Ahnenforscher des Tages: Harald Martenstein
Von Felix Bartels
Du warst. Du warst. Ich konnte. Du warst. Ich war. Das war. Du hast. Sie sollte. Sie hatte. Nein, das ist nicht das nächste Fassadengedicht von Gomringer. Es sind des ersten Absatzes Anfänge aus Marten-steins neuester Epistel. Wo hat der Mann nicht schreiben gelernt? Für Gremlizas stattlich dotierten Karl-Kraus-Preis mussten die Preisträger sich verpflichten, nie wieder was zu schreiben. Martenstein hat ihn leider nie erhalten.
Adressat der Epistel: sein Opa. Ein tüchtiger Mann, pflichtbewusst folgte er dem Ruf an die Front. Rasch noch hatte er Martensteins Oma geheiratet, obwohl deren Tochter gar nicht von ihm kam. Martensteins biologischer Opa war zuvor »abgehauen«. Vermutlich nach Moskau, der Schuft. »Der Krieg hatte dich gezeichnet.« So wissen wir schon mal, dass es sich bei Martensteins Opa nicht um Claus Bergen handelt, denn der hat den Krieg gezeichnet. Mehr will Martenstein dann aber auch nicht wissen. Den Anlass zum Bekenntnis machte, »dass die NS-Mitgliederkarteien in den USA neuerdings für alle zugänglich sind. Jeder kann im Netz nachschauen, ob Familienmitglieder in der NSDAP« waren.
Die Wahrheit liegt zur Abholung bereit, doch: »Ich will sie nicht wissen. Ich will genau den Mann in Erinnerung behalten, den ich liebte.« Rührend noch, aber dann wird Harald philosophisch. »Einen anderen darf es nicht geben.« Opa an sich, Opa für mich, Opa an und für mich. Hat Martenstein je Kant gekannt? Das Ding von vielen Eigenschaften geht über in das Ding der tausend Beziehungen. Und hört im Herzen auf zu sein. Was Hegel zur Figur des übergreifenden Allgemeinen herausforderte, führte Markus Gabriel zu der These, dass es die Welt nicht gibt. Man kann den Knoten natürlich auch einfach durchhauen, Alex. Martenstein wird davon soviel wissen wie von Opas Vergangenheit. Ignoranz ist eine Ressource.
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