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Signifikanten des Tages: Camper

Foto: Eibner Europa/imago
Pelz waschen, aber nicht nass machen: Leitsatz der Camper

Ein Gespenst steht dumm in Europa, das des Campismus. Haltung der Kopflahmen und Korrupten, geht ihm ein Entweder-oder-Schema voraus, das allein dem Entweder dient. Das Urteil steht immer schon fest und muss nur noch – mal mit dem, mal mit dem Gegenteil – begründet werden. Kritiker, die »The Voice of Hind Rajab« antisemitisch nennen, da der Film die Tötung eines Mädchens in Gaza verarbeitet, und sich zwei Tage später auf der Berlinale ergriffen von »Traces« zeigen, worin sexualisierte Gewalt gegen Ukrainerinnen thematisiert wird. Kostümlinke, die ihre Kritik an der Bombardierung Irans nur aufrechterhalten können, wenn sie das Mullahregime bombwashen. Campismus dürfte so alt sein wie die Politik, hegemonial ist er erst im Zeitalter von Social Media geworden, wo sich im politischen Diskurs stets die einfachsten Schablonen durchsetzen.

Ob es am Campismus liegt, dass auch Camping zugenommen hat? Wohl nicht, aber witzig ist es trotzdem. Übernachtungen auf Campingplätzen in Deutschland haben 2025 mit 44,7 Millionen einen neuen Rekord erreicht, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte. Im Vergleich zu 2019 wuchsen sie um 24,9 Prozent an, im Vergleich zu 2024 um 4,2.

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Campismus und Camping haben gemein, dass man sich auf ein Terrain begibt, ohne sich richtig darauf einzulassen. Wer campt, fährt nicht in die Natur, er errichtet einen Kulturwall in der Natur. Ob Zelt, ob Trailer, ob Kleinbus mit Alkoven oder Caravan mit Slide-out, man verlässt sein Zuhause, indem man es mitnimmt. Ottfried hatte in »Der Superstau« alles dabei, es wurde ihm zum Verhängnis. Auch heute ginge es so, mit dem Unterschied, dass mittlerweile ein Thermomix 23 Geräte ersetzt. Vielleicht ist Rasten auf der Autobahn die ehrliste Form des Campings. Auch dem Campismus stünde diese Art Ehrlichkeit gut zu Gesicht.

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.03.2026, Seite 3, Ansichten

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