-
04.04.2026
- → Feuilleton
Forchheim
Der Gottwalts und der Maier hatten mich ins »Neder« in Forchheim beordert, in den herrlichen Ausschank eines Bierbetriebs, der seit 1554 an jenen Regeln des Brauhandwerks festhält, die heutzutage von Yuppies und anverwandten nervigen Sozialformationen unter dem ridikülen Label »Craft« okkupiert und versaubeutelt werden.
Mich plagt seit einiger Zeit eine merkwürdige Reisenervosität. Jahrelang war ich mit größtem Pläsier für die FAZ und die Frankfurter Rundschau durch die Welt geflogen und gebrummt, nach Afrika, in die Staaten, nach Norwegen, Italien, England, in die Schweiz, nach – o Gott, o Gott – Russland und weiß der Gütige noch wohin, und plötzlich packte ich das nicht mehr. Der Körper fing an, aus den vegetativen Gleisen zu springen.
Also immerhin Forchheim. Eineinhalb Stunden, zwei Umstiege. Eine Herausforderung. In Wicklesgreuth wollte ich bereits aufgeben. Mir braucht niemand zu sagen, was psychosomatischer Stress ist. Man möchte in seinem Zimmer bleiben, aus dem Fenster gucken und dabei zusehen, wie – just im Moment, Ende März – die Schneeflocken herumwirbeln.
Nördlich von Nürnberg existiert keine Landschaft mehr. Alles zerhackt, verhauen, zugerümpelt, vollgerammelt mit pseudofortschrittlichem Schrott. Die sogenannten Dörfer sind lebensfeindliche Spießerarchitekturensembles, nach Erlangen habe ich kein Verlangen. Dankenswerterweise verstellen meist Lärmschutzwände den Blick auf das phänomenale Elend, das Panikattacken auszulösen vermag.
Von einer solchen Wand im Forchheimer Bahnhof plärrten die Graffiti »Israel tötet Kinder« und »Free Palestine« auf mich ein, letzterer Schlachtruf garniert mit vier Herzchen. Ich widerstand dem erneuten Impuls, auf der Stelle kehrtzumachen. Im Bus 259 sagten Kinderstimmen die Haltestellen durch, am Marktplatz grinste mich das Waffengeschäft Höhnlein an. Ich wähnte mich im Irrenhaus. Nur der indisch in sich ruhende Fahrer kalmierte mich durch seine Aura.
Der »Neder« am Rathausplatz, in der Sattlertorstraße, ist eine Oase. Dezennienlang optimal eingesessene Gestalten siedeln an den Resopaltischen, beschirmt von einer dunklen Holzbalkendecke aus dem Neolithikum. Hier ficht niemanden irgend etwas an. The place to be, heißt es wohl. Ein Seinsort jedenfalls.
Der Gottwalts und der Maier hatten beim Hellen schon einen passablen Vorsprung. Ich tat mein Bestes, um aufzuholen. Der Steingutkrug lag schneller quer auf meinem Bierfilz, als die Bedienung schauen konnte. (Liegendes Trinkgefäß meint: nachschenken, pronto.)
In den »Neder« darf man seine Brotzeit mitbringen – das Wirthaus als Ort der klassenlosen Gesellschaft. Der Maier fummelte eine Semmel mit Blutwurst aus einer Papiertüte, kramte ein Klappmesser aus der Hosentasche (Achtung, Messergebotszone!) und schnitt die Köstlichkeit in Streifen.
»Der Preßsack is’ die beste Woscht!« juchzte ich nach dem ersten Bissen. Ein Mann vom Nebentisch beugte sich zu uns herüber, sagte: »Da hast fei recht«, und verwickelte den Maier umstandslos in einen kurzen Disput über die fränkische Herkunft des Frankfurter oder des Wiener Würstchens.
Anschließend laberten wir, wieder unter uns, über die junge Welt. Der Gottwalts lachte unaufhörlich, und der Maier schimpfte über die Berliner Zahlungsgepflogenheiten, siebzig Euro habe er für seinen Nachruf auf Habermas gekriegt, das sei eine Sauerei, eine ungeheuerliche Niedertracht oder Missachtung sei das, er habe ja pekuniäre Verpflichtungen zu erfüllen und so weiter, was die da oben sich dächten, zwölf Stunden habe er auf den Habermas verwandt und so fort.
Der Gute war kaum zu bremsen und erregte dadurch abermals die Aufmerksamkeit des Mannes vom Nebentisch, vom Stammtisch. Wir schrieben für die junge Welt? Er sei Abonnent, erzählte er, und er sei nie in der DKP, sondern lange in der SPD gewesen, »ich war immer ein bescheidener Arbeiter, ich wollt’ nur, was ich brauch’«, und wie wir denn hießen?
Wir nannten unsere Namen, und der Mann konnte es nicht fassen, diese Berühmtheiten kennenlernen zu dürfen. Vor Begeisterung hätte uns der großartige Kerl beinahe adoptiert.
Seither genießen wir drei Glorreichen lebenslanges Übernachtungsrecht bei Helmut aus Forchheim. »Und schreib in deinen Scheißartikel rein, dass das Quarkblatt ordentliches Zeilenhonorar rausrücken soll!« instruierte mich der Maier auf dem Weg zum Bahnhof.
Erledigt.
Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!