Der entscheidende Zug
Von Holger Römers
Gemäß dem eigenwilligen Geographieverständnis der Radsportchronisten markiert das Amstel Gold Race den Auftakt der sogenannten Ardennenklassiker, obwohl der hügelige Parcours dieses Eintagesrennens, das am Sonntag zum 60. Mal ausgetragen wurde, eigentlich durch Niederländisch-Limburg führt. Am Start in Maastricht fehlte diesmal jener Fahrer, der in den letzten Jahren die Flèche Wallonne und Lüttich–Bastogne–Lüttich – also die tatsächlich in den Ardennen stattfindenden Eintagesrennen – dominierte und beim »Amstel« zuletzt Zweiter geworden war. In Abwesenheit von Tadej Pogačar (UAE Team Emirates – XRG) fiel wiederum den beiden Fahrern, die im Vorjahr mit dem Slowenen um den Sieg gesprintet waren, um so klarer die Rolle der Favoriten zu. Dementsprechend ließ Remco Evenepoel (Red Bull – Bora – Hansgrohe), der Dritte von 2025, seine Mannschaft lange das Peloton kontrollieren, während eine anfänglich neunköpfige Ausreißergruppe zunehmend kleiner wurde.
Als von 33 kurzen, knackigen Anstiegen 25 absolviert waren, hatten Evenepoels Helfer ihre Kräfte aufgebraucht. Folgerichtig musste der 26jährige Belgier selbst reagieren, als 42 Kilometer vorm Ziel, am Kruisberg, erstmals ein prominenter Konkurrent in die Offensive ging: Dem Angriff von Romain Grégoire (Groupama – FDJ United) konnte Vorjahressieger Mattias Skjelmose (Lidl – Trek) ebenso prompt folgen wie auch Kévin Vauquelin (INEOS Grenadiers) und Matteo Jorgenson (Team Visma – Lease a Bike). Die beiden Letztgenannten kamen jedoch, kaum dass ein weiterer Kilometer gefahren war, in einer Kurve zu Fall (Jorgenson brach sich das Schlüsselbein), so dass die neu gebildete Favoritengruppe rasch zum Trio schrumpfte. Die wuchs nur vorübergehend zum Quartett an, als in Gestalt von Marco Frigo (NSN Cycling Team) der letzte verbliebene Ausreißer 36 Kilometer vorm Ziel eingeholt und nach weiteren drei Kilometern, am Keutenberg, abgehängt wurde.
Als zum zweiten Mal der in Valkenburg gelegene Cauberg zu bewältigen war, schüttelte Evenepoel mit einer weiteren Tempoverschärfung Grégoire ab: Der Franzose musste sich, nachdem er von der Verfolgergruppe eingeholt worden war, in deren Sprint um Platz drei dem 30jährigen Landsmann Benoît Cosnefroy (UAE Team Emirates – XRG) geschlagen geben. Zwei Minuten zuvor war indes die Frage beantwortet worden, warum die beiden Topfavoriten sich, während sie zu zweit die letzten 22 Kilometer absolvierten, nicht einmal bei der dritten und letzten Passage über den Cauberg attackiert hatten. Auf der Zielgeraden, die sich zwei Kilometer hinter der Kuppe dieses steilen Hügels anschloss, wirkte Skjelmose so kraftlos, dass sich jede Spekulation erübrigte, ob der 25jährige Däne vorher erfolgreich eine Flucht hätte unternehmen können. Evenepoel sprintete dagegen so souverän zum Sieg, dass spontan zu verstehen war, warum er auf den vorangegangenen 257 Kilometern keine taktische Alternative ausprobiert hatte.
Während das Podium bei den Männern die individuellen Kräfte spiegelte, wurde das zum zwölften Mal ausgetragene Frauenrennen durch Teamtaktik – beziehungsweise ihr Fehlen – entschieden. Die 158-Kilometer-Strecke mündete nach der Hälfte in einen viereinhalb Mal zu absolvierenden Rundkurs, der den letzten knapp 20 Kilometern des Männerrennens glich. Deshalb gab es fünf Passagen über den Cauberg, bei deren dritter sich eine knapp 30köpfige Favoritinnengruppe absetzte. Das nur zu fünft gestartete UAE Team ADQ brachte das Kunststück fertig, bald vollzählig vorn vertreten zu sein, während die aktuellen Dauersiegerinnen von FDJ United – Suez um Topfavoritin Demi Vollering drei weitere Fahrerinnen in der Spitze plaziert hatten. Initiiert hatte diese Gruppe freilich das Team SD Worx – Protime, das nach zwei Angriffsversuchen Anna van der Breggens schließlich Nienke Vinke attackieren ließ. Ihr folgte Paula Blasi – womit das taktisch oft orientierungslos wirkende UAE Team ADQ, wie sich herausstellen sollte, 25 Kilometer vorm Ziel den entscheidenden Schachzug gesetzt hatte.
Die 23jährige Spanierin distanzierte bei der vorletzten Fahrt über den Cauberg ihre Begleiterin – worauf deren Kolleginnen keine Antwort wussten. Da Vollering nicht selbst in die Offensive ging, sondern ihre zunehmend erschöpften Helferinnen weiter Tempo machen ließ, war Blasis Vorsprung bald auf eine Minute gewachsen. Nachdem die 29jährige Niederländerin sich bei der letzten Bewältigung des Caubergs endlich mit der ebenfalls zu den Favoritinnen zählenden Kasia Niewiadoma (Canyon – Sram – Zondacrypto) von den restlichen Verfolgerinnen abgesetzt hatte, musste sie sich im Sprint um Platz zwei sogar unerwartet der zwei Jahre älteren Polin geschlagen geben. Wie Blasi danach in einem herrlich launigen Interview offenbarte, war ihr Überraschungssieg aber durchaus nicht vorausschauender Taktik geschuldet: Die ehemalige Leichtathletin, die erst seit 2025 Radprofi ist, hatte nach eigenen Angaben bloß deshalb auf Vinkes Vorstoß reagiert, weil sie mit den Positionskämpfen innerhalb der Spitzengruppe überfordert war.
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