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Aus: Ausgabe vom 25.05.2024, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
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Der Wirklichkeit voraus

Mehr Tempo, mehr Glück, mehr Macht: Politische Theorie. Dem Schriftsteller Rainald Goetz zum 70. Geburtstag
Von Enno Stahl
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»Alles schreiben, alles lesen: stumm, still, allein und für sich und dauernd« – Dr. Dr. Rainald Maria Goetz

Rainald Goetz wird siebzig? Unfassbar. Glaube ich nicht. Kann gar nicht sein. Wie bei keinem zweiten Autor verbindet man mit ihm geistige Jugendlichkeit, intellektuelle Frische, manchmal etwas wirre, aber immer wieder zündende Gedanken und literarische Einfälle. Einfach, dass etwas weitergeht. Immer wieder neu, auf eine bekannte, bohrende Weise, eine manische Suche, die noch lange kein Ende hat.

Bei seinen seltenen öffentlichen Auftritten, wie etwa vor acht Monaten im Deutschen Theater, wo er, angetan in einem sportiven roten Adidas-Trainingsanzug im Retrolook, seine Rede wirkungsvoll inszenierte, strahlt er Fitness aus, Kraft und Souveränität. Das ist Performance, durchchoreographiert. Das ist nicht einfach nur so abgelesen. Das ist Action. Und inzwischen sind auch alle da, wenn Goetz spricht. Jeder seiner Auftritte ein Medienereignis, das deutschlandweit in der Presse wahrgenommen wird. Dabei stand er lange Zeit eher ein bisschen am Rande des Betriebs, gerade weil er diesen Mythos der Jugendlichkeit propagierte, was ja bedeutet, nicht das Spiel der weisen Alten mitspielen zu wollen, des in sich kreisenden Betriebs, sondern immer wieder alles neu, das Tradierte, wenn nicht zerstören, doch zumindest ummodeln, aufbrechen, ergänzen. Nicht zuletzt war Goetz ja lange Zeit ein bedeutender Protagonist der Popliteratur der 90er Jahre, wohlgemerkt: des eher tiefbödigen Suhrkamp-Pops, dem ansonsten Autoren wie Thomas Meinecke und Andreas Neumeister zuzuschlagen waren. Bis sich dieser Trend und Goetz’ mögliche Zugehörigkeit dann von ganz allein verlor. Spätestens mit dem Georg-Büchner-Preis war es um Goetz’ Randlage im Betrieb geschehen. Daran konnte nun niemand mehr vorbeischauen, das war sozusagen das amtliche Siegel auf eine ziemlich einzigartige Literatenlaufbahn in Deutschland im ausgehenden und anbrechenden Jahrtausend.

Rainald Goetz war als Autor oft umstritten, aber immer faszinierend. Seine schriftstellerische Karriere begann bekanntlich mit einem Skandal, einem Schnitt in die Stirn, den er sich 1983 vor laufenden Kameras beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb zufügte. Den Preis gewann er nicht, doch er wurde auf einen Schlag berühmt. Der Erstlingsroman »Irre« erlebte eine sechsstellige Auflage. Danach schien es, als habe er im Suhrkamp-Verlag Narrenfreiheit. Er legte erratische, oft umfangreiche Buchprojekte vor, die kaum mehr die Aufmerksamkeit des Erstlings auf sich ziehen konnten, aber immer etwas Besonderes waren, »outstanding«. Goetz war Teil des literarischen Feldes, doch stets als Solitär. 1988 erschien mit »Kontrolliert« die vielleicht beste literarische Auseinandersetzung mit der RAF und den Schleyer-Morden. 1998 feierte er in »Rave« Techno und Partyleben, eine Bewegung, die ja eigentlich gerade ohne Worte auskommt und daher kaum literarisierbar schien. Ein Jahr später gestaltete er mit »Abfall für alle« den wahrscheinlich ersten literarischen Blog in Deutschland, jeden Tag ein neuer Text, zunächst im Internet publiziert, später dann als umfangreiches Buch, gegen gewisse Widerstände seines Verlags. 2012 machte er mit seinem Roman »Johann Holtrop« Furore, der Geschichte eines scheiternden CEOs mit einiger Ähnlichkeit zu lebenden Personen und existierenden Großkonzernen. Dazwischen Theaterstücke und Bücher mit Genrezuschreibungen wie »Bericht«, »Textaktionen«, »Material«. Diese häufig sehr heterogen anmutenden Textformen bilden dann großangelegte Zyklen, deren Zusammenhang kaum recht verständlich ist, wie etwa »Heute Morgen. Geschichte der Gegenwart«, enthaltend die Erzählungen »Rave« und »Dekonspiratione«, das erwähnte »Abfall für alle«, das Stück »Jeff Koons« und die Texte zum Nachtleben »Celebration«. Sehr unterschiedliche Bücher, die vielleicht allein die Tatsache eint, dass sie Zeugnisse von Rainald ­Goetz’ unermüdlicher Suche nach der Gegenwart sind, eine Recherche nicht der verlorenen Zeit, sondern dessen, was gerade jetzt im Augenblick passiert.

