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Radsport

Alte Gitter und Schmuddelwetter

Grande Partenza in Bulgarien: Der 109. Giro d’Italia hat begonnen

Foto: Fabio Ferrari/LaPresse via ZUMA Press/dpa
Während der 2. Etappe des Giro d’Italia von Burgas nach Weliko Tarnowo

Ab Dienstag wird der Giro d’Italia seinem Namen gerecht werden. Dann wird das dreiwöchige Rennen in Kalabrien fortgesetzt, nachdem die ersten Etappen mal wieder fern des Bel paese stattfanden. Dass der Auftakt seit 2010 immer häufiger ins Ausland verlegt wird, hat selbstredend wirtschaftliche Gründe: So hat der Veranstalter RCS Sport circa 12,5 Millionen Euro vom bulgarischen Staat für die Austragungsrechte des diesjährigen Grande Partenza erhalten. Das örtliche Publikum zeigte sich allemal interessierter, als das 2025 bei gleicher Gelegenheit in Albanien der Fall war. Allerdings bekamen die Leute an den ersten beiden Tagen nichts Aufregendes geboten – bis jeweils eine Massenkarambolage das Etappenfinale überschattete.

Kaum dass am Freitag in Nessebar der Startschuss gefallen war, ließ das Fahrerfeld zwei Vertreter unterklassiger Mannschaften davonziehen, die zwar nie eine Chance auf den Tagessieg erhielten, aber an zwei harmlosen Hügeln, die zu kategorisierten Anstiegen verklärt worden waren, ums blaue Bergtrikot kämpften. Derweil konnte Jonas Vingegaard (Team Visma – Lease a Bike) am Ende des Pelotons bummeln. Der dänische Topfavorit auf den Gesamtsieg erbrachte nach eigenen Angaben eine geringere Trittleistung als bei kurzen Trainingsfahrten an Ruhetagen. Als in Burgas die erwartete Sprintentscheidung anstand, fand das Peloton sich plötzlich auf einer etwa sechs Meter breiten Straße wieder, nachdem es wenige Kurven zuvor noch über mehrere Fahrspuren verfügt hatte. Hinzu kam, dass der Schlusskilometer von veralteten Gittern abgesperrt war, deren Standfüße auf die Straße ragten. So geriet jemand am rechten Rand ins Schlingern und löste bis zur linken Bande einen Dominoeffekt aus, der Körper und Fahrräder zu einer veritablen Barrikade anhäufte. Zu dem Dutzend Fahrer, das ungeschoren davongekommen war, gehörte Jonathan Milan (Lidl – Trek). Doch der hochfavorisierte italienische Sprinter hatte kurz zuvor bei Positionskämpfen so viel Energie verbraucht, dass er überraschend, aber nicht sensationell überraschend dem 22jährigen Franzosen Paul Magnier (Soudal Quick-Step) den Sieg überlassen musste.

Der Sonnabend bot einen noch schauderhafteren Kontrast zwischen Langeweile und Dramatik: Nach dem Start der mit 221 Kilometern zweitlängsten Etappe durfte sich Diego Pablo Sevilla (Team Polti Visit Malta), der am Vortag das blaue Trikot errungen hatte, wieder ungehindert aus dem Staub machen. Das Sammeln von Bergpunkten wurde dem 30jährigen Spanier nun dadurch erleichtert, dass sein einziger Begleiter ein Kollege war. Nach 194 Kilometern ließ sich das Duo freilich einfangen, obwohl von drei moderaten Bergwertungen die letzte noch bevorstand. Bald darauf kam es bei fiesem Schmuddelwetter in einer Kurve zum Horrorsturz, den involvierte Fahrer mit Dreck auf der Straße oder einem individuellen Bremsfehler erklärten. Betroffen war vor allem das UAE Team Emirates – XRG: Neben Jay Vine und Marc Soler musste auch Adam Yates das Rennen aufgeben, dem sonst ein abschließender Podiumsplatz zugetraut worden wäre.

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Wie später vermeldet wurde, gehörten zu den Mannschaften, deren Fahrer die Rennleitung drängten, nach einer vorübergehenden Neutralisation das Tagesergebnis nicht bei der Gesamtwertung zu berücksichtigen, Visma – Lease a Bike und Netcompany Ineos. Letztere ließ, als das Rennen ohne Einschränkung weiterging, ihre Klassementfahrer Egan Bernal und Thymen Arensman bei einem Zwischensprint Zeitbonifikationen sammeln. Für erstere ging wiederum Vingegaard am besagten dritten Hügel in die Offensive. Kurz vor der Kuppe hielten nur Giulio Pellizzari (Red Bull – Bora – Hansgrohe) und Lennert Van Eetvelt (Lotto Intermarché) mit. Der 22jährige Italiener bestätigte damit, dass er nach seinem Gesamtsieg und zwei Etappenerfolgen bei der Tour of the Alps Außenseiterchancen hat, dem sieben Jahre älteren Vingegaard den Giro-Sieg streitig zu machen. Der 24jährige Belgier Van Eetvelt darf indes bei seiner vierten Grand-Tour-Teilnahme auf einen Top-ten-Platz hoffen. Letzteres gilt, mangels übriggebliebener Alternativen beim UAE Team Emirates – XRG, nun auch für Jan Christen. Der 21jährige Schweizer schloss an der kurzen Schlussrampe zum Spitzentrio auf und neutralisierte unter der Flamme Rouge dessen Angriff, so dass im folgenden Gruppensprint sichtlich unerwartet Guillermo Thomas Silva (XDS Astana Team) siegte.

Der 24jährige Uruguayer wird auch nach dem rennfreien Montag das rosa Trikot des Gesamtführenden tragen – was unter anderem heißt, dass am Sonntag nichts Schlimmes passiert ist. Nachdem Sevilla einmal mehr ungestört Bergpunkte gesammelt hatte, gab es im sonnigen Sofia den erwarteten Massensprint. ­Magnier war wieder siegreich, wobei Milan sowie der am Freitag gestürzte Dylan Groenewegen (Unibet Rose Rockets) nur um Haaresbreite geschlagen wurden. Das verspricht Spannung bei weiteren Sprintentscheidungen sowie beim Kampf um die Maglia Ciclamino des Punktbesten, die Milan bei seinen vergangenen beiden Giro-Teilnahmen gewonnen hat, aber vorerst Magniers Schultern schmückt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.05.2026, Seite 16, Sport

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