Völlers Läufe
Von Jürgen Roth
»Die Atmosphäre war toll. (…) Es war wirklich ’n Märchen.«
Andreas Möller
*
Die Neunziger waren, ignoriert man als verwöhnter Westler den systemischen Backlash mehr oder weniger souverän, die besten aller denkbaren Zeiten. Auch im Osten brach eine Periode der Freiheit, der Staatsferne, des Alltagsanarchismus an. Über die ökonomischen Verheerungen und die kriminelle Treuhand muss ich da natürlich schweigen, andernfalls stürzte dieser Text sofort in sich zusammen.
Ich latschte zwar zur Großdemo auf dem Frankfurter Römerberg gegen die sogenannte Wiedervereinigung und trieb mich, ob der Selbstüberschätzungsblödheiten etlicher Großsprecher meist belustigt, in linksradikalen Zirkeln herum. Aber im Grunde interessierten Politik und Historie niemanden mehr (Francis Fukuyama lag nicht gänzlich daneben), und das war eine ungeheure Entlastung, im spiegelverkehrten Marxschen Sinne als Ende der Vorgeschichte. Wer nahm die verbalen Brechanfälle einer Jutta von und zu Ditfurth ernsthaft noch zur Kenntnis? Das zerbröselnde Betongeschwätz etwelcher Zausel im KoZ auf dem Frankfurter Campus?
Wir veranstalteten allerlei Allotria und lernten in Universitätsseminaren einen Haufen wertvolles Zeug, zuvörderst, die eisernen Schellen des Denkens zu lösen. Die Meere deutscher Fahnen mochte ich nicht, sie sind mir nach wie vor ein Graus. Allein, jeder meiner linken Freunde bejubelte Lothar Matthäus’ überirdisches Tor gegen Jugoslawien und Andreas Brehmes chirurgisch präzise geschossenen Strafstoß im Finale gegen Argentinien. Eventuell sollte man einmal über die Existenzlügen der deutschen Linken reden. Jedes Lebewesen braucht das unhinterfragte Gefühl der Zugehörigkeit, sei’s der Zugehörigkeit zur Geliebten, zur Familie, zu einer Landschaft, zu einem Garten, zu einer Straße oder zu einer Fußballmannschaft – als Repräsentanz einer Kultur-, einer Sprach- und Erfahrungsräumlichkeit.
Die Neunziger waren Schatzjahre, die wir verbaselten, ohne jemals aufs Konto schauen zu müssen. Man benötigte nicht viel – das Bier billig, das Brot günstig, ein Luxusleben mit beschränkten Ressourcen. Und das Signum der Epoche zeichneten die Weltmeister von 1990 ans Firmament.
Der Mittelstürmer Karl-Heinz Riedle, der Mann hinter Rudi Völler, formuliert in Vanessa Golls und Nadja Köllings grandiosem Kinofilm »Ein Sommer in Italien – WM 1990« die Quintessenz: »Es war alles viel einfacher.« Die Welt war warm und licht, seelisch gefügt, von Lässigkeit durchwebt, eine Selbstverständlichkeit. Dem Team, von Franz Beckenbauer mit seinem unerschöpflichen Charme grundliberal, väterlich gütig geführt, wurden keinerlei Regularien auferlegt. Beckenbauer verkörperte nach dem miserablen Viertelfinale gegen die Tschechische Republik die psychotaktisch notwendige Wut, im Wissen um die mögliche Perfektion, und zugleich schuf der Sozialarrangeur, ja -künstler ein Klima vollkommenen Ver- und Zutrauens, »wo jeder den anderen beschützt hat« (Thomas »Icke« Häßler), in dem Freundschaften gediehen, angenehme Kumpelverhältnisse, geboren aus Ungezwungenheit und unideologischer Solidarität. Lothar Matthäus, der Kapitän, sagt es so schön: dass der Titelgewinn darauf beruhte, »dass Franz Beckenbauer uns erlaubt hat zu leben«. Er »hat uns erwachsen sein lassen«.
Golls und Köllings Erinnerungsexkursion ist ein kulturgeschichtliches Dokument höchsten Ranges, ein Einblick in die Entwicklung von Aufzeichnungsgeräten (zahlreiche Passagen sind aus körnigen, der Realität angeschmiegten Videokamerasequenzen des Torwarts Bodo Illgner montiert) und ein Gesellschafts- und Sittenbild: Frisuren, Sonnenbrillen, Hemden, Hosen und Jacketts vom Scheußlichsten, dazu eine Nahbarkeit gegenüber den Fans, die dieser Tage unglaubwürdig, grotesk anmutet. Wenn Völler, der Unprätentiöse schlechthin, wie ein federnder Muli durch ein Spalier von Anhängern läuft – schlurihaft, unimperial –, ahnt man, dass der Fußball im fröhlichen, sonnenbeschienenen Reich des Kleinbürgers ein Volkssport gewesen ist.
Was für eine Mannschaft! Das Mittelfeld: Thon. Häßler. Littbarski. Möller. Bein. Hinter ihnen der Gesichtsfaltenchampion, Abmäher, Kettenraucher und antinarzisstische Weißbiervernichter Auge (aka Klaus Augenthaler). Und über allen hielt der Supersympath Lothar Matthäus die Zügel lose in der Hand, »der Lauterste«, wie ihn mein Freund Günther Koch nennt.
Andy Brehme verwandelte den Elfmeter. »Ich wollt’ eigentlich schon ’ne Pizza essen gehen, weil ich genau wusste: Der schießt das Ding rein«, erzählt Thomas Häßler. Matthäus stehen die Tränen in den Augen, als er über seinen 2024 verstorbenen »Bruder« zu sprechen versucht. Die Endlichkeit greift dir an die Gurgel.
Jeder, der künftig Lothar Matthäus schmäht, kriegt von mir Haue.
»Ein Sommer in Italien – WM 1990«, Regie: Vanessa Goll und Nadja Kölling, Deutschland 2026, 93 Min., bereits angelaufen
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