte Königreich.

Niederlage in Dublin

Die Vertragsunterstützer bildeten eine neue provisorische Regierung und bauten eine nationale Armee auf, während die Vertragsgegner sich in der IRA organisierten, die sich weiterhin loyal zur 1916 ausgerufenen Republik bekannte und seit März 1922 von Liam Lynch als Oberbefehlshaber angeführt wurde. Die militärischen Kräfte der nationalen Armee waren zunächst noch gering, doch nach der Besetzung des Gerichtsgebäudes in Dublin wurde das antirepublikanische Lager durch Waffenlieferungen aus Großbritannien unterstützt. Neben Gewehren und Artillerie wurde vor allem Munition geliefert. So drehte sich das Kräfteverhältnis rasch gegen die Republikaner, die ab dem 28. Juni 1922 bombardiert wurden. Ihren Stützpunkt in Dublin mussten sie bereits zwei Tage später aufgeben. Am 22. August wurde Michael Collins in einem Hinterhalt erschossen, Liam Lynch starb am 10. April.

Die provisorische Regierung ging brutal gegen die Republikaner vor. Ab November 1922 wurden Exekutionen durchgeführt. Rund 2.000 Personen starben während der zehnmonatigen Kämpfe. 77 Gefangene wurden hingerichtet. Der Bürgerkrieg dauerte bis zum 24. Mai 1923. An diesem Tag veröffentlichte Éamon de Valera eine Erklärung an alle kämpfenden Republikaner: »Die Republik kann nicht länger erfolgreich verteidigt werden.« Der Bürgerkrieg hatte ohne offizielle Erklärung begonnen und endete ohne Verhandlungen. In der Folge konsolidierte sich die Konterrevolution, eine Phase, die mit der Annahme einer neuen konservativen, erzkatholischen Verfassung 1936 ihren Abschluss fand.⁵

Nach dem Sieg der Reaktion etablierten sich zwei getrennte Staaten auf der irischen Insel. Zwar war aufgrund der revolutionären Erhebungen der vorangegangenen Jahrzehnte der britische Imperialismus geschwächt und musste Zugeständnisse machen, die zu einer teilweisen Demokratisierung und einer schleichenden Industrialisierung im Süden führten, der neue Freistaat blieb jedoch in semikolonialer Abhängigkeit von der ehemaligen Kolonialmacht.

Der im Südwesten aus 26 der 32 irischen Grafschaften entstandene neue Freistaat wurde spätestens ab den 1930er Jahren ein katholisches, konservatives Land. An die Stelle der ehemaligen britisch-protestantischen Oberschicht aus Großgrundbesitzern und presbyterianischem Bürgertum trat die mächtige katholische Kirche. Linke Republikaner, Gewerkschafter und Kommunisten wurden aus den ländlichen Gebieten vertrieben; viele von ihnen wanderten in die USA oder nach Australien aus. Zunächst vertrat die 1926 aus Sinn Féin hervorgegangene Partei Cumann na nGaedhael ihre Interessen, aber mit der von Éamon de Valera gegründeten Partei Fianna Fáil spaltete sich das republikanische Lager, die neue Partei ging nach den Parlamentswahlen von 1932 repressiv gegen Kommunisten und andere Republikaner vor und führte eine erzkatholische Verfassung ein.

In dieser Situation konnte sich die Arbeiterklasse nicht als eigenständige politische Kraft artikulieren und blieb marginal. Dies lag nicht nur an der industriellen Unterentwicklung der Insel im Süden und Westen – außerhalb einzelner Städte wie Dublin, Limerick und Cork existierte keine zahlenmäßig bedeutsame Arbeiterklasse: Die Lücke, die die Ermordung James Connollys im Jahr 1916 hinterlassen hatte, konnte in den darauffolgenden Jahrzehnten nicht mehr geschlossen werden. Der Aufbau räteähnlicher Strukturen blieb nur eine kurze Episode der irischen Revolution. Als die Konterrevolution erstarkte, wurde der Kampf progressiver Republikaner, die die tragenden Kräfte hinter den Sowjets gewesen waren, zurückgedrängt.