Somit kann es nicht verwundern, dass mit dem Untertitel »Frühes 21. Jahrhundert« mittlerweile der nächste Großkomplex ansteht: »Schlucht«, ihm sind zuzuordnen der Tagebuchessay »Klage«, »loslabern. Bericht«, der vieldiskutierte Roman »Johann Holtrop« sowie »elfter september 2010. Bilder eines Jahrzehnts«. Pünktlich zum siebzigsten Geburtstag am 24. erscheinen nun noch die Textsammlung »wrong« und der Band »Lapidarium«, der seine jüngsten drei Theaterstücke vereint. Sie bilden den Abschluss des Zyklus »Schlucht«. Und man darf damit rechnen, dass bald schon der nächste Zyklus ansteht, der sich dem »reifen« 21. Jahrhundert widmet, das mit der Coronaepidemie, dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem ­Hamas-Gemetzel mit anschließendem Krieg in Gaza schon wieder ähnlich tiefe Einschnitte erlebt hat wie das beginnende Jahrtausend seinerzeit durch den 11. September.

Goetz war und ist mit seinem Schreiben am Puls der Zeit oder ihm voraus. Das zeigt insbesondere der Band »wrong«, also »falsch«, der journalistische Texte, Essays, Reden und Vorträge der letzten zwanzig Jahre enthält. Dabei schreibt er eigentlich immer in direkter Auseinandersetzung mit der Zeitgenossenschaft, mit anderen Autoren, Büchern und Texten, auch mit der Medienwelt und den Personen, die diese bevölkern. »Wrong«, also »falsch« findet Goetz vieles und sagt das auch. Streit und Polemik sind zentrale Elemente in seinem Werk, Streit im Universum der Texte aus Literatur und öffentlichen Diskursen. Ebenso wie in seinen belletristischen Publikationen sucht er in den Sachtexten dieses Bandes, die in Zeitschriften und Tagespresse erschienen, die unmittelbare Konfrontation mit der Wirklichkeit. Goetz’ Denken erweist sich darin als durchaus widersprüchlich, gerade das aber erzeugt interessante Reibungspunkte. In seinem Arbeitsjournal »Moral Mazes 24« heißt es etwa: »Es ist auch gut, wenn man prinzipiell zustimmungsgeneigt ist, unnörglerisch auf die Welt reagiert, die Haltung darf auch ruhig etwas Programmatisches haben, aber es muß gleichzeitig ausreichend Raum für heftige negative Emotionen vorgesehen sein, für HASS, Verachtung, Irrationalismen und Animositäten aller Art.«

Einerseits »zustimmungsgeneigt«, andererseits Raum für Hass und Verachtung … Das ist typisch Goetz. Beides wird bei ihm mit äußerster Heftigkeit zelebriert, die Feier dessen, was ihm gefällt, und die Verdammung von Positionen, die ihm falsch erscheinen. In seinen Büchern und auch in den Texten von »wrong« geht es dabei oft um lebende Menschen. Manche werden sich geschmeichelt fühlen. Bei anderen schrammt Goetz wohl nicht selten knapp an der Justiziabilität vorbei. Typisch für ihn ist auch, dass ihn so etwas verwundert, wenn womöglich einer der harsch Beschriebenen beleidigt reagiert. Denn er sieht das nur als eine intellektuelle Auseinandersetzung, als konstruktiven Streit, nicht als etwas Persönliches. Die Urteile, die Goetz fällt, beruhen nie auf oberflächlichen Ressentiments, vordergründiger Abneigung oder politisch-dogmatischer Verdammung. So begeistert er sich für Michel Houellebecq, über den er schreibt, dieser sei »ein von philosophischen Obsessionen getriebener Autor, aber klug genug, sich nicht wirklich selber für einen Philosophen zu halten. So radikalisiert er seine Gedanken über den Körper, tippt die Extreme an: Rassismus, Schönheit, Jugend, sexuelle Lust, die Macht des Stärkeren, Gewalt, und kommt in alldem zu Wahrheiten ultrareaktionärer Konsequenz«. Man würde glauben, dass der sich eher links verortende Goetz so jemanden wie Houellebecq zutiefst ablehnen müsste, schon aus politischen Gründen, das aber tut er nicht, wenngleich er dessen Haltung gewiss nicht teilt, weil er Houellebecqs Verfahren und die Gedankengänge, die diesem zugrunde liegen, ästhetisch wertschätzt.

