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Aus: Ausgabe vom 16.02.2026, Seite 6 / Ausland
Religion und Macht

Argentiniens Evangelikale im Aufwind

Präsident Milei hofiert Vertreter und liefert Rahmen für politische Einflussnahme ultrakonservativer Religiöser. Zahl der Gläubigen steigt
Von Florencia Beloso, Buenos Aires
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Die Marginalisierten im Blick: Ein Evangelikaler mobilisiert im Arbeiterviertel Villa Fiorito (Buenos Aires, 27.2.2024)

Im November 2025 hat der argentinische Präsident Javier Milei und sein engstes Team prominente Vertreter der evangelikalen Kirche im Regierungsgebäude empfangen. Einer der Gäste war Franklin Graham, Präsident der Billy Graham Evangelistic Association, gegründet von seinem Vater. Der war in den Vereinigten Staaten als »Pastor der Präsidenten« bekannt und soll eine enge Beziehung zu Richard Nixon, Bill Clinton und George W. Bush unterhalten haben. Sein Sohn setzt das Erbe fort. Bei beiden Amtseinführungen von Donald Trump betete er gemeinsam mit dem US-Präsidenten.

Nach seinem Besuch bei Milei, den Gott »aus einem bestimmten Grund an diesen Ort gebracht« habe, so Graham, leitete der Evangelikale ein religiöses Großevent in einem Fußballstadion in Buenos Aires. Dass sich daran Tausende beteiligten, ist keine vorübergehende Modeerscheinung, sondern zeigt vielmehr das exponentielle Wachstum der Zahl der Menschen, die sich in Argentinien zum evangelikalen Glauben bekennen. Und der Menschen mit Macht und Geld, die diese wirkmächtige Bewegung anführen, obwohl sie viel kleiner ist als in Ländern wie Brasilien.

Laut einer Studie von Conicet (2008) bezeichneten sich 2008 noch neun Prozent als evangelikal, bei einer 2019 durchgeführten Erhebung waren es schon 15,3 Prozent. Einbußen gab es vor allem bei den Katholiken: Von 76 Prozent fiel der Wert innerhalb einer Dekade auf 62,9 Prozent, während die Zahl derjenigen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, ebenfalls von 11,3 auf 18,9 Prozent anwuchs. Einige der Schlussfolgerungen daraus lauteten: Mit höherem Bildungsniveau steigt auch der Anteil derjenigen »ohne Religion«; Evangelikale dominieren wiederum in den unteren Bildungsstufen. Dies erklärt die Präsenz einer evangelikalen Kirche oder eines evangelikalen Tempels in fast jedem Stadtteil von Groß-Buenos-Aires, in der Regel in marginalisierten Gebieten.

In Brasilien sind die Zahlen beeindruckend. Ein Drittel der Bevölkerung identifiziert sich mit diesem Glauben, und mehr als 200 Abgeordnete bilden einen evangelikalen Block im Nationalkongress. Bei den letzten argentinischen Parlamentswahlen gewannen neun Abgeordnete Sitze im Kongress. Alle gehören der Regierungspartei Libertad Avanza (LLA) an. In Brasilien ist der Einfluss der Evangelikalen zugunsten des ehemaligen faschistischen Präsidenten Jair Bolsonaro bekannt. In Argentinien ist der kulturelle und mediale Einfluss jedoch so groß, dass sogar von einem eigenen Kandidaten für 2027 die Rede ist. Dabei handelt es sich um den einflussreichen Pastor Dante Gebel, der eine der beliebtesten Kirchen in den Vereinigten Staaten leitet. Er ist derzeit in den Medien sehr präsent und plant, noch vor Jahresende eine Show im River, dem größten Stadion Argentiniens, zu veranstalten.

Eine weitere bemerkenswerte evangelikale Referenz in der argentinischen Politik findet sich in jeder Rede von Präsident Milei. Er prägte den Ausdruck »Die Kräfte des Himmels«. Dieser Quasislogan stammt aus dem Bibelvers Makkabäer 3:19, und derselbe Ausdruck ist der Name der Gruppe, die Milei unterstützt und sich selbst als seinen »ideologischen bewaffneten Flügel« definiert. Das vollständige Zitat lautet: »Der Sieg im Krieg hängt nicht von der Anzahl der Soldaten ab, sondern von den Kräften, die vom Himmel kommen.« Ein weiterer Führer der evangelikalen Kirche, Pastor Gabriel Ballerini, nahm am Derecha-Fest (einer von der LLA gesponserten Veranstaltung) teil und unterrichtet an einer Firma von Agustín Laje, einem extrem rechten Intellektuellen, der Milei berät.

Die Gruppe »Überlebende kirchlichen Missbrauchs in Argentinien« warnt vor einer zunehmenden Einmischung der Religion in die nationale Politik. Sie prangert an, dass die Regierung Kirchen und religiöse Organisationen, darunter auch evangelikale, als Vermittler bei der Verteilung von Lebensmittelhilfen eingesetzt hat, eine politische Rolle, die zuvor Suppenküchen und sozialen Organisationen zukam. Darüber hinaus wiesen sie darauf hin, dass die Hauptempfänger der vom Staat beschlagnahmten Güter religiösen Einrichtungen angehören, angeführt von evangelikalen Kirchen. Die Gruppe »Catholics for the Right to Decide« argumentiert, dass es zwei wesentliche Faktoren gibt, die die Anpassung der evangelikalen Welt an die heutige Zeit erklären: das Bedürfnis der Menschen nach schnellen Antworten und der Niedergang der katholischen Kirche als führende Kraft in der konservativen Bewegung.

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