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Aus: Ausgabe vom 14.04.2026, Seite 16 / Sport
Radsport

Platten, Pech und Pannen

Wout van Aert gewinnt den kopfsteinpflastersatten Radsportklassiker Paris–Roubaix vor Tadej Pogačar, bei den Frauen siegt Franziska Koch
Von Holger Römers
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Keiner hat es leicht hier, auch der spätere Sieger Wout van Aert nicht (12.4.2026)

Beim Radsportklassiker Paris–Roubaix, der am Sonntag zum 123. Mal ausgetragen wurde, kommt dem Glück stets große Bedeutung zu. Das Kopfsteinpflaster, das den flachen Parcours prägt, ist nämlich so grob, dass Reifenpannen nahezu unvermeidlich sind. Diesmal waren die Platten freilich so zahlreich und entscheidend, dass früh der Verdacht aufkam, die Schicksalsmächte machten sich über die Fahrer lustig.

Dass nach 100 Kilometern ein Favorit, in Gestalt von Mads Pedersen (Lidl – Trek), dem Dritten der beiden Vorjahre, zum Halten gezwungen wurde, machte noch nicht stutzig. Denn kurz zuvor war der erste von jenen 30 Secteurs Pavés zu bewältigen gewesen, die ein Fünftel der 258 Kilometer langen Strecke umfassten. Gut zehn Minuten später musste allerdings Wout van Aert (Team Visma – Lease a Bike), der 2025 Vierter war, 2023 Dritter und 2022 Zweiter, das Fahrrad wechseln. Und nach einer weiteren halben Stunde schien die Vorentscheidung gefallen, als Tadej Pogačar (UAE Team Emi­rates – XRG) stoppte. Im Gegensatz zu den beiden Konkurrenten geriet der 27jährige Slowene (2025 Zweiter) deutlich ins Hintertreffen, da er zwei Fahrradwechsel für nötig hielt und lange zögerte, Kollegen aus der exklusiven Spitzengruppe zur Hilfe zu ordern.

Erst kurz vorm Wald von Arenberg, dessen Kopfsteine besonders tückisch sind, hatte der Topfavorit den einminütigen Abstand aufgeholt. So war er bei van Aerts Angriff zur Stelle – während der zweite Topfavorit mit Reifenschaden bremsen musste: Mathieu van der Poel (Alpecin-Premier Tech) besiegelte, indem er sich sogleich aufs Fahrrad von Jasper Philipsen schwang, dessen Chancenlosigkeit sowie die eigene. Der hilfsbereite Kollege, Zweiter von 2023 und 2024, nutzte nämlich Pedale, deren Klickmechanismus nicht zu van der Poels Schuhen passte, weshalb der Sieger der letzten drei Jahre den Pannendienst eines weiteren Kollegen brauchte. Da zwei Minuten auf verbliebenen 94 Kilometern unmöglich aufzuholen waren, war man ihm um so dankbarer, dass er als tragischer Held gegen das Schicksal aufbegehrte und immerhin Platz vier errang.

Vorne machte van Aert derweil alles richtig, auch als er, kaum dass Pogačar 72 Kilometer vorm Ziel ein drittes Mal das Fahrrad gewechselt hatte, das eigene Gefährt einen Kilometer später zum zweiten Mal tauschte. Dank der pragmatischen Zusammenarbeit mit zwei Konkurrenten (die bald darauf Pannen hatten …) fand er wieder Anschluss an die Spitzengruppe und dünnte diese durch Beschleunigungen weiter aus, bis er allein eine Attacke Pogačars parierte. Auf den restlichen 53 Kilometern blieb der 31jährige Belgier ebenfalls souverän – was Fans freilich um so mehr Grund zur Sorge bot, welches Unglück ihm auf der traditionellen Schlussrunde im Velodrom bevorstünde.

Denn für van Aert schien, trotz vieler glanzvoller Siege, typisch, was anderthalb Wochen zuvor geschehen war: Bei Dwars door Vlaanderen, wo er sich 2024 schwer verletzt und 2025 wegen angespannter Nerven einen Zweiersprint vermasselt hatte, wurde er nach langer Solofahrt 75 Meter vorm Ziel eingeholt, woraus er logisch schloss, dass jenes Rennen »verflucht« sei. Unter solchen Vorzeichen erschien es als (hochverdientes!) Geschenk der Götter, dass er Pogačar nun im Sprint bezwang und seinem Sanremo-Sieg von 2020 endlich einen zweiten Triumph bei einem Monument hinzufügte – wobei sein zwei Jahre älterer Landsmann Jasper Stuyven (Soudal Quick-Step) das Podium ergänzte.

Dagegen bedurfte das Frauenrennen, das zum sechsten Mal ausgetragen wurde, keiner metaphysischen Erklärung. Aus dem Kreis der Favoritinnen wurde nur Elisa Balsamo (Lidl – Trek), die Zweite von 2024, von einem Platten entscheidend behindert, als noch über ein Drittel der 143-Kilometer-Strecke zu fahren war. Die Schweizer Vorjahressiebte Elise Chabbey (FDJ United – SUEZ) wurde indes nach einer Panne rechtzeitig von Kolleginnen ins Peloton zurückgebracht, um ihrerseits Franziska Koch die Beschleunigung auf einem der schwersten Secteurs Pavés vorzubereiten.

Die Deutsche Meisterin gehörte zu dem Quartett, das die 34jährige Französin Pauline Ferrand-Prévot (Team Visma – Lease a Bike) bald mit einer Attacke bildete, der außer ihrer Kollegin Marianne Vos nur noch Blanka Vas (Team SD Worx – Protime) folgen konnte. Als die durch eine Beschleunigung Kochs 23 Kilometer vorm Ziel abgeschüttelt war, waren Vas’ Kolleginnen – unter ihnen die Siegerin von 2024, Lotte Kopecky, und Vorjahresdritte Lorena Wiebes – im geschrumpften Peloton auf falschem Fuß erwischt. Angesichts von anderthalb Minuten Rückstand waren die Podiumsplätze jedenfalls außer Reichweite.

Derweil arbeitete Vorjahressiegerin Ferrand-Prévot, die sich nur kurzfristig zum Start entschieden hatte, vorbildlich für die sprintstarke Vos, um eine Soloflucht Kochs zu verhindern. Indem die 25jährige Deutsche sich im Sprint durchsetzte, krönte sie einerseits ihr starkes Frühjahr. Andererseits barg ihr Überraschungssieg auch eine ganz irdische Tragik: dass es nämlich ihrer 38jährigen niederländischen Konkurrentin wenige Tage nach dem Tod des Vaters an Nervenstärke mangelte, um eines der wenigen Rennen zu gewinnen, die in ihrer Siegesliste noch fehlen.

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