»Eher links verortet«, das verwundert vielleicht, da Goetz – ansonsten bekennender Luhmannianer – sich schon seit seinen Anfängen explizit als »Marxist« bezeichnet. Ein Tagebucheintrag im neuen Sammelband veranschaulicht, was ich damit meine: Hier erzählt Goetz unter dem Titel »Warum ich Marxist geworden bin«, dass er seinen Wagen in einer Berliner Werkstatt abgegeben hat. Der Kfz-Meister fordert erheblich mehr für die Reparatur, als Goetz erwartet hatte, 1.000 statt 200 Euro. Goetz wertet das als »Klassenkalkül«, als einen »Nichtproletarieraufschlag«, gegen den er sich wehrt, als »Gehobenheitsdepp« möchte er nicht dastehen und handelt den Mann deutlich herunter. Er resümiert: »Deshalb also bin ich Marxist geworden, um in den seltenen Fällen, wo es um Geld geht, auch mal meine eigenen Interessen vertreten zu können, sonst aber meistens genau NICHT meine eigenen, sondern die Interessen derer, die real schwächer sind als ich.«

Goetz wäre nicht Goetz, wenn er die Kritik an dieser Position, die er selbst »Gefühlslinkismus« nennt, nicht gleich mitliefern, nicht mitbedenken würde. Dennoch ist die Stelle vielsagend. Es soll keineswegs bestritten werden, dass ­Goetz ein hochpolitischer Autor ist, der in seiner Arbeit stets gegen Hegemonie und Herrschaft auf den Plan tritt, und hin und wieder tauchen auch Menschen, »die real schwächer sind« als er, in seiner Literatur auf, etwa in den Stücken. Aber das Gros der Goetz’schen Textproduktion bewegt sich in einem Elitediskurs, der Leuten wie dem Werkstattbesitzer und erst recht sozial schlechter gestellten Personen verschlossen ist. Es ist ein »Marxismus«, dem die Bodenhaftung fehlt, der sich nicht in der Bevölkerung verankert. Goetz feiert besondere Momente der Schönheit und der Erleuchtung im Alltag, das ist gut, das ist richtig, aber es fällt doch auf, dass es Momente der Intellektualität sind, die sich in Kontexten mit anderen Kultur- und Büchermenschen ergeben, nicht eben basisnah, anders als etwa bei Ronald M. Schernikau, der Zauber und Betörung bei ganz normalen Leuten suchte und fand, also dem Leben selbst.

Natürlich muss Goetz das nicht tun, denn vorrangig bleibt die Literatur und ihre ästhetische Qualität. Doch seine Themen sind mitunter schon sehr speziell. Die Medienwelt zum Beispiel, die bei ihm häufig im Zentrum der Betrachtung steht, ist für die restliche Gesellschaft unter Umständen nicht von einem so überbordendem Interesse. Vielleicht hat er aber recht damit, sich nicht allzu sehr darum zu scheren. In einem Interview, ebenfalls in »wrong« abgedruckt, antwortet er auf die Frage, ob es ihn nicht störe, dass seine Bücher wegen ihrer Medienfixiertheit einem größeren Publikum verschlossen blieben: »Nein, es geht um Wahrheit. Quote ist was für Loser.«