Die 1921 gegründete Kommunistische Partei Irlands hatte während der gesamten Dauer ihres Bestehens kaum Einfluss in der Arbeiterklasse, und auch von der sich immer weiter nach rechts entwickelnden Labour Party sah sich die irische Arbeiterklasse nicht vertreten. Urbane Arbeiter und Kleinbauern, ländliche Tagelöhner und die ärmeren Teile des Kleinbürgertums fanden ihre politische Heimat weiterhin innerhalb des Linksrepublikanismus. In den 1920er Jahren wurde dieser noch repräsentiert von Sinn Féin und IRA, die zu dieser Zeit enge Kontakt nach Sowjetrussland unterhielt. Doch 1926/27 trennte sich der damalige IRA-Chef de Valera von der Bewegung und gründete Fianna Fail. Die neue konservative Partei erkannte die Teilung der Insel an. Der Verrat von de Valera führte zu weiterer Verwirrung der Bewegung.

Der Nordosten blieb indessen eine britische Kolonie innerhalb des Vereinigten Königreichs. Um die Macht zu erhalten, etablierten die Briten ein Regime mit einer dominanten Unionistenpartei, die die katholische, proirische Bevölkerung systematisch unterdrückte. Um die im Norden in der Werft- und Leinenindustrie stärker vertretene Arbeiterklasse zu beschwichtigen, wurde die Stellung der protestantischen Arbeiter auf Kosten der katholischen Arbeiter verbessert: Protestantische Industriearbeiter erhielten höhere Löhne, und gelbe Gewerkschaften sorgten dafür, Katholiken von Industriearbeitsplätzen fernzuhalten. Das so entstandene katholische Lumpenproletariat musste in Slums außerhalb der Innenstädte von Belfast und Derry hausen. Als die nördlichen Grafschaften 1921 zur Provinz Nordirland wurden, war diese eine der reichsten des Vereinigten Königreichs. Durch die fortdauernde Kolonialpolitik ist Nordirland indes heute eine der ärmsten Regionen Westeuropas.

Wiedervereinigung in Sicht?

Die irische Revolution, die vor 150 Jahren begann, blieb unvollendet. Zwar ist Sinn Féin mit ihrer progressiven Sozial- und Wohnungspolitik mittlerweile zur stärksten Partei in beiden irischen Staaten aufgestiegen, und Parteichefin Mary Lou MacDonald stellt ein Referendum über die Wiedervereinigung bis zum Jahr 2030 in Aussicht, wofür die Erfolgschancen tatsächlich besser stehen als je zuvor. Doch allein durch eine Wiedervereinigung wird die soziale Frage nicht gelöst werden, auch wenn es bei einer Sinn-Féin-Regierung reale Verbesserungen für die Arbeiterklasse geben dürfte. Mit der Arbeiterrepublik, wie sie von James Connolly erhofft wurde, wird das wenig zu tun haben. Das vereinigte Irland wird ein ganz normaler kapitalistischer Staat innerhalb der EU bleiben.

Marxisten unterstützen das Recht auf Selbstbestimmung und damit die Wiedervereinigung Irlands. Diese wird einen Fortschritt der Klassenkämpfe bringen, da durch das Ende der Spaltung der Arbeiterklasse bessere Bedingungen für ihre Kämpfe geschaffen werden. Nur unter diesen Bedingungen wird es möglich sein, die irische Revolution fortzuführen. Denn es ist so, wie Connolly feststellte: »Wenn in Dublin einfach nur der britische Union Jack durch die grüne Fahne Irlands ersetzt wird, ändert sich für die Iren dadurch nichts – sie ersetzen lediglich ihre britischen Ausbeuter mit neuen, irischen Ausbeutern.« Genau dies geschah vor 100 Jahren mit dem Sieg der Reaktion.

Anmerkungen

1 Alle Marx/Engels-Zitate stammen aus: Karl Marx u. Friedrich Engels: Irland. Insel in Aufruhr, Berlin 1975

2 Anne Kane: Constructing Irish national identity. Discourse and ritual during the Land War 1879–1882, London 2011

3 Lenin: Werke, Bd. 19, S. 322

4 Aidan Beatty: An Irish Revolution without a Revolution. In: Journal of World-Systems Research 22 (2016), No. 1

5 John M. Regan: The Irish Counter-Revolution 1921–1936. Treatyite Politics and Settlement in Independent Ireland, Dublin 1999

Dieter Reinisch ist Historiker an der National University of Ireland in Galway. Er schrieb er an dieser Stelle zuletzt am 21. April 2022 über ­Geschichte und Gegenwart des irischen Rechtsextremismus (mit Damian Lawlor).

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