Dahinter kommt nichts mehr
Von Enno Stahl
Wenn man regelmäßig Bücher rezensiert und also verpflichtet ist, alles, was man bespricht, auch ganz zu lesen, hat man es mit der Lektüre normalerweise ziemlich eilig: Schnell durch, mit frischem Eindruck darüber schreiben, nächstes Thema. Bei Ken Keseys »Seemannslied« ist das anders. Dieses Buch ist schlicht so stark, dass es sich lohnt, die Lektüre der 700 Seiten möglichst lange zu strecken, damit man besonders viel davon hat.
Der Autor Kesey (1935–2001) ist ein Phänomen: Er hatte kreatives Schreiben in Stanford studiert, und gleich sein erstes Buch »Einer flog übers Kuckucksnest« war 1962 ein Welterfolg. Es wurde, jeder kennt den Film, von Miloš Forman mit Jack Nicholson genial für die Leinwand adaptiert. Das Buch dagegen kennen gar nicht so viele. Kesey verarbeitete darin unter anderem Erfahrungen, die er als Aushilfe in einer psychiatrischen Klinik gesammelt hatte. Dort hatte er auch an einem LSD-Forschungsprogramm der CIA teilgenommen.
Nach dem Erfolg mit seinem Debütroman gründete Kesey in der Nähe von San Francisco die Kommune der »Merry Pranksters«. Legendär sind ihre Acid-Test-Happenings, bei denen LSD verteilt wurde. Neal Cassady, das Vorbild für Jack Kerouacs Hauptfigur in »On the road« (1957), war Mitglied dieser Crew, in deren Umfeld sich auch die Band Grateful Dead formierte. Die »Merry Pranksters« tourten in einem buntbemalten Schulbus durch die ganzen USA.
Ohne Koautoren schrieb Kesey nur noch zwei weitere Romane. Der zweite, 1964 erschienen, wurde auf deutsch erstmals 1985 unter dem Titel »Manchmal ein großes Verlangen« vom März-Verlag veröffentlicht. Im wiedergegründeten neuen März-Verlag ist letztes Jahr nun auch endlich Keseys drittes Werk »Sailor Song« erschienen, ganze 33 Jahre nach der Erstpublikation 1992, eindrücklich übersetzt von Milena Adam. Der Verlag preist das als Sensation an, was Verlage immer tun, aber hier ist es berechtigt. Das Buch ist ganz außerordentlich – und noch dazu brennend aktuell.
Der Roman spielt um 2020, zum Zeitpunkt des Erscheinens eine nicht gar so ferne Zukunft, in dem kleinen fiktiven Fischerort Kuinak in Alaska. Er ist bevölkert von schrulligen Gestalten, rauh, aber herzlich. Schrottsucher und Rumhänger, Gewalt und Alkohol sind allgegenwärtig. Aus dem reichhaltigen Figurenrepertoire ragen einige Charaktere besonders heraus. Allen voran Alice Carmody, eine Indigene vom Stamme der Kuinak, die in Kalifornien Kunst studiert hat und nun wieder in ihrem Heimatdorf lebt, wo sie als Motelbetreiberin und Fischereiunternehmerin ihr Geld verdient.
Isaak »Ike« Sallas wiederum war ein dekorierter Kriegsheld, der als Pilot an verdeckten CIA-Operationen teilnahm. Später arbeitete er als Flieger in der kalifornischen Landwirtschaft. Als aber seine kleine Tochter an Geburtsfehlern starb, die durch Pestizide ausgelöst schienen, wechselte er die Seiten und verübte spektakuläre ökoterroristische Anschläge – was ihn natürlich in den Knast brachte. Anschließend zog er ans Ende der Welt, nach Kuinak (»Hinter Alaska kommt nichts mehr. Früher war da noch Brasilien, aber Brasilien wurde abgeholzt, um seine Drittweltschulden gegenüber der ersten und zweiten Welt zu beglichen, die alles an McDonald’s verfütterten.«), wo er sein Leben als Fischer im Dienste von Alices Ehemann Michael Carmody fristet: »Als alles seinen Anfang nahm, lag Ike Sallas in einem Galaxxy aus rotem Aluminium und schlief, in nicht allzu großer Ferne, in nicht allzu ferner Zukunft – es war die beste und zugleich die schlimmste Zeit, und damit war noch längst nicht alles gesagt.«
Mit der Ruhe des abgelegenen Ortes ist es vorbei, als eine Filmcrew aus Hollywood aufkreuzt, um eine vermeintliche Inuitgeschichte zu verfilmen, die von einer weißen Lehrerin aus New Jersey verfasst wurde. Damit alles einen authentischen Anstrich hat, werden von weither Inuit nach Kuinak gekarrt. Solche Identitätsfragen durchziehen das ganze Buch.
Das Filmteam kauft alles auf, stellt sämtliche Bewohner in seinen Dienst. Kuinak erfährt eine Gentrifizierung im Schnelldurchlauf. Ike stemmt sich dagegen. Es gibt auch einige Hinweise auf Verbrechen, verübt von Leuten aus dem Umkreis des Filmteams, ohne dass klar wird, warum. Gerade als der Plot Fahrt aufnimmt, erfolgt ein radikaler Bruch. Die wohl größte Überraschung im durchweg unvorhersehbaren Erzählgeschehen. Die Umweltprobleme, die ja gerade in Alaska sehr gut zu beobachten sind, stellen sich als gravierender heraus, als alle angenommen hatten – auch das ist prophetisch für ein Buch aus dem Jahr 1992.
Noch mehr als die spannende Erzählung beeindruckt jedoch Keseys Sprache, die Milena Adam so überzeugend übersetzt hat: Sie ist lässig, schnoddrig, witzig, mit ungewöhnlichen, aber immer sinnfällig-anschaulichen Bildern und Beschreibungen. Mal beschleunigt sie rasant, mal verlangsamt sie, doch bleibt dabei absolut präzise. Es wird viel Seefahrerslang gesprochen, es fallen viele Fischereifachbegriffe usw., als habe Kesey wie Melville Jahre auf See verbracht. Und tatsächlich war er, wie man aus Adams Nachwort erfährt, häufig in Alaska und hat sich intensiv mit dem Fischereigewerbe auseinandergesetzt. Die überquellenden sprachlichen Einfälle machen das Buch zu einem Lesegenuss, an dem die Übersetzerin keinen geringen Anteil hat.
Ken Kesey: Seemannslied. Aus dem amerikanischen Englisch von Milena Adam. März-Verlag, Berlin 2025, 703 Seiten, 38 Euro
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