»Gehobenheitsdepp«, »Gefühlslinkismus«, das sind Stichworte, um einen Blick auf die spezifische Eigenheit des Goetz’schen Schreibens zu werfen, nämlich seinen Sprachgebrauch, der von der exzessiven Anwendung der Nominalkomposition geprägt ist. Deren Produktivität ist im Deutschen unbegrenzt, durch ein »Bestimmungswort« werden dem »Bestimmten« neue Inhalte hinzugefügt, und das hat Rainald Goetz zu großer Meisterschaft gebracht. Seine Texte erkennt man allein daran schon auf den ersten Blick: Neuworte wie »Sehsinnbesessenheit« oder »Heiterkeitserzählweise« indizieren minimale Details sprachlich möglicher Wirklichkeitswahrnehmung, auch andere Kompositionsformen sind auffällig wie »geruchssinngetriggert« oder »weltabpanzernder Privatsendungsstöpsel« – das lädt in seiner Kompression die Inhaltsbestände der Vokabeln enorm auf. Im Kleinsten drückt sich darin der getriebene Gestus von Rainald Goetz’ gesamtem Denken und Schreiben aus, das von dieser fast gehetzten Wahrnehmungsobsession geprägt ist, Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit, in allen ihren Facetten und winzigsten Einzelheiten in Sprache zu fassen. Da Goetz auch promovierter Mediziner sowie Historiker ist, verfügt er über ein riesiges sprachliches Instrumentarium zur Realitätsverarbeitung.

Ein weiterer interessanter Aspekt der Textsammlung »wrong« sind verschiedene Beiträge zur Goetz’schen Poetologie, und wie alle seine Schriften sind auch diese theoretischen Versuche sehr von den Eigenheiten seines Schreibens geprägt: sprachgetrieben, gedankengepeitscht, beinahe ekstatisch im Zugriff auf die unmittelbare Realität. In ihren Feststellungen zum eigenen Werk, etwa dem Roman »Johann Holtrop«, sind sie ungemein hellsichtig, zumal die Arbeit an diesem Buch bei Goetz umfangreiche Gedanken zum zeitgenössischen Roman insgesamt ausgelöst hat: »Im Leser sind die alten Romane gegenwärtig, in der Welt die heutige Lebenspraxis, sprachlich völlig anders codiert, und die Erwartung des Lesers ist es, beides im Romantext der Gegenwart vorzufinden. Die Reflexion auf diesen Widerspruch ist das eigentliche Abenteuer des heutigen Romans, experimenteller als jedes Formexperiment: die ahnende Erschließung der in der Sprache sedimentierten Objektivität, von Worten, Syntax, Diktionsanmutungen, der aus ihr heraus mitgeteilten und so in die Vorstellungswelt des Lesers übermittelten Bilder, Stimmungen, Gefühle.«

Solche komplexen Reflexionskonglomerate, die Goetz hier entwirft, liegen allen seinen Texten zugrunde. Auch den Theaterstücken. Die letzten drei sind im Band »Lapidarium« versammelt. Es sind umfangreiche Textflächen, heterogen, vielgestaltig, Prosapassagen, endlos lange Mono- und Dialoge, das wirkt unspielbar – und funktioniert dennoch: »Reich des Todes« und »Baracke« wurden in zahlreichen großen Häusern in Deutschland und Österreich inszeniert. Gerade das Ausufernde, Manische des Goetz’schen Theaterschreibens scheint für Dramaturgen eine spannende Herausforderung zu sein. »Reich des Todes« wurde durch den 11. September und Abu Ghraib motiviert, verschaltet mit NS-Anspielungen, wird es zu einem Stück über das Wesen der Folter. Die Figuren spielen auf reale Personen an, etwa die Protagonisten der damaligen US-Regierung, bleiben jedoch immer so weit in der Schwebe, um auch ganz andere Personifikationen zu ermöglichen. Grotten, der Präsident, sieht sich selbst beispielsweise als »Präsidentikus, Führer, Kaiser und Gott« – das allein zeigt schon die Bandbreite möglicher Geschichtsbezüge –, und er spricht so zu seinen Folterknechten: »Dann schlag ihm wieder ins Gesicht. So also sollst du handeln, ohne zu fragen, warum und ob du das darfst, denn das ist mein Befehl, daß ihr so handelt und das tut, was ich hier befohlen habe (…), diesen Geist euch zu eigen machen, ihn verwirklichen und vollstrecken, so wahr ihr mir untertan, meine Soldaten und Polizisten, Ärzte und Psychologen seid, meine Staatssicherheitsbediensteten und Gefängniswärter und Wärterinnen, Kämpfer gegen das Böse, gute Untertanen, diesem Tagesbefehl gehorsam, Amen und auf immer und weil es so schön ist und hier so gut paßt, heil Hitler, ihr Ärsche. Gesetzlich gekrönt und besiegelt, befohlen. Befehl.«

