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Aus: Ausgabe vom 07.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Apokalyptiker und Integrierte

»Enzo« ist ein bedächtiger Film über das Erwachsenwerden in einer Welt der Ambivalenzen
Von Holger Römers
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Enzo (Eloy Pohu) und Vlad (Maksym Slivinskyi)

Irgendwann sind in »Enzo« vier Heranwachsende dabei zu beobachten, wie sie in einer einsamen Mittelmeerbucht schwimmen beziehungsweise auf einer kleinen Landzunge herumalbern. Die Totalen, die das heitere Treiben aus der Ferne einfangen, suggerieren den Blickwinkel zweier Elternpaare. Die sprechen beim Sonnenbaden über die Verwunderung, die unvermittelte Entwicklungsschritte ihrer postpubertären Kinder hervorrufen, und über die Sorge, die deren bleibende Verletzlichkeit weckt. Und eine ähnlich zwiespältige, zwischen distanziertem Befremden und intimem Mitgefühl schwankende Sicht aufs Erwachsenwerden legt dieser Spielfilm zugleich seinem Publikum nahe, obwohl die Erzählperspektive sonst konsequent von der 16jährigen Titelfigur bestimmt wird.

Das Ergebnis ist eine schillernde Mehrdeutigkeit, die vielleicht die Produktionsgeschichte spiegelt: Robin Campillo, der an mehreren Regiearbeiten Laurent Cantets als Koautor und Cutter mitgewirkt hat (z. B. bei »Die Klasse« von 2008), hat mit dem ehemaligen Kommilitonen – und mit Gilles Marchand – auch das Drehbuch zu »Enzo« verfasst. Die Verschlimmerung von Cantets Krebserkrankung verhinderte jedoch, dass der wie vorgesehen das Skript verfilmte. Anstelle des 2024 gestorbenen Freundes hat Campillo, der vor allem für »120 BPM« von 2017 bekannt ist, bei diesem Projekt also zusätzlich zur geplanten Montage die Inszenierung übernommen.

Die beschriebene Szene gipfelt darin, dass Jeanne Lapoiries Kamera nach oben schwenkt und einen gewaltigen Uferfelsen existentialistische Symbolkraft annehmen lässt. Einen ähnlichen Effekt entfalten die brütenden Sonnenstrahlen, die das Geschehen tagsüber einhüllen, sowie der funkelnde Sternenhimmel, den Enzo (Eloy Pohu) nachts anstarrt, wenn er beispielsweise am Rand der Steilklippe liegt. Dank Digitaltechnik erscheint dann die Meeresbrandung im Bildhintergrund ebenso scharf wie das durch Großaufnahme hervorgehobene Gesicht – und der junge Mann zwischen irdischen Elementen und Weltall eingespannt.

Die Handlung beginnt freilich ganz prosaisch in der Arbeitswelt, wo der Protagonist als Azubi auf einer kleinen Baustelle schuftet und über Schwielen an den Händen murrt. Wie sich bald herausstellt, entstammt Enzo einer wohlhabenden Familie, die in der Nähe von Marseille eine spätmodernistische Villa bewohnt. Unter diesen widersprüchlichen Vorzeichen sorgt wiederum die Antwort seiner Mutter auf die bald eingestreute Frage nach dem elterlichen Einkommen für eine weitere fruchtbare Irritation: Der sichtbare Komfort ist nämlich unmöglich mit monatlichen Gehältern von jeweils 6.000 Euro zu finanzieren, die Marion (Élodie Bouchez) nach eigenen Angaben als Ingenieurin verdient und ihr Ehemann Paolo (Pierfrancesco Favino) als Professor.

Angesichts des ungenannten Familienvermögens, das dem behaglichen Lebensstil mutmaßlich als Grundlage dient, ist die Maurerlehre als unverbindliche Rolle aufzufassen, die der ernste, schüchterne Teenager ausprobiert. Ähnliches gilt für einen kurzen Flirt mit einer Gleichaltrigen, den Enzo mittels Selfie sogleich in ein Klischeebild verwandelt. Dagegen schwingt im körperlichen Begehren nach dem Kollegen Vlad (Maksym Slivinskyi) eine abstrakte Sehnsucht nach einer kollektiven Aufgabe und individueller Verantwortung mit. Der wenige Jahre ältere Ukrainer scheint jedenfalls just in dem Moment das Interesse des Protagonisten zu wecken, da er mit einem Landsmann über Einberufungsbefehle streitet. Dabei entlarvt die Unlust, mit der Vlad Fragen nach angeblichen patriotischen Pflichten zur Seite wischt, die von den Medien geweckten Vorstellungen des französischen Bürgersöhnchens sogleich als einfältige Projektion.

Allerdings besteht der Reiz dieses Films nicht zuletzt darin, dass er uns die in Dialogen angesprochene Angst ernst nehmen lässt, die dem Wunsch nach Heldenmut wohl zugrunde liegt. Diese Angst erscheint denn auch nicht bloß als Ausdruck eines naiven jugendlichen Existentialismus, sondern einer tief empfundenen Entfremdung. Enzos Faszination für ukrainische Kriegsbilder entspricht jedenfalls einer dumpfen Ahnung von Dekadenz: Dass er Maurer werden wolle, erklärt der junge Mann mit dem apokalyptischen Szenario einer Katastrophe, »zum Beispiel ein Tsunami«, der die Menschen hinwegfegen würde, so dass nur die von ihnen errichteten Gemäuer übrig blieben. Unter solchen Vorzeichen ist es gewiss nicht zuviel verraten, wenn man ergänzend zu Protokoll gibt, dass dieser bedächtige Film inmitten römischer Ruinen endet.

»Enzo«, Regie: Robin Campillo, Frankreich/Italien/Belgien 2025, 102 Min., bereits angelaufen

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