Siege der Sieger
Von Holger Römers
Zumindest bis Sonntag, wenn zum 123. Mal Paris–Roubaix ausgetragen wird, scheint es reell möglich, dass erstmals in der Geschichte des Straßenradsports ein Fahrer in einer Saison alle fünf Monumente gewinnen wird. Am Ostersonntag hat Tadej Pogačar (UAE Team Emirates – XRG) bei der 110. Flandernrundfahrt gesiegt und damit vier Wochen nach dem Triumph bei Mailand–Sanremo ein Kunststück vollbracht, das zuletzt 1975 Eddy Merckx gelang: von den fünf wichtigsten, längsten und ältesten Eintagesrennen im selben Jahr die beiden ersten zu gewinnen.
Nicht einmal eine Bahnschranke brachte den 27jährigen Slowenen ins Hintertreffen, sie teilte das Fahrerfeld unvermittelt. Dagegen war Pogačars Hauptkonkurrent Mathieu van der Poel (Alpecin-Premier Tech) bei etwa einem Viertel der 278 Kilometer langen Strecke zum Warten auf einen durchfahrenden Regionalzug genötigt. Das Feld schloss sich bald danach wieder zusammen. Der 31jährige Niederländer, Ronde-Sieger von 2024, 2022 und 2020, konnte zwar 52 Kilometer vorm Ziel als einziger dem am Paterberg attackierenden Pogačar folgen, doch bei der dritten und letzten Passage über den – ebenfalls mit Kopfsteinen gepflasterten – Oude Kwaremont musste auch er den Slowenen ziehen lassen. Die letzten 18 Kilometer fuhr er als unangefochtener Zweiter ebenso allein nach Oudenaarde wie der Solosieger, der dort schon 2025 und 2023 erfolgreich war. Trotzdem dürfte auch van der Poel dem anstehenden dritten Monument, bei dem er in den vergangenen drei Jahren siegreich war, mit Zuversicht entgegenblicken: Die auf dem Weg nach Sanremo erlittene Handverletzung scheint überwunden, und der in Flandern fehlende belgische Kollege Jasper Philipsen sollte in Nordfrankreich, wo er 2024 und 2023 selbst Zweiter war, dem Niederländer zusätzliche taktische Optionen bieten.
Romantiker mögen indes träumen, dass Wout van Aert (Team Visma – Lease a Bike) in Roubaix endlich ein zweites Monument nach Sanremo 2020 gewinnen kann. Der 31jährige Belgier, der glanzvolle Siege vorzuweisen hat, aber stets von Pech und Ungeschick gefährdet scheint, bewies bei der Ronde sicheren Instinkt: Nachdem er sich vor heftigem Wind lange im hinteren Teil des Pelotons versteckt hatte, war er gut 100 Kilometer vorm Ziel prompt zur Stelle, als Florian Vermeersch (der am Ende Siebter wurde) im Dienst von Pogačar unerwartet früh eine exklusive Favoritengruppe initiierte. Als der bei der zweiten Fahrt über den Kwaremont die Vorentscheidung erzwang, klebte van Aert lange am Hinterrad – was freilich nicht verhinderte, dass er an der Kuppe des zwei Kilometer langen Anstiegs abgehängt war und schließlich nur Platz vier belegte. Zum vorübergehenden Spitzentrio hatte derweil Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – Hansgrohe) gehört, der erst am 1. April sein Ronde-Debüt angekündigt hatte. Was wegen langjähriger Abwesenheit von allen Kopfsteinklassikern als Aprilscherz aufgefasst worden war, mündete auf Rang drei. Obwohl der 26jährige Belgier Paris–Roubaix auslassen wird, ist deshalb zu hoffen, dass er Pogačar künftig noch bei anderen Monumenten als Lüttich–Bastogne–Lüttich und der Lombardeirundfahrt herausfordern wird.
Während Pogačar und van der Poel die letzten elf Monumente untereinander aufgeteilt haben, stehen bei den jeweiligen Frauenrennen – obwohl Il Lombardia kein Pendant hat – im gleichen Zeitraum nunmehr sieben Namen in der Siegesliste. Angesichts so vieler Variablen bedeutete es für die 23. Frauen-Ronde noch keine Vorentscheidung, als nach gut zwei Dritteln der 164 Kilometer langen Strecke ein Massensturz zwei Prominente zur Aufgabe zwang: Die letzte Lüttich-Gewinnerin Kim Le Court Pienaar (AG Insurance – Soudal Team) brach sich ein Handgelenk, während Marlen Reusser (Movistar Team) eine Wirbelfraktur erlitt, kaum dass sie vier Tage zuvor mit einem Sieg aus einer Verletzungspause zurückgekehrt war. Daraufhin dürfte es Demi Vollering, die bei Dwars door Vlaanderen von der Schweizerin im Dreiersprint geschlagen worden war, aber in jedem Fall leichter gefallen sein, die kollektive Stärke ihres Teams FDJ United–Suez auszuspielen: Als ein Kilometer später der Koppenberg zu bewältigen war, initiierte ihre Edelhelferin Franziska Koch eine zwanzigköpfige Favoritinnengruppe, in der neben der 29jährigen niederländischen Kapitänin noch zwei Kolleginnen vertreten waren.
Die letztlich auf Platz zehn landende Deutsche Meisterin war es auch, die am Oude Kruisberg vorübergehend ein Spitzenquintett bildete, bevor Vollering bei der (einmaligen) Überquerung des Kwaremonts die Teamtaktik mit einem eigenen Angriff vollendete und dann 18 Kilometer solo zum ersten Ronde-Sieg fuhr. Ihre 23jährige Landsfrau Puck Pieterse (Fenix-Premier Tech) musste sich indes im Sprint des Verfolgerinnenduos der Vorjahreszweiten Pauline Ferrand-Prévot (Team Visma – Lease a Bike) geschlagen geben. Die 34jährige Französin hatte 2025 in Roubaix gewonnen, wird das Rennen aber diesmal wie Vollering und Pieterse auslassen, so dass dort die Siegerin von 2024, Lotte Kopecky (Team SD Worx – Protime), nach ihrem vierten Platz bei der Ronde zu den Topfavoritinnen zählen sollte.
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