Das Stück exerziert auf über 170 Seiten den Irak-Krieg, die Folterthematik, die Schrecken des Krieges im allgemeinen und den Gerichtsprozess im Anschluss durch, hier heißt es desillusioniert: »Irgendjemand muß schuld sein am Tod der Toten, an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, an diesem Krieg war keiner schuld? wie ? am Elend der Welt ? Niemand ?« Das verweist treffend darauf, wie schwer es ist die Grausamkeiten militärischer Konflikte aufzuarbeiten, auch nur ansatzweise Gerechtigkeit zu finden und Kriegsverbrecher zu bestrafen. Auch sprachlich ist »Reich des Todes« von großer Vielfalt. Neben hoch poetisierten Passagen, die auf ältere Dramatik anspielen, gibt es rein durcherzählte Prosa, seitenweise innere Monologe der Folterer wie der Gefolterten und auch relativ normale Dialoge – ein regelrechtes Kompendium möglicher Theaterformen. Natürlich schwer zu lesen, aber doch von enormer gedanklicher Fülle und Komplexität. Goetz’ Gestaltung dieses schwierigen Themas mutet an wie ein Spiegelkabinett, von allen Seiten werden die verhandelten Gegenstände reflektiert und abgearbeitet, multiperspektivisch und polymorph, es wäre spannend, eine ganze Reihe von Inszenierungen dieses Textes zu vergleichen, um zu sehen, welche konkreten Aussagen die Regisseure aus diesem Reflexionspanoptikum jeweils in den Vordergrund schieben.

Das zweite Drama im Buch, ­»Baracke«, ist als Familienstück konzipiert. Es zeigt die Entstehung und das Vergehen der Liebe, was besondere Brisanz dadurch gewinnt, dass Beate Tschäpe und Uwe Mundlos, die NSU-Terroristen, die fiktiven Eltern des Geschehens sind. Wie ein Resümee des Familienlebens im Zeichen von Gewalt und Missbrauch wirken diese Sentenzen: »zu nah zu eng zu viel zu laut / zu wenig fern von Wort und Tat und Haut / zu viel Bewußtsein und Gerüche / zu viel Verdacht erkenne Fluch / die Suppe schmeckt nach Klo und Krach / zu wach zu wenig Schlaf zu viel / Versagen müde Schwäche Not / zu viel Baracke Provisorium Tod«.

In »wrong« gibt es Querverweise zu den Stücken, Reden und Publikumsgesprächen, die im Zusammenhang mit Aufführungen standen, sind darin aufgenommen. Zu »Baracke« etwa sagt Goetz, es gehe dabei »um diese beengende Übernähe der Menschen zueinander, das macht der Raum sichtbar, die soziale Bedingung von Intimität, Enge und Verborgenheit in Spannung zum umgebenden Außen von Nichtfamilie, Öffentlichkeit, Welt« – was sozusagen das in Sachtext gegossene Analogon zum primärtextlichen Zitat oben darstellt.

Das dritte Stück im Buch, das titelgebende »Lapidarium«, ist Franz Xaver Kroetz gewidmet, aber auch andere bayerische Künstler wie der Regisseur Helmut Dietl oder der 2022 verstorbene Herbert Achternbusch tauchen auf.

Goetz’ Stücke schaffen es allesamt höchst kunstvoll, durch latente Andeutungen oszillierende Bewusstseinslagen zu erzeugen, die auf verschiedenste Themenkomplexe und historische Bedeutungsschichten verweisen. So gewinnen banalste Abläufe eine immense Inhaltstiefe, ja Bodenlosigkeit. Schwierig, oft kryptisch, aber enorm anregend. Fern jeder Festlegung. Rainald Goetz ist unleugbar einer der wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren, vielleicht der wichtigste. Und wenn siebzig so ist, dann will ich auch siebzig sein.

Rainald Goetz: wrong. Textaktionen. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2024, 367 Seiten, 24 Euro

Rainald Goetz: Lapidarium. Stücke. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2024, 367 Seiten, 32 Euro

Enno Stahl ist Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Kurator. Von ihm erschien zuletzt an dieser Stelle der Erfahrungsbericht »Heine in Kinshasa« in der Ausgabe vom 18./19. November 2023

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