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Aus: Ausgabe vom 31.03.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Niedergang der Industrie

Fate fällt Kettensäge zum Opfer

Größter Reifenhersteller Argentiniens beendet Produktion. Mehr als 22.000 Unternehmen haben während Amtszeit Mileis dichtgemacht
Von Florencia Beloso
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Arbeiter der Fate-Reifenfabrik protestieren gegen den Verlust ihrer Jobs (4.3.2026, Buenos Aires)

Fate ist eines der bekanntesten Unternehmen der argentinischen Industrie. Im Februar hatte der Eigentümer, Javier Madanes ­Quintanilla, beschlossen, die Fabrik in San Fernando, Provinz Buenos Aires, endgültig zu schließen. 920 Arbeiter sind nun ohne Job, der Protesststurm der Belegschaft hält an. »Fate ist die einzige Reifenfabrik aus heimischer Produktion, eine Institution«, betont Alejandro Crespo. Er ist seit 20 Jahren Gewerkschaftsvertreter und bei Fate beschäftigt, sein Vater arbeitete über vier Jahrzehnte lang in der Fabrik. »Früher sponserte das Unternehmen die Trikots von River und Boca«, erzählt er weiter. Das will im fußballverrückten Argentinien etwas heißen. Fate steht für »Fábrica Argentina de Telas Engomadas« (Argentinische Fabrik für gummierte Stoffe).

Fate wurde 1940 gegründet und befindet sich seitdem im Besitz derselben Familie. Die später von Juan Domingo Perón eingeführten Maßnahmen zur Förderung der heimischen Industrie trugen maßgeblich zum Erfolg bei. Doch nun das Aus. »Es ist keine Schließung im herkömmlichen Sinn, sondern eine Aussperrung«, stellt Alejandro Crespo die Situation des Unternehmens klar. »Das alles passierte zu einer Zeit, als ein Arbeitsgesetz diskutiert wurde, das den Interessen der Beschäftigten zuwiderlief, und gleichzeitig landesweit Fabriken dicht machten.«

Die Politik der Regierung von Javier Milei fördert den Niedergang der Industrie. Seit seinem Amtsantritt im Dezember 2023 haben schätzungsweise mehr als 22.000 Unternehmen geschlossen. Fate ordnete nicht nur die Schließung des Werks an, sondern weigert sich auch, den Arbeitern ihre ausstehenden Löhne zu zahlen. Crespo erklärt: »Das ist eine rechtswidrige Handlung, da derzeit die von der Regierung angeordnete obligatorische Schlichtung in Kraft ist, die das Unternehmen zur Zahlung der Löhne verpflichtet und sicherstellt, dass jeder Arbeiter an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt.«

Der Gewerkschafter hebt die strategische Bedeutung des Werks hervor: »Es ist das einzige, das Reifen für Lkw und Busse herstellt, und der Straßentransport ist das vorherrschende Transportmittel für den Güter- und Personenverkehr im ganzen Land.« In ihrer Blütezeit hatte die Fabrik eine Produktionskapazität von fünf Millionen Reifen pro Jahr. Doch der Niedergang hat sich in den letzten Jahren beschleunigt. Die Reduzierung von Importzöllen unter der Regierung Milei verschärfte die Krise zusätzlich. Die Öffnung für Importe, insbesondere aus Asien, führte zu einem Preisverfall und einer verminderten Wettbewerbsfähigkeit. Laut einem Bericht des Beratungsunternehmens PxQ stiegen die Reifenimporte zwischen 2024 und 2025 um 34,8 Prozent, während die Preise in US-Dollar um 38,3 Prozent fielen.

Während der letzten zivil-militärischen Diktatur, deren Beginn am 24. März vor 50 Jahren stattfand, war das Unternehmen nur noch stärker geworden, da es von wirtschaftlichen Maßnahmen und der Verstaatlichung seiner privaten Schulden profitierte. Andererseits war es Schauplatz von Repressionen; drei Arbeiter aus dem Werk, die Teil der sogenannten fabrikübergreifenden Koordinierungskomitees waren, verschwanden spurlos und gelten weiterhin als vermisst. Diese Methode gab es bei allen großen Unternehmen des Landes. Die Unterdrücker suchten die Gewerkschaftsvertreter auf und ließen sie entführen, während die Firmeninhaber finanzielle Vorteile ernteten.

Im ersten Monat des Kampfes um ihre Jobs hatten die Arbeiter bei Fate einen Sanierungsplan auf die Beine gestellt. Sie veranstalten vor den Fabriktoren Benefizmusikfestivals und Suppenküchen. »Die Anwohner kommen mittlerweile vorbei, nicht nur, um ihre Unterstützung für den Protest zu zeigen, sondern auch, um etwas zu essen zu bekommen, angesichts der schwierigen Lage, in der sich das Land befindet«, sagt Alejandro.

Fate war auch ein Symbol für das Wachstum der Arbeiterklasse. »Der Bau ganzer Wohnviertel hängt damit zusammen, wie zum Beispiel der des Stadtteils Fate. Heute betrifft die Schließung die gesamte Bevölkerung des größten Industriegürtels des Landes.« Die Arbeiter setzen ihren Kampf nun vor Gericht fort und versuchen, eine politische Einigung mit Vertretern der Provinzregierung von Buenos Aires zu erzielen, um auf ein Gesetz hinzuwirken, das es der peronistischen Regierung von Axel Kicillof (einem Gegner der nationalen Regierung) ermöglichen würde, das Unternehmen zu übernehmen. Ihre Hoffnung ist, es zum »öffentlichen Versorgungsunternehmen« erklären zu lassen